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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2005

Im Wirbelsturm der Gefühle

Die Betroffenen wirken gesund und sind oft sehr begeis-terungsfähig - doch plötzlich kippt die Stimmung der Borderliner. In solchen Momenten greifen viele sogar zum Messer, um sich selber Schmerzen zuzufügen.

Regelmässig litt die 28-jährige Vanessa Bolliger unter Panikattacken, wenn sie mit dem Bus durch die Stadt fuhr. «Eines Tages kam ich heim, nahm ein Küchenmesser aus der Schub-lade und schnitt mir in den Arm», schildert sie. «Ich merkte, wie dadurch die ungeheuren Spannungen verschwanden.» Schmerzen spürte sie dabei nicht, «nur Erleichterung».

Vanessa Bolliger leidet an einer Borderline-Störung. Gezielte Selbstverletzungen sind ein typisches Symptom für die Krankheit. Etwa zwei Drittel der Betroffenen verletzen sich selber. «Sie versuchen, sich mit diesen Verletzungen vor unerträglichen Gefühlen zu schützen», erklärt der Psychotherapeut Andreas Knuf. Als Border-line-Syndrom bezeichneten Ärzte und Psychologen ursprünglich eine ganze Gruppe von Störungen an der Grenze - an der «Borderline» - zur Psychose. Mittlerweile ist sich die Fachwelt einig: Die Borderline-Störung ist eine klar abgrenzbare psychische Krankheit. In der Schweiz sind etwa 100 000 Menschen davon betroffen.

Borderline-Patienten erleben Gefühle unmittelbarer und heftiger als andere Menschen. «Die Gefühle kommen schneller, sind intensiver und klingen langsamer wieder ab», so Andreas Knuf. Und die Betroffenen schaffen es häufig nicht, diese Gefühle zu kontrollieren und zu bewältigen. Innert Minuten kann aus grosser Freude tiefste Verzweiflung und aus Liebe grenzenlose Wut werden.

«Doch nicht nur die negativen Gefühle werden intensiv erlebt, auch die positiven», betont Knuf. «Borderline-Betroffene sind deshalb oft sehr kreativ, lebendig und begeisterungsfähig.»

Eine genaue Ursache für das Borderline-Syndrom kennen die Fachleute nicht. «Wissenschaftliche Untersuchungen weisen aber auf eine Wechselwirkung zwischen Veranlagung und stark traumati-sierenden Erfahrungen in der Kindheit und Jugend hin», sagt der deutsche Professor und Borderline-Spezialist Martin Bohus. Er ist ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. «Viele Borderline-Patienten haben in der Kindheit sexuellen Missbrauch oder körperliche Gewalt erlebt.»


Ein normales Leben trotz Borderline-Syndrom

Ein spezielles Medikament gegen Borderline-Störungen gibt es nicht. Allerdings verschreiben die Ärzte Betroffenen in akuten Krisen ambulant Medikamente gegen einzelne Symptome wie Depressionen oder Schlaflosigkeit, andere müssen sich vorübergehend in einer psychiatrischen Klinik behandeln lassen.

Doch Patienten können lernen, mit ihren extremen Gefühlsschwankungen umzugehen. So gelingt es einigen Borderline-Betrof-fenen, trotz ihrer Krankheit ein normales Leben zu führen. Sie sind beruflich erfolgreich und haben einen festen Freundeskreis. «Vielen fällt es leicht, immer wieder eine neue Stelle zu finden. Sie haben viele Fähigkeiten und können andere von ihren Kompetenzen überzeugen», sagt Andreas Knuf.

Häufig brechen sie dann aber eine Anstellung frühzeitig ab. Auch persönliche Beziehungen mit Borderline-Patienten sind oft intensiv, aber schnell wieder zu Ende. Weil Borderline-Betroffene sehr schnell heftige Gefühle entwickeln, können schon kleine Auseinan-dersetzungen zu grossen Wutausbrüchen führen. Andreas Knuf: «Viele Borderline-Betroffene haben einen enormen Lebenswillen. Trotz zahlreicher Misserfolge versuchen sie immer wieder, im Alltagsleben Fuss zu fassen.»

Auch Vanessa Bolliger kehrt nach ihrem Klinikaufenthalt nun langsam zurück in den Alltag. Jede Woche besucht sie eine Psychotherapie. «Ohne diese Begleitung und Unterstützung wäre es für mich so gut wie unmöglich, meinen Alltag ausserhalb der Klinik zu bewältigen», sagt sie.


Scharfe Gewürze helfen gegen die drohende Krise

Trotz Therapie gerät Vanessa Bolliger immer wieder in Krisen mit heftigen Gefühlen. Betroffene müssen lernen, ihre starke Anspannung zu überwinden, ohne sich dabei selbst zu verletzen. Das ist möglich mit Hilfe von anderen starken Sinnesreizen. Diese setzt Vanessa Bolliger bewusst ein, wenn sich erste Anzeichen einer Krise zeigen.

Ein entsprechendes Notfallset hat sie stets dabei: Unter anderem ein scharfes Tabasco-Gewürz, das auf der Zunge brennt, und einen stachligen Hartgummiball. «Solche Sinnesreize holen mich in die Wirklichkeit zurück», erklärt die junge Frau. Andere Betroffene beissen auch auf frischen Meerrettich, nehmen Eiswürfel in die Hand oder lenken sich mit Musik ab.

Geheilt fühlt sich Vanessa Bolliger jedoch nicht. «Es ist ein Auf und Ab. Doch ich habe einen Weg gefunden, mit diesen Spannungen zu leben.»



Hier gibt es Rat und Hilfe

- Pro Mente Sana: Telefonische Beratung 0848 800 858 (Mo, Di, Do 9-12 Uhr und Do 14-17 Uhr). Broschüre «Borderline - Die Krankheit verstehen und Hilfe finden», Fr. 10.-, zu bestellen unter www.promentesana.ch.
- www.borderline-syndrom.ch
- www.borderline-plattform.de
- www.borderline-community.de



Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Fachleute diagnostizieren Borderline anhand von verschiedenen Verhaltensweisen. So haben Borderline-Patienten oft:

- instabile, aber intensive zwischenmenschliche Beziehungen. Diese sind gekennzeichnet durch extreme Warnehmungsschwankungen zwischen Idealisierung und Entwertung,
- eine gestörte Selbstwahrnehmung,
- verzweifelte Angst vor dem Verlassenwerden,
- impulsives und schädliches Verhalten beim Geldausgeben und in der Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren und «Fressanfälle»,
- wiederholte Selbstmordversuche und -drohungen oder Selbstverletzungen hinter sich,
- starke Verstimmungen, Reizbarkeit oder Angst,
- chronische Gefühle von Leere und Langeweile,
- unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren,
- vorübergehende, durch Belas-tungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder ähnlich Symptome.

Psychologe Andreas Knuf: «Betroffene sind oft sehr kreativ»

26. Oktober 2005 | Esther Diener-Morscher


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