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Formaldehyd, Lösungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel bedrohen die Gesundheit. Mit der geeigneten Materialwahl lassen sich Wohngifte aber vermeiden.
Kürzlich wurde das Haldenschulhaus in St. Gallen saniert. Seither gast Formaldehyd in die Schulzimmer aus. Die Konzentrationen liegen jedoch unter dem Grenzwert und sinken zudem ständig. Massnahmen müssen deshalb nicht ergriffen werden.
Oft aber kommen Wohngifte teuer zu stehen: So wurden etwa bei der Renovation des Zürcher Schulhauses «Im Gut» Böden, Wände, Decken und Fensterfronten erneuert. Bald darauf klagten Lehrer und Schüler über Augen- und Atemwegsreizungen. Messungen der Innenluft zeigten, dass der vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) festgelegte Formaldehyd-Grenzwert überschritten war. Vermehrtes Lüften half wenig, das Schulhaus musste zur Sanierung geschlossen werden.
Die Schuldigen: Formaldehyd und Lösungsmittel
Formaldehyd kann sowohl von Holzwerkstoffen als auch von Leimen und Parkettlacken abgegeben werden. Entsprechend schwierig gestaltete sich in der Schule die Suche. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis ein Furnierleim im Fensterbereich als Formaldehydabspalter identifiziert und die entsprechenden Teile ausgewechselt werden konnten.
«Materialien, die Formaldehyd ausgasen, sollten in Schul-, Arbeits- und Wohnräumen sehr zurückhaltend eingesetzt werden. Am besten weicht man auf formaldehydarme oder -freie Produkte aus», empfiehlt der Umweltchemiker und ETH-Dozent Reto Coutalides, der die Sanierung überwachte.
An einem ungesunden Innenraumklima sind neben Formaldehyd häufig auch Lösungsmittel aus Farben und Lacken schuld. Die organischen Zusatzstoffe sorgen dafür, dass Farben und Lacke nicht verklumpen und sich gut streichen lassen.
Alternativen: Wasserlösliche oder mineralische Farben
Nach dem Auftragen verdunsten sie meist sehr rasch. Je nach Art und Menge der Lösemittel kann die Innenraumluft aber auch länger belastet sein. Wasserverdünnte Farben bieten sich als Alternative an. Gut geeignet für Allergiker sind auch mineralische Farben, da sie kaum flüchtige Stoffe freisetzen.
«Angesichts der Unübersichtlichkeit des Farbstoffmarkts kann man sich zur Vermeidung von Wohngiften an seriösen Labeln wie Nature Plus und dem Blauen Engel orientieren», rät Roger Waeber von der BAG-Abteilung Chemikalien. Dies sei auch deshalb wichtig, weil Begriffe wie «Naturfarbe», «auf der Basis natürlicher Produkte» oder «biologisch» allein noch nichts über die Emissionen aussagen: «Aus toxikologischer Sicht können entsprechende Materialien durchaus problematisch sein», warnt Waeber.
Wer potenziell giftige Farbzusatzstoffe wie Emulgatoren, Stabilisatoren und Lösungsmittel vermeiden möchte, kann Farben für Innenräume auch in Pulverform kaufen und die benötigte Menge selbst anrühren.
Das ist allerdings zeitaufwändiger als fixfertige Produkte zu verwenden. Und: «Solche Farben müssen rasch verbraucht werden. Da sie keine Konservierungsmittel enthalten, beginnen sie nach einiger Zeit zu faulen», warnt Reto Coutalides.
Erst recht nichts in Innenräumen verloren haben Holzschutzmittel: «In Wohnräumen braucht es keine Biozide. Baut man trockenes Holz ein, gibts keine Probleme», erklärt Hanspeter Fäh, Holzbauspezialist bei Lignum, der Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft.
Auch bei der Schädlingsbekämpfung gibt es inzwischen chemiearme Methoden: «In Städten sind vor allem Kakerlaken ein häufiges Problem. Sinnvoller und wirksamer als die problematische Spritzmethode ist das gezielte Legen von Ködern; die Belastung des Innenraumklimas ist entsprechend tief», sagt Marcus Schmidt von der Beratungsstelle Schädlingsbekämpfung der Stadt Zürich.
«So bauen, dass unsere Wohnungen giftfrei bleiben»
Angesichts der Vielfalt chemischer Stoffe, die das Wohnklima belasten können - vom Tapetenleim bis zum Mottenmittel -, ist es oft schwierig, ein bestimmtes Wohngift als Ursache von Krankheitssymptomen oder Unwohlsein zu identifizieren. Deshalb wird zur Beurteilung der Innenluftqualität häufig auf die Summenkonzentration aller flüchtigen organischen Stoffe (TVOC) abgestützt.
Die Bau- und Liegenschaftsorgane des Bundes empfehlen einen TVOC-Gehalt von unter 1000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Dies macht auch aus medizinischer Sicht Sinn: «Es gilt, von Anfang an so zu bauen, dass unsere Wohnungen möglichst giftfrei bleiben», fordert Regula Gysler von den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz.
