SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | saldo 4/2006

"Herkunft Europa, Amerika und Australien"

Auf Lebensmitteln muss stehen, aus welchem Land sie kommen. Doch viele Hersteller und Anbieter drücken sich um diese Vorschrift.

Stammen die Zitronen im Netz nun aus Italien oder Argentinien? Ist das Poulet im Kühlregal aus der Schweiz oder aus Ungarn? Die Konsumenten haben das Recht, eine klare Antwort auf diese Fragen zu bekommen. Grossverteiler und Supermärkte müssen auf verpackten Lebensmitteln das Herkunftsland angeben.

Die Anbieter halten sich jedoch nicht immer an diese Vorschrift, wie eine saldo-Einkaufstour gezeigt hat. Bei Coop und Migros, aber auch bei Globus, Carrefour, Denner und Spar bleibt vielfach unklar, woher ein Lebensmittel stammt. Besonders häufig sind ungenaue Herkunftsbezeichnungen auf dem Gemüse: Migros, Coop und Carrefour etwa verkaufen tiefgekühlten Brocoli oder Blumenkohl aus «Südeuropa». Ob damit Spanien, Italien, Griechenland oder der europäische Teil der Türkei gemeint ist, bleibt offen.

In manchen Fällen ist schlicht keine Herkunft angegeben. Beispiele: Abgepackte Kefen von Globus am Zürcher Bellevue und ein Sack Bohnen aus der Spar-Filiale in der Basler Steinenvorstadt. Bei Letzteren lässt sich die Herkunft aus Ägypten nur an-hand der Firmenadresse herausfinden. So etwas könne einmal vorkommen, erklärt Spar dazu. Dennoch hat die Supermarktkette vom Lieferanten eine «sofortige Behebung des Missstands verlangt». Globus will «die Herkunftsdeklaration per sofort via den zentralen Lieferanten sicherstellen».


Die Ausrede: «Kleinster geografischer Raum»

Bei verpacktem Gemüse und Früchten schiesst jedoch die Betty-Bossi-Linie von Coop den Vogel ab. Hier wimmelt es von doppelten und dreifachen Länderangaben. Ein paar Beispiele: Rucola aus «Ägypten, Italien, Spanien», Bio-Mungobohnen- Sprossen aus «China, Australien» und Mangofilets aus «Afrika, Brasilien». Solche Mehrfachnennungen sind nicht zulässig, sagt der stellvertretende Zürcher Kantonschemiker Martin Brunner: «Das Herkunfts- oder Produktionsland muss auf der Packung eindeutig angegeben sein.»

Die Anbieter sehen dies anders: Im Gesetz heisse es, im Notfall sei der «kleinste geografische Raum» anzugeben, erklären etwa Migros und Coop. Im Fall des Tiefkühl-Broccoli greift die Migros zu dieser «weit gefassten Herkunftsangabe, um die Beschaffung dieses Artikels übers ganze Jahr sicherstellen zu können».


Tiefkühl-Broccoli: Sammelbezeichnung nicht erlaubt

Doch hier machen es sich die Supermärkte zu einfach, kritisiert Brunner: «Diese Vorschrift kommt nur zur Anwendung, wenn etwa ein Tiefkühlmischgemüse aus verschiedenen Gemüsesorten zusammengesetzt ist, die aus unterschiedlichen Ländern stammen.» Tiefkühl-Broccoli hingegen stamme eindeutig aus einem Land. Es sei daher nicht in Ordnung, auf Sammelbezeichnungen wie «Südeuropa» zurückzugreifen.

Auch beim Aufschnitt sind Mehrfachbezeichnungen verbreitet. «Schweiz/EU» steht etwa auf der Deklaration des Schweinefleischerzeugnisses Cotto von Spar, «Schweiz/Brasilien» auf der geräucherten Trutenbrust von Denner. Die Angaben seien gesetzeskonform, verteidigen sich die Anbieter. Die Rohstoffe für das verarbeitete Produkt stammten aus verschiedenen Ländern. «Uns ist nicht bekannt, aus welchen EU-Destinationen die Rohmaterialien (Tiere) stammen, welche in den Zulieferbetrieben verarbeitet werden», lässt der Spar-Lieferant mitteilen. Entsprechend werde der «kleinste geografische Raum» angegeben.

Schon fast absurd muten viele Herkunftsdeklarationen von Flocken und Körnern an: Bio-Haferflöckli von Coop stammen aus «Europa, Amerika und Australien». Bei der Migros gibts Bio-Rustica-Hafer mit der Herkunft «EU und USA». Mittels Chargennummer sei die Rückverfolgbarkeit gewährleistet, sagt dazu der Grossverteiler. Interessierte Konsumenten könnten sich so jederzeit nach der Herkunft des Hafers erkundigen.


Bio Suisse schlägt sich auf die Seite der Grossverteiler

Dass solche Mehrfachangaben auf biologischen Produkten zu finden sind, erstaunt. Schliesslich wollen gerade Bio-Liebhaber wissen, woher ihre Lebensmittel stammen. Doch Bio Suisse argumentiert gleich wie die Anbieter: Die betroffenen Produkte kämen «saisonal oder angebotsbedingt aus verschiedenen Ländern». Bio Suisse wolle und könne beispielsweise Coop nicht vorschreiben, alle paar Wochen oder Monate neue Packungen zu drucken.



So muss die Herkunft angeschrieben sein

Vorverpackte Lebensmittel: Hier muss das Produktionsland angegeben sein. So verlangt es die Verordnung über die Kennzeichnung und Anpreisung von Lebens-mitteln. Wenn kein bestimmtes Produktions- land feststeht, ist der «kleinste geografische Raum» anzugeben, aus dem das Lebensmittel stammt. Hersteller und Anbieter legen diese schwammige Formulierung häufig zu ihren Gunsten aus und benützen sie als Ausrede für unklare Deklarationen. «Diese Vorschrift kommt jedoch nur zur Anwendung, wenn eine genauere Deklaration nicht möglich ist», sagt Martin Brunner, stellvertretender Leiter des Kantonalen Labors Zürich. Im Offenverkauf: Hier sind die Anbieter nicht verpflichtet, das Herkunftsland anzuschreiben. Wenn sie es aber tun, muss die Deklaration eindeutig sein, sagt der Zürcher Kantonschemiker

Rolf Etter.



Forum
Was halten Sie davon, dass viele Hersteller und Anbieter es mit der Herkunftsdeklaration bei Lebensmitteln nicht so genau nehmen?
Schreiben Sie an: saldo, Postfach 723, 8024 Zürich oder redaktion@saldo.ch

01. März 2006 | Claudine Gaibrois


Beitrag als PDF
"Herkunft Europa, Amerika und Australien"
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Der Zinssatz macht es aus Bank Coop: Fair nur im Kleingedruckten Aktiv Kasse machen
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten