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Artikel | Gesundheits-Tipp 6/2005

Heilende Blutsauger

Lange waren Blutegel in Vergessenheit geraten - nun haben Ärzte sie wiederentdeckt. Die Blut saugenden Ringelwürmer leisten nützliche Dienste.

Der 32-jährige Marcel Wohlgensinger sitzt auf dem Hocker im Behandlungszimmer von Dominique Kähler. Er hat Schmerzen in der rechten Schulter - die Folge eines schweren Arbeitsunfalls. Die Ärztin holt aus einem grossen Gefäss einen Blutegel, legt ihn in ein kleines Glas und setzt dieses auf die Schulter von Wohlgensinger. Es dauert nicht lange, bis der Egel sich eine Stelle auf der Haut ausgesucht hat. Seine drei Kiefer mit je rund 80 winzigen Kalkzähnchen bohren sich ins Fleisch.

Doch unangenehm ist das nicht: «Es fühlt sich im ersten Moment an wie eine Brennnessel. Danach ist es schmerzlos», sagt Marcel Wohlgensinger. Die Ärztin setzt vier weitere Egel auf die Haut. Sie pumpen das Blut in ihre Körper. Nach rund vierzig Minuten fallen sie ab - satt und dick. Aus den fünf kleinen Wunden, die sie hinterlassen, rinnt hellrotes Blut. «Es blutet bis zu zwölf Stunden», bestätigt Kähler. Deshalb sei ein dicker Verband nötig. Die Ärztin hat viel Erfahrung mit Blutegeln. Deshalb bildet sie auch Therapeuten aus.

Vor einigen Jahren haben Mediziner die Blutegeltherapie wieder-entdeckt. So zum Beispiel in der plastischen Chirurgie des Universitätsspitals Basel. Dort verwendet man Blutegel vor allem bei venösen Stauungen. «Erfolgreich», wie die stellvertretende Oberärztin Mirjam Zweifel-Schlatter bestätigt. Solche Stauungen können bei wieder angenähten Ohren, Fingern oder anderen Gewebetransplantationen auftreten, wenn mehr arterielles Blut in das Gewebe hineinfliesst, als venöses Blut hinausfliesst. Eine solche Stauung kann zum Absterben des Gewebes führen.


Heilsame Stoffe aus dem Speichel der Blutegel

Zum Beispiel bei einer 56-jährigen Patientin nach einer Brustverkleinerung. Die Chirurgen mussten bei der Bruststraffung die Brustwarzen weiter oben annähen. Mirjam Zweifel-Schlatter: «Kurz nach der Operation schwoll die rechte Warze an und verfärbte sich bläulich.» Zwei Tage setzten die Ärzte Egel an die Brustwarze. Danach floss das gestaute Blut wieder ab und das Gewebe erholte sich.

Wirksam bei der Blutegel-Therapie ist das Absaugen von Blut - so wie bei einem Aderlass. Zusätzlich geben die Tiere mit ihrem Speichel heilsame Stoffe ins Blut ab, die unter anderem die Blutgerinnung hemmen. Weitere Stoffe lockern das Gewebe, erweitern die Gefässe, wirken leicht betäubend oder entzündungshemmend. Blutegel können deshalb bei einer Vielzahl von Krankheiten helfen. Zum Beispiel bei Hämorrhoiden, Arthrose, Kopfschmerzen, Krampfadern, Furunkeln oder Tinnitus.

Die besten Erfahrungen machte Dominique Kähler bei Blutergüssen, Zerrungen, Hämorrhoiden und Furunkeln. «Bei Krampfadern oder Besenreisern helfen Blutegel nur vorübergehend.» Das eigentliche Problem - die kaputten Venenklappen - können sie nicht reparieren. Auch bei Tinnitus ist Kähler eher skeptisch.


Durchschlagender Erfolg bei Gelenkproblemen

Erst kürzlich zeigte eine deutsche Studie, dass Blutegel selbst bei Kniearthrose gut helfen. Die Forscher verglichen eine einmalige Blutegel-Behandlung mit einer einmonatigen Therapie mit dem Medikament Diclofenac. Dann überprüften sie, wie sich die Therapien auf Schmerz, Steifheit und Funktionsfähigkeit des Knies ausgewirkt hatten. Das Resultat: Die Patienten, die mit Blutegeln behandelt worden waren, konnten ihr krankes Knie deutlich besser bewegen und hatten weniger Schmerzen als jene, die Medikamente erhalten hatten.

Auch die 35-jährige Isabelle Romer aus Benken SG schwört auf Blutegel bei Gelenkproblemen. Vor zwei Jahren bekam sie wegen Ablagerungen Schmerzen im Fingergelenk. Ihr Arzt empfahl eine Blutegel-Therapie. Der Erfolg war durchschlagend: Nach der einmaligen Behandlung waren die Schmerzen weg. Als vor einem Jahr ein anderes Fingergelenk zu schmerzen begann, liess sich Romer wieder erfolgreich mit Blutegeln behandeln. Zurückgeblieben sind nur zwei kleine Y-förmige Narben. «Die stören mich nicht», sagt Isabelle Romer. Auch ihre Angst vor Infektionen war unbegründet. Denn Blutegel darf man nur einmal für die Therapie verwenden. Das verhindert, dass Krankheiten von einem Patienten auf den anderen übertragen werden.

Die Nebenwirkungen der Therapie sind in der Regel harmlos: Die Bissstelle kann sich röten und jucken - besonders während des Heilungsprozesses. Gelegentlich können leichte Kreislaufprobleme und Schwindel auftreten oder ein Bluterguss. Nur in seltenen Fällen reagieren Patienten allergisch, blutet die Wunde übermässig lange nach oder es treten Infektionen auf. Im Universitätsspital Basel gab es in den letzten vier Jahren nur gerade einmal einen Infekt an der Bissstelle, wie Oberärztin Mirjam Zweifel-Schlatter berichtet. Dank Antibiotika heilte er folgenlos ab.

Trotz der geringen Nebenwirkungen sollte man die Behandlung mit Blutegeln geschulten Therapeuten überlassen.

Buchtipp: Claudia und Karla Moser: «So hilft Ihnen die Blutegel-Therapie», Haug Verlag, Fr. 22.70



Bei diesen Leiden helfen sie:

- Arthrose
- Blutergüsse
- Furunkel und Abszesse
- Hämorrhoiden
- Kopfschmerzen
- Krampfadern
- Menstruationsprobleme
- Muskelkrämpfe
- Tinnitus
- Venenentzündungen
- Venöse Stauungen nach Replantation von Körperteilen
- Verstauchungen und Zerrungen
- Sehnenentzündungen
- Rückenverspannungen

Wo Blutegel nicht angewendet werden dürfen:
- Gestörte Blutgerinnung (angeboren oder aufgrund von Medikamenten)
- Allergie gegen das Sekret des Blutegels
- Geschwächtes Immunsystem

Eine Liste von Blutegel-Therapeuten erhalten Sie gegen ein frankiertes C5-Rückantwortcouvert bei:
Redaktion Gesundheitstipp, Blutegel, Postfach 277, 8024 Zürich

08. Juni 2005 | Sonja Marti - smarti@gesundheitstipp.ch


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