Um diesem Anliegen Nachdruck zu verleihen, sollte man bei Neubauten und Sanierungen tiefe TVOC-Werte immer in die schriftliche Zielvereinbarung mit den Bauplanern aufnehmen. Entsprechende Checklisten und einzelne Vertragsteile können heruntergeladen werden von www.eco-bau.ch, der Home-page der öffentlichen Bauherrschaften von Bund, Kantonen und Städten.
Stark belastete Gebäude aus den 50er- bis 80er-Jahren
Doch auch wer eine Renovation selber an die Hand nimmt, sollte Wohngifte vermeiden. Die einschlägigen Labels sind ein guter Leitfaden bei der Materialwahl. Bevor man anfängt, kann es allenfalls sinnvoll sein, eine Wohngiftberatung beizuziehen. Denn vor allem bei der Renovation von Gebäuden aus den 50er- bis 80er-Jahren tauchen regelmässig giftige Altlasten wie Asbest und die Holzkonservierungsmittel Pentachlorphenol und Lindan auf.
Was tun bei Wohngift-Verdacht?
Wohngifte beeinträchtigen Wohlbefinden und Gesundheit. Die Palette der Symptome ist breit. Sie reicht von Geruchsbelästigung, Augenbrennen, behinderter Nasenatmung und Hustenreiz über Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme bis zu Hautreizungen und Asthma.
«Vermutet man hinter solchen Anzeichen eine chemische Innenraum-Belastung, sollte man den Hausarzt darauf aufmerksam machen», rät Regula Gysler von den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz. Erhärtet sich der Verdacht, kann man zuerst versuchen, die mögliche Quelle - Möbel, Teppiche oder ein neuer Farbanstrich - zu entfernen.
Lässt sich das Problem auf diese Weise nicht beheben, braucht es eine Besichtigung der Wohnung, Messungen der Innenluft und Laboranalysen von Materialproben. Dabei wendet man sich am besten an die zuständigen kantonalen Behörden. Es gibt zwar auch private Messinstitute, die anerkannt sind, «doch sollte man sich bei solchen Untersuchungen vorher immer genau nach Kosten und Finanzierung erkundigen», rät Gysler.
In komplexen Fällen kann die Identifizierung und Sanierung einer Schadstoffquelle mehrere Monate in Anspruch nehmen.
Licht in den label-Dschungel der baustoffe
Die wichtigsten allgemeinen Baustoff-Label sind Nature Plus (www.natureplus.org) und der Blaue Engel (www.blauer-engel. de). Nature-Plus-Produkte bestehen zu mindestens 85 Prozent aus nachwachsenden oder mineralischen Materialien und dürfen keine gesundheitsbelastenden Stoffe enthalten.
Der Blaue Engel garantiert, dass Produkte deutlich weniger umwelt- und gesundheitsbelastend sind als durchschnittliche Vergleichsprodukte.
Als Einkaufshilfe für Heimwerker ist ferner das Oecoplan-Label wichtig. Weitere Gütezeichen sind EC1 (geringe Emissionen), GuT (textile Bodenbeläge), Kork-Logo (Korkböden), Öko-Tex (Textilien) und Goldenes M (Möbel).
Die gemeinsame Plattform öffentlicher Bauherrschaften von Bund, Kantonen und Städten ist zurzeit dabei, das Gebäudelabel eco-bau für eine gesunde und ökologische Bauweise zu lancieren.
Anfang 2005 startete die Schweizerische Zertifizierungsstelle für Bauprodukte S-Cert AG das Label «Gutes Innenraumklima», das Neubauten mittels Messungen der chemischen und biologischen Schadstoffe in der Raumluft sowie des Staubs in der Zuluft von Lüftungsanlagen zertifiziert (www.s-cert.ch).
Infos zu den einzelnen Labels gibts unter www.labelinfo.ch.
Adressen, Links und Literatur
- Ein Verzeichnis von Fachhändlern für ökologische Wohn- und Bauprodukte kann beim WWF bezogen werden (www.wwf.ch).
- Auf der Homepage der Schweizerischen Interessengemeinschaft Baubiologie SIB gibt es eine Liste fachkundiger Berater (www.baubio.ch). Für Kurzauskünfte steht das SIB-Beratungstelefon unter der Nummer 0900 105 848 zur Verfügung (Fr. 2.50/Min.).
- Hinweise zum gesunden Wohnen stehen auf der Homepage des Umwelt- und Gesundheitsdepartements der Stadt Zürich (www3.stzh.ch/ internet/ugz/home.html).
- Umfassende Infos zum Innenraumklima mit Merkblättern und Checklisten für schriftliche Zielvereinbarungen sind zugänglich auf der eco-bau-Homepage (www.eco-bau.ch).
Literaturtipps
- Reto Coutalides (Hg.): «Innenraumklima, keine Schadstoffe in Wohn- und Arbeitsräumen», Zürich 2002.
- Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz: Broschüre «Wohnen und Gesundheit», 2002 (Bestellen unter info@aefu.ch).
- Beatrix Mühlenthaler, Stefan Haas: «Natürlich wohnen und bauen», Zürich 2004, Fr. 24.-.
04. Januar 2006 | Elias Kopf
