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Sie geben Einblick in ihr Privatleben, decken Skandale auf, kommentieren das Weltgeschehen und durchforsten das Web: «Blogger» haben ein neues Medium geschaffen - und gewinnen laufend an Einfluss.
Vor drei Jahren war Markos Moulitsas ein Niemand. Er war 30, hatte soeben das Jurastudium abgeschlossen und verdiente als Webspezialist im Silicon Valley etwas Geld. Heute rennt er von einem Interview zum nächsten, verabredet sich mit Kongressabgeordneten und ist sogar den Regierungsangestellten im Weissen Haus ein Begriff.
Den Promistatus verdankt der Jurist seiner Website Daily Kos (www.dailykos.com, zu Deutsch etwa «das tägliche Gefluche»), auf der er News, Kommentare und messerscharfe Analysen zum politischen Geschehen in den USA veröffentlicht - mit klar links-liberalem Einschlag.
Daily Kos entwickelte sich in zweieinhalb Jahren - nicht zuletzt wegen der viel beachteten Berichterstattung zu den letztjährigen Präsidentschaftswahlen - zum erfolgreichsten politischen Weblog (kurz: Blog) in den USA.
Die Site verzeichnet heute im Durchschnitt vier Millionen Leser pro Monat. «Ich wollte anfangs einfach nur schreiben, um mit der politischen Lage meines Landes klarzukommen», sagt Moulitsas.
Ganz Amerika ist vom Blogfieber erfasst. Gemäss einer Studie des Pew Internet & American Life Projects haben acht Millionen Amerikaner ein Blog - 2002 waren es noch rund 150 000.
Schätzungen zufolge kommen jeden Tag 23 000 neue Blogs dazu. 32 Millionen Amerikaner - ein Drittel aller Internetnutzer - haben Ende 2004 angegeben, regelmässig Weblogs zu lesen.
Ein Weblog oder Blog - ein Kunstbegriff aus Web und Logbuch - stellt eine Art Onlinetagebuch dar. Die Autoren, Blogger genannt, schreiben über interessante Sites, die sie im Internet entdeckt haben, oder kommentieren aktuelle Ereignisse. Die neusten Einträge stehen meist zuoberst in ihrem Blog. Sie werden regelmässig, oft mehrmals täglich aktualisiert. Die Texte enthalten Querverweise zu Infos auf anderen Websites und bieten Gelegenheit zur Diskussion über den jeweiligen Eintrag.
Einfach, leicht zu bedienen und kostenlos
Die rapide wachsende Beliebtheit verdanken die Weblogs vor allem dem einfachen System, das dahinter steckt. Eine leicht zu bedienende Software, die viele Provider kostenlos oder günstig anbieten, ermöglicht es nahezu jedem, innert Minuten ein eigenes Weblog zu erstellen und Millionen von Internetnutzern zu erreichen.
«Weblogs geben jedem eine Stimme»
Der Kalifornier Evan Williams entwickelte das erste dieser Tools, Blogger, und brachte damit die Bloggerbewegung ins Rollen. Doch erst mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden Medien und Öffentlichkeit weltweit auf das neue Medium aufmerksam.
Vom Bedürfnis getrieben, ihre Fassungslosigkeit und Trauer mit anderen zu teilen, schilderten Betroffene die Schreckensereignisse in ihren Blogs minütlich und in einer unverblümten und authentischen Art und Weise, wie es die grossen Medien nicht vermochten. Renommierte Newsorganisationen wie CNN griffen auf Videoaufnahmen der Blogger zurück, die bereits im Internet veröffentlicht waren.
Überhaupt waren es vor allem Krisen und Katastrophen, die immer mehr Menschen den Nutzen der Blogs vor Augen führten. Seit Beginn des Irak-Kriegs wandten sich Scharen von Newshungrigen dem Internet zu, weil sie sich von den durch die US-Behörden zensurierten Medien nicht umfassend informiert fühlten.
So genannte Warblogger (Kriegsblogger) - meist Iraker und ausländische Zivilisten - avancierten zu Informationsquellen, weil sie unerschrocken und ungeschminkt vom Leben in der Belagerung erzählten. «Gleichgültig wo du lebst - Weblogs geben jedem eine Stimme», bekräftigt Polit-Blogger Moulitsas.
Eine noch gewichtigere Rolle nahmen die Netzchronisten nach der Seebebenkatastrophe vom 26. Dezember 2004 ein. Sie veröffentlichten nicht nur als Erste Augenzeugenberichte und Videoaufnahmen vom Naturdesaster, sondern wirkten als Informationsnetze auch bei der Koordination der Rettungsmassnahmen, bei der Suche von Vermissten und der Beschaffung von Spendengeldern massgeblich mit.
