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Neue Medikamente - wie zum Beispiel Deroxat - helfen nicht gegen Depressionen. Im Gegenteil: Sie erhöhen das Selbstmordrisiko, vor allem bei jugendlichen Patienten.
Der Titel lautet: «Lebensgefährliche Plazebos?» Die neueste Ausgabe des kritischen deutschen Fachblatts «ArzneiTelegramm» nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Antidepressiva geht. Im Brennpunkt stehen die so genannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Zu ihnen gehören Medikamente mit dem Wirkstoff Paroxetin oder Sertralin.
Die Vorwürfe sind happig: Die Medikamente würden Selbstmorde von Patienten nicht nachweislich verhindern, sondern die Gefahr im Gegenteil tendenziell erhöhen. In gewissen Studien stieg das Risiko für einen Suizidversuch auf das Doppelte. Und: Der Nutzen der Medikamente würde «nur unwesentlich über dem von Plazebos», also Scheinmedikamenten, liegen.
Die Fachzeitschrift stützt sich auf Aussagen der US-Aufsichtsbehörde. Diese hatte für die Zulassung von solchen Medikamenten 47 Studien analysiert und herausgefunden: Der Plazeboeffekt macht mehr als 90 Prozent des Erfolgs aus. Somit sind die teuren Tabletten kaum wirksamer als Zuckerpillen.
Die Zulassungsbehörden mehrerer Länder sind mittlerweile aktiv, weil sie glauben, dass die Antidepressiva nicht sicher genug sind. Vor allem eines der verbreitetsten Mittel in der Schweiz, das Deroxat mit dem Wirkstoff Paroxetin, steht seit einiger Zeit im Brennpunkt:
- Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA verordnete letztes Jahr spezielle Warnhinweise für die Packungszettel von Deroxat, die schwarz umrandet auf die Suizidgefahr für junge Menschen aufmerksam machen.
- Die englische Behörde entschied gar, Deroxat für Jugendliche zu verbieten. Dies, nachdem sich der Verdacht erhärtete, dass sich auch Jugendliche unter Paroxetin vermehrt das Leben nahmen. Die Europäische Arzneimittelagentur schloss sich dieser Weisung an.
Studien: Negative Ergebnisse unterschlagen
Hersteller von Antidepressiva kommen immer mehr unter Beschuss: Sie haben Studienergebnisse jahrelang der Öffentlichkeit vorenthalten, wie kürzlich ein Bericht der renommierten britischen Medizinzeitschrift «Lancet» belegte (siehe auch Gesundheitstipp 1/05).
Gegen den Deroxat-Hersteller Glaxo-Smith-Kline hat der New Yorker Generalstaatsanwalt inzwischen Anklage erhoben. Der Vorwurf: Glaxo habe in fünf Studien die Wirkung ihres Antidepressivums Deroxat geprüft, jedoch nur jene veröffentlicht, die ein günstiges Licht auf das Medikament werfe. Die Bilanz der restlichen vier Untersuchungen hingegen sei vernichtend.
Auch das «Arznei-Telegramm» kritisiert Pharmafirmen scharf, die negatie Studienergebnisse verheimlichen: «Die durch die Hersteller herbeigeführte Datenschieflage ist besorgniserregend und nährt Misstrauen selbst bei den Zulassungsbehörden.»
Glaxo-Smith-Kline weist gegenüber dem Gesundheitstipp alle Kritiken zurück. Sprecher Eric Bandle bestreitet, dass Deroxat das Suizidrisiko um 50 Prozent erhöht. Dazu gäbe es keine Studien. Die europäischen und auch die Schweizer Gesundheitsbehörden hätten festgestellt, dass die Wirkung der Medikamente bei Erwachsenen unbestritten sei. Nur Kinder und Jugendliche sollten sie nicht nehmen. Zudem würde Glaxo die Studienergebnisse mit Kindern und Jugendlichen «seit einem halben Jahr» im Web veröffentlichen (www.gsk.com/index.htm).
08. Juni 2005 | Von Regula Schneider - redaktion@gesundheitstipp.c
