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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2005

Die Alternativen zu den Medikamenten

Studien belegen: Antidepressiva haben einen geringen Nutzen, dafür ein hohes Risiko. Vielen Patienten hilft eine Psychotherapie. Auch pflanzliche Heilmittel oder eine Lichttherapie wirken.

Die Alternativen zu den Medikamenten

Tagelang blieb die 17-jährige Nadine Anthamatten (Name geändert) im Bett. Nadines Mutter war verzweifelt. «In meiner Not wandte ich mich an den Hausarzt», erinnert sie sich. Dieser verschrieb ein Antidepressivum aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Drei Wochen später nahm sich Nadine das Leben.

Das Medikament, das auch Nadine Anthamatten geschluckt hatte, löst im Schnitt 26 Tage nach Behandlungsbeginn bei manchen Patienten Suizidgedanken aus. Zudem nützen SSRI oft nicht viel mehr als Plazebos (Gesundheitstipp 06/05). Dies belegen mehrere Studien.

Ob Nadine noch am Leben wäre, wenn sie keine SSRI genommen hätte, bleibt offen. «Ich hätte meine Tochter vermutlich anders behandeln lassen, wäre ich vom Arzt über die Risiken informiert worden», sagt Nadines Mutter heute.


Notfalls brauchts die Einweisung in eine Klinik

Trotzdem bleibt bei schweren Depressionen oft keine andere Wahl als die Behandlung mit Antidepressiva. «Dann muss man alles unternehmen, um den Patienten aus der Gefahrenzone zu bringen», sagt Peter Bäurle, leitender Arzt im Bereich Alterspsychiatrie der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG. Manchmal sei sogar die Einweisung in eine Klinik nötig. Bäurle erklärt: «Suizidgefährdete Patienten brauchen eine Betreuung rund um die Uhr.»

Bei leichten und mittleren Depressionen gibt es jedoch wirkungsvolle Alternativen zu den Antidepressiva. Cornelia Marty aus Oberägeri ZG nimmt ein Johanniskraut-Präparat. «Das ist ein hundertprozentiges Naturprodukt», sagt sie. «Haut und Augen reagieren zwar empfindlicher auf Sonnenlicht. Schwere Nebenwirkungen spüre ich aber nicht.»

Cornelia Marty hat auch Erfahrungen mit Antidepressiva gemacht - aber keine guten: «Nachdem ich an einer Erschöpfungsdepression erkrankt war, nahm ich während kurzer Zeit diese Medikamente», berichtet sie. «Sie haben meine Persönlichkeit verändert. Ich konnte meine Gefühle nicht mehr zeigen.»

Peter Bäurle bestätigt: «Johanniskraut-Präparate haben weniger Nebenwirkungen als Antidepressiva.» Die von Cornelia Marty beschriebene höhere Empfindlichkeit auf Sonnenlicht sei eine typische Nebenwirkung des Johanniskrauts. «Sie kommt aber längst nicht bei allen Patienten vor», sagt Bäurle. Johanniskraut könne jedoch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten verursachen - etwa mit Herzmedikamenten, der Antibabypille oder Blutverdünnern.


«Antidepressiva machen Patienten abhängig»

Nachhaltiger als chemische oder pflanzliche Heilmittel wirkt die Psychotherapie. Davon ist Marc Rufer, Arzt und Psychotherapeut in Zürich, überzeugt. Heute werde zu viel Wert auf die Behandlung mit Medikamenten gelegt. Rufer: «Bei der Therapie von Depressionen muss man sich fragen: Was ist im Leben des Patienten schief gelaufen? Welche Ereignisse haben eine Depression verursacht?»

Die Patienten sollten aus eigener Kraft aus der Depression herauskommen, sagt Rufer. Dies sei entscheidend für die Heilung. Mit Medikamenten sei das nicht möglich. «Ich bin überzeugt, dass sich mit Antidepressiva nichts heilen lässt. Scheinbar verbessert sich der Zustand des Patienten. Doch die Antidepressiva machen ihn abhängig - vom Arzt und vom Medikament. Dies ist für den Patienten eine sehr grosse Belastung.»
Ob sich jemand für eine Gesprächstherapie, eine Verhaltenstherapie oder eine andere Therapieform entscheidet, ist nebensächlich. Gaby Rudolf, Mitarbeiterin der Beratungsstelle Pro Mente Sana, sagt: «Entscheidend für den Behandlungserfolg ist, dass sich der Patient beim Therapeuten wohl fühlt und den Eindruck hat, ernst genommen zu werden.»


Täglich Sport treiben statt Antidepressiva schlucken

Sehr wirksam und dazu kostengünstig ist - Sport. «Körperliche Betätigung ist ausserordentlich wichtig, damit sich depressive Menschen aus dem Zustand der Erstarrung befreien und sich besser spüren können», sagt Heinz Böker, Leitender Arzt in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Eine Studie zeigte, dass intensives Training ähnlich wirkt wie Antidepressiva - aber nur, wenn die Patienten täglich mindestens eine halbe Stunde lang Sport treiben.

Wenn die Tage kürzer werden, leiden manche Menschen an einer speziellen Form der Depression, häufig auch Winterblues genannt. «Hier hilft eine Lichttherapie», erklärt Heinz Böker. «Bei länger anhaltenden Depressionen ist sie aber nur als begleitende Behandlung geeignet.»



Depressionen: Gratis-Merkblatt, Gegen ein frankiertes C5-Rückantwortcouvert an Redaktion Gesundheitstipp, Postfach 277, 8024 Zürich oder zum Herunterladen unter www. gesundheitstipp.ch

26. Oktober 2005 | Andreas Gossweiler


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