In den USA lernen die Blogger Politiker und etablierte Medien zunehmend das Fürchten. In ihren Beiträgen - meist eine Mischung aus Newsauslese und Kommentar - zetteln sie politische Debatten an, hinterfragen Machtträger und verweisen auf von der Presse unterschlagene Ereignisse.
Die traditionellen Medien sind denn auch alarmiert. «Mir macht die Verbreitung unkontrollierter Medien im Web mehr Angst als alles andere», sagt Ann Moore, Chefin des US-Medienkonzerns Time. Das «Time Magazine» will als Flaggschiff des Verlags demnächst eine breite Palette von Weblogs lancieren.
Die Schweiz ist in Sachen Blogs ein Entwicklungsland
Derweil entlarven Blogger Politiker und bringen Schummeleien der etablierten Medien ans Tageslicht. So brachten sie letztes Jahr den Starjournalisten Dan Rather von CBS News zu Fall, indem sie seine in einer Sendung präsentierten Dokumente über die Militärzeit von Präsident Bush als Fälschung entlarvten.
In Europa liegt die Verbreitung der Blogs weit hinter jener in den USA zurück. Während die Internettagebücher in Ländern wie Grossbritannien, Frankreich und Polen boomen, sind deutschsprachige Internetnutzer erst daran, das neue Medium zu entdecken.
Rasant verläuft die Entwicklung in Deutschland. Dort ist die Zahl der Blogs in den letzten zwei Jahren von 500 auf 50 000 explodiert. Täglich kommen 120 dazu.
Die Schweiz ist in Sachen Weblogs ein Entwicklungsland. Gemäss Schätzungen finden sich insgesamt zwischen 1000 und 2000 helvetische Blogs im Internet. Damit bloggen 0,6 Prozent der Internetnutzer, in den USA liegt diese Zahl bei 7 Prozent. «Ich staune, dass die Schweizer Bloggerszene nicht lebendiger ist», sagt Mario Purkathofer, Dozent für Neue Medien an der Zürcher Hochschule für Gestaltung (HGKZ).
Martin Hitz, der als Mitarbeiter am European Journalism Observatory an der Universität der italienischen Schweiz das Thema Blogging verfolgt, sieht die zögerliche Verbreitung in der hiesigen Mentalität begründet. «Mit einem Blog exponiert man sich - das entspricht nicht dem Naturell der Schweizer», sagt der 45-Jährige. Er selbst betreibt seit über zwei Jahren das viel beachtete Weblog Medienspiegel.ch mit News und Beobachtungen zum Schweizer Mediengeschehen.
Die meisten Blogs sind private Tagebücher
Eines der bekanntesten Blogs im deutschsprachigen Raum ist das von vier deutschen Journalisten verfasste Bildblog.de. Ebenfalls beliebt ist «Der Schockwellenreiter» (www.blog.schockwellenreiter.de) des Berliner EDV-Dozenten Jörg Kantel. Es überzeugt durch geistreiche Kommentare zu IT, Internet, Musik und vielem mehr.
Obwohl es im Internet fachspezifische Journale zu jedem erdenklichen Thema gibt, besteht der Grossteil der deutschsprachigen Blogosphäre - also die Gesamtheit aller Blogs - aus privaten Onlinetagebüchern. Die vorwiegend jüngeren Blogger berichten darin von mitunter banalen alltäglichen Erlebnissen, von Liebesnöten, Lieblingsbeschäftigungen, Haustieren, langen Trinknächten und öden Familientreffen. Beliebt ist auch das Veröffentlichen von Texten und (Handy-)Schnappschüssen von unterwegs - auch Moblogging genannt.
Eines der meistgelesenen Schweizer Webjournale ist «Une fille du Limmatquai» (www.une filledulimmatquai.ch). Darin hält eine Zürcherin ohne Preisgabe ihrer Identität sprachlich gekonnt Erlebnisse und Beobachtungen aus der Limmatstadt fest. Sie ist eine von vielen Bloggern, die ihre persönlichen Notizen unter dem Schutz der Anonymität ins World Wide Web stellen.
Die Printmedien versuchens ebenfalls mit Weblogs
Die etablierten Medien üben sich gegenüber den «eierlegenden Wollmilchsäuen der Internetpublizistik» («Werbewoche») noch in Zurückhaltung. Einzelne Zeitungen versuchen jetzt aber, die abwandernde Leserschaft mit thematisch breit gefächerten Onlinejournalen zurückzugewinnen. So sind Publikationen wie der «Tages-Anzeiger», «Die Weltwoche», «Der Bund» und die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» mit einem oder mehreren Weblogs im Internet präsent.
Branchenkenner sind überzeugt, dass den Blogs in diesem Jahr im deutschsprachigen Raum der Durchbruch gelingen wird. Kenner der Bloggerszene zweifeln jedoch daran, dass auch in der Schweiz Onlinetagebücher wie Pilze aus dem Boden schiessen werden.
