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Asylsuchende sollen für die Erkennung von Tuberkulose nicht mehr geröntgt, sondern befragt werden. Das spart Geld, birgt aber Risiken.
Alle 15 Sekunden stirbt ein Mensch an Tuberkulose» - «Erkrankungen in Afrika haben sich verdreifacht»: Aktuelle Berichte von Gesundheitsorganisationen zeigen, dass die früher als Schwindsucht bekannte Infektionskrankheit noch lange nicht gebannt ist.
Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zählt die Tuberkulose zu jenen Krankheiten, die «konstant überwacht» und bei denen «beträchtliche Anstrengungen unternommen werden müssen, um das Erreichte zu erhalten».
In der Schweiz jedes Jahr rund 600 neue Tuberkulosefälle
Erstaunlich ist deshalb, dass die Gesundheitsbehörde grenzsanitarische Untersuchungen für Asylsuchende per Jahresende einstellt. Bislang umfassen die Untersuchungen das Röntgen der Lunge, Abklärung von Tuberkulose und Hepatitis B sowie verschiedene Impfungen. Künftig sollen der Tuberkulintest und das Röntgen durch eine gezielte Befragung nach Krankheitszeichen ersetzt werden.
In der Schweiz erkranken jährlich gut 600 Personen an Tuberkulose. Etwa 240 Fälle betreffen Schweizer; die meisten von ihnen sind ältere Personen, die übrigen jüngere Einwanderer.
Mit dem Wegfall von Impfungen und Tuberkulosetests will das BAG jährlich 2,3 Millionen Franken sparen. Das Amt geht davon aus, dass dies «zu einigen wenigen zusätzlichen Erkrankungen pro Jahr führt. Angesichts der guten Behandlungsmöglichkeiten kann dieses Risiko in Kauf genommen werden.» Das BAG betont, dass die Tuberkulose vornehmlich in Afrika und den ehemaligen Sowjetrepubliken zunimmt. Weil aber ein grosser Teil der Asylsuchenden aus diesen Gebieten kommt, birgt die Sparpolitik auch Risiken.
«Mit den bisherigen Reihenuntersuchungen sind wir gut gefahren», sagt Christoph Kronauer. Der Lungenfacharzt hat im Zürcher Waidspital beinahe täglich mit Tuberkulosepatienten zu tun und ist überzeugt, dass frühe Krankheitszeichen durch eine Befragung nicht erfasst werden können. Die bekannten Symptome wie Husten, Müdigkeit und Fieber treten erst im fortgeschrittenen Stadium auf.
«Mit unserem Lebensstandard in der Schweiz sind wir in der Regel weniger gefährdet», glaubt Kronauer. Er warnt aber: «Tuberkulose kann sich auch bei uns vor allem in Randgruppen ausbreiten» - etwa bei Aids- oder Suchtkranken.
Etwa 20 Fälle pro Jahr würden an der Grenze nicht erfasst, schätzt Jean-Pierre Zellweger, medizinischer Berater der Lungenliga. «Zu einer grossen öffentlichen Bedrohung wird dies nicht», glaubt er. Zellweger kritisiert aber, dass der Bundesrat entschieden hat, ohne wissenschaftliche Daten zu berücksichtigen: «Es gibt keine Pilotstudie, die zeigt, wie wirkungsvoll die Befragungen sind.»
Keine Einsparung, nur eine Verlagerung der Kosten
Auch bezüglich der Einsparungen ist der Experte skeptisch. «Eine sorgfältige Befragung braucht Zeit», so Zellweger. Am Ende würden dann doch wieder viele Personen geröntgt, weil sie husten oder andere Symptome zeigen. Im Endeffekt komme es gleich teuer, aber der administrative Aufwand sei höher.
«Die Kosten werden einfach an einem anderen Ort als beim BAG anfallen», vermutet der Impfexperte Daniel Desgrandchamps. «Die Ausgaben für die individuellen Abklärungen und fürs Impfen werden an die Krankenkassen ausgelagert.»
Die Versicherer können sich nicht widersetzen, denn die kantonalen Sozialdienste zahlen Krankenkassenprämien für die Asylbewerber. Tuberkuloseuntersuchungen und Impfungen gehören zu den Pflichtleistungen.
Resistente Bakterienstämme
Jedes Jahr erkranken weltweit fast 9 Millionen Menschen an Tuberkulose. Besonders stark betroffen ist Afrika. Aber auch in Osteuropa steigt die Zahl der Fälle. In den früheren Sowjetrepubliken liegt der Anteil der Erkrankungen durch antibiotikaresistente Tuberkulosestämme bereits bei 14 Prozent.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor allem vor einer weiteren Ausbreitung in China. Durch resistente Bakterienstämme wird die Behandlung langwieriger und bis zu 20-mal teurer. Die Medikamente der zweiten Stufe haben zudem oft schwere Nebenwirkungen.
27. April 2005 | Sigrid Cariola
