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Artikel | Gesundheits-Tipp 2/2006

"Die Arbeitszeiten tun mir nicht gut" - Andrea-Ursula Leuzinger, 52

Andrea-Ursula Leuzinger beginnt jeden Tag zu einer anderen Zeit mit der Arbeit. Der Kampf gegen die «innere Uhr» wird für die Lokführerin mit zunehmendem Alter schwieriger.

Andrea-Ursula Leuzinger, sind die unregelmässigen Arbeitszeiten ein Problem für Sie?
Unsere Arbeitszeiten sind ungesund. Ich spüre das schon. Die täglich wechselnden Schlaf- und Essenszeiten belasten den Körper.
Sind Ihre Arbeitszeiten jeden Tag verschieden?
Ja. Manche Dienste beginnen morgens um halb drei Uhr. Manchmal beginnt die Arbeit, wenn andere Leute aus dem Kino kommen.
Was machen Sie, um Ihre «innere Uhr» ins Gleichgewicht zu bringen?
Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören. Wenn ich Ruhe brauche, versuche ich mich zu entspannen. Wenn ich Hunger habe, esse ich zwischendurch einen Apfel oder einen Riegel. Es ist auch wichtig, viel zu trinken. Im Winter ist die Luft im Führerstand sehr trocken.
Können Sie tagsüber gut schlafen?
Als ich jung war, hatte ich kein Problem damit, jeden Tag zu anderen Zeiten zu schlafen. Mit zunehmendem Alter wird das schwieriger. Es hängt auch von der Jahreszeit ab. Im Winter ist es einfacher, tagsüber zu schlafen, als im Sommer, wenn es heiss ist.
Nehmen Sie Schlafmittel?
Nein. Das wäre für mich ein Zeichen, dass etwas nicht mehr stimmt. Es heisst ja, man solle nicht Auto fahren, wenn man gewisse Medikamente geschluckt hat. Für mich gilt das auch, wenn ich eine Lokomotive steuere. Bei der Bahn sind die Folgen eines Unglücks viel schlimmer.
Was hilft Ihnen beim Einschlafen?
Meditative Musik hilft mir, mich zu entspannen. Ich kann dabei verarbeiten, was ich im Führerstand erlebt habe. Ich überlege mir etwa, was ich bei einer Betriebsstörung anders hätte machen können. Nachher kann ich besser schlafen.
Ist es schwierig, wach zu bleiben, wenn Sie in der Nacht unterwegs sind?
Manchmal schon. Alle Lokführerinnen und Lokführer kennen die Gefahr des Einschlafens.
Trinken Sie viel Kaffee, um im Führerstand wach zu bleiben?
Kaffee nützt mir nichts, aber frische Luft tut mir gut. Auch in den modernen Lokomotiven können wir das Seitenfenster öffnen. Um nicht einzuschlafen, ist es auch wichtig, dass man sich vor der Arbeit gut erholt.
Unregelmässige Arbeitszeiten können Herz und Magen krank machen. Wie ist das bei Ihnen?
Der Bahnarzt testet alle Lokführer regelmässig. Er prüft auch Herz und Kreislauf. Meine EKGs waren immer gut. Ich habe aber Kollegen mit Magenproblemen. Für Lokführer ist es nicht einfach, sich gesund zu ernähren. Wenn ich in einer kleinen Ortschaft um 15 Uhr Pause habe, kriege ich keine warme Mahlzeit. Und am Wochenende sind manche Personalrestaurants geschlossen.
Die SBB haben das Angebot im Personenverkehr stark ausgebaut. Ist der Stress für Sie grösser geworden?
Ja. Vor einem Jahr haben die SBB das Angebot um 12 Prozent gesteigert - mit gleich vielen Lokführern. Die SBB setzen zudem mehr Pendelzüge ein. Darum sind weniger Rangierfahrten nötig, um die Lokomotive wegzustellen. Solche Rangierfahrten sind entspannend, weil wir dabei nicht so schnell fahren. Auch die Neubaustrecke zwischen Olten und Bern hat die Arbeit intensiver gemacht. Ich bin schneller am Zielbahnhof, wo ich für einen neuen Einsatz zur Verfügung stehe.



Andrea-Ursula Leuzinger

Andrea-Ursula Leuzinger wohnt in Zürich und fährt mit Schnell- und Regionalzügen durch die ganze Schweiz. Die gelernte Elektromechanikerin arbeitet seit 1991 als Lokomotivführerin bei den SBB. Sie war eine der ersten Frauen in diesem Beruf. Auch heute beschäftigen die Bundesbahnen nur wenige Lokomotivführerinnen.

15. Februar 2006 | Andreas Gossweiler


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