Martin Hitz, Autor des «Medienspiegels», glaubt, dass das wenig polarisierte Schweizer Vielparteiensystem kaum Nährstoff für das Gedeihen einer debattierfreudigen Blogszene bietet. Zudem würde das wenig ausgeprägte Mitteilungsbedürfnis der rasanten Verbreitung von Netzjournalen im Weg stehen. Sein Fazit: «Ich glaube, in der Schweiz wird der grosse Blogboom ausbleiben.»
Marc Baumann lebt als Journalist in Los Angeles. In seinem Weblog beachnotes. blogspot.com hält er Beobachtungen aus seinem Leben in den USA fest.
So starten Sie Ihr eigenes Blog
Eine einfache Software ermöglicht es, innert weniger Minuten ein eigenes Netztagebuch anzulegen. Die Bearbeitung des Blogs findet direkt in der Browser-Software statt. Technische Kenntnisse sind nicht nötig, genauso wenig wie eine eigene Website.
Je nach Anbieter lassen sich mit ein paar Mausklicks Layout, Design und Schrift aus mehreren Vorlagen auswählen. Empfehlenswerte, deutschsprachige Bloganbieter für Einsteiger sind:
- www.blogger.com Populärer Gratis-Anbieter von Google, einfache Handhabung, zahlreiche Design-Vorlagen
- www.20six.de Basispaket mit 1 MB Speicher gratis
- www.blogigo.de Basispaket mit Werbung gratis
- www.blogg.de Basispaket mit Werbung gratis
- www.twoday.net Basispaket mit 3 MB Speicher gratis
- www.kaywa.ch Einziger Schweizer Anbieter, drei kostenpflichtige Pakete
- www.typepad.de Bezahldienst für anspruchsvollere Blogger
Blogs zu Politik, Privatem, Lifestyle, Medien und Internet
Zeitungsblogs
- www.weltwoche.ch/
weblogs News, Beobachtungen und Gedanken von vier «Weltwoche»-Autoren
- http://metropolitans.kaywa. ch Notizen der Korrespondenten des «Tages-Anzeiger» aus Washington, Rom und Moskau
- www.zeit.de/blogs Sechs Onlinejournale der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit»
- http://welt.kaywa.ch Kommentare der «Bund»-Korrespondenten zur Lage der Welt
- http://blog.handelsblatt.de/ adhoc Weblog des deutschen «Handelsblatt»
Kultur & Lifestyle
- http://kino.kaywa.ch Kinoblog des «Tages-Anzeiger»
- www.20six.de/kultur chronist Kulturblog eines Stuttgarters
- http://buch-inhalte.blog spot.com Deutsches Buchblog
- http://politikvisuell.twoday. net Blog zu Kunst und Politik
- www.kuechenzeilen.de Notizen zu Lifestyle und Gastro
- http://drinktank.blogg.de Notizen zu Speis und Trank
- www.pommeswelt.de/
frittenblog News rund um Pommes frites und Fast Food
Medien und Internet
- www.medienspiegel.ch Notizen zur Schweizer Medienlandschaft
- www.dienstraum.com News zu Medien und Technologie
- www.bildblog.de Irrtümer und Skurrilitäten der Boulevardzeitung «Bild»
- www.schockwellenreiter.de «Die tägliche Ration Wahnsinn»
- www.gadgetmania.de Technikspielereien und Kuriositäten
Private Onlinetagebücher
- www.carola-heine.de Deutsche Bloggerin der ersten Stunde
- www.unefilledulimmat quai.ch Tagebuch einer Zürcherin
- www.alles-wird-gut.net Eine Deutsche in Zürich
- http://garbageman.ant ville.org Wegwerfnotizen eines Berners
- www.stefanbucher.net/
blog Persönliches eines Zürcher Internetspezialisten
- www.bernergazette.ch Onlinejournal von drei Berner Journalisten
- www.kay-x.net Witziges Tagebuch mit Keks
Verzeichnisse deutschsprachiger Blogs
- www.swissblogs.com und www.blog.ch Liste mit Blogs aus der Schweiz
- http://blogverzeichnis.de Deutsche Blogs
Blogs in Englisch
- www.cursor.org Tägliche Nachrichtenauslese zu US-Politik und -Wirtschaft
- www.dailykos.com Progressives Polit-Blog
- http://andrewsullivan.com Konservatives Polit-Blog
- www.wonkette.com
Polit-Klatsch und -News aus Washington
- www.gizmodo.com Aktuelle Meldungen zu Gadgets
- www.defamer.com Klatsch und News aus Hollywood
- www.iraqblogcount.
blogspot.com Portal von Kriegsblogs aus irakischer Sicht
23. März 2005 | Marc Baumann
