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Eigentlich ist Modasomil ein Medikament für Menschen mit einer schweren Schlafkrankheit. Doch Partygänger und Gestresste können sich die Wachmacher-Pille leicht beim Arzt besorgen. Das zeigte ein Stichprobe.
Schon eine Vierteltablette genügt, um eine Nachtschicht gut zu überstehen», schwärmt Stefan auf einer Internetseite. Paul, ein anderer Schreiber, berichtet: «Sie hält nicht nur wach, sondern man fühlt sich auch besser.»
Paul und Stefan sprechen von der Wachmacher-Pille Modasomil. Das Medikament ist eigentlich für Menschen gedacht, die an der schweren Schlafkrankheit Narkolepsie leiden. Betroffene haben tagsüber unkontrollierbare Schlafattacken.
Doch Paul und Stefan sind keine Narkoleptiker. Die meisten anderen Konsumenten der Pille ebenso wenig. Immer mehr Gesunde, die in der Nacht wenig oder gar nicht schlafen, schlucken den Wachmacher: Schichtarbeiter, Manager und Partygänger. Der Vorteil der Pille: Man fällt nicht wie bei anderen Aufputschmitteln in ein Tief, wenn die Wirkung nachlässt.
Die Nebenwirkungen sind allerdings beträchtlich: Kopfschmerzen, Herzjagen, Übelkeit und Nervosität sind einige davon. Fachleute befürchten zudem, der Körper könnte mit einem Zusammenbruch auf den langfristigen Schlafentzug reagieren. Unklar ist, ob Modasomil abhängig machen kann.
Kein Wunder, steht die Pille in der Schweiz unter verschärfter Rezeptpflicht. Trotzdem ist es ein Leichtes, an die Pille heranzukommen. Dies zeigt eine Stichprobe des Gesundheitstipp: Zwei von sechs Ärzten stellten gesunden Testpersonen auf Verlangen ein Rezept für Modasomil aus: Jürg Graf, Allgemeinarzt in Zürich, und Daniel Flach vom City Notfall in Bern.
Nur zwei Ärzte weigerten sich, ein Rezept auszustellen
Die Mitarbeiter des Gesundheitstipp verlangten bei den sechs zufällig ausgewählten Ärzten in den Metropolen Zürich und Bern die Pille - unter einem fadenscheinigen Vorwand: Sie seien momentan beruflich stark unter Druck, bekämen zu wenig Schlaf und müssten ständig gegen Müdigkeit ankämpfen. Ein Kollege habe ihnen dieses Medikament empfohlen. Der korrekte Rat der Ärzte wäre: Patienten, ab ins Bett!
Der Zürcher Arzt Jürg Graf rechtfertigt sich: Er fände es auch fragwürdig, wenn sein Patient die Arbeit nur unter Doping bewältigen könne. Doch das Rezept sei ja nur für eine begrenzte Zeitdauer: «In diesem Fall war es medizinisch verantwortbar.» Der Berner Arzt Daniel Flach verschrieb die Pille auf ausdrückliche Verantwortung der Patientin. Immerhin warnte er, dass der ständige Schlafentzug zu einem körperlichen Zusammenbruch führen könne.
Zwei weitere Ärzte weigerten sich, ein Rezept für Modasomil auszustellen: Daniel Widmer aus Bern und Elena Kryl aus Zürich. Doch sie verschrieben andere Pillen: ein Beruhigungsmittel respektive ein Antidepressivum. «Bei zeitlich begrenztem Einsatz gibt es bei diesen Mitteln keine wesentlichen Risiken», rechtfertigt sich Daniel Widmer. Ausserdem habe er auch zu mehr Schlaf geraten.
Nur gerade Thomas Limbach, Arzt in Bern, und Ariane Kübler von der Permanence im Hauptbahnhof Zürich verschrieben korrekterweise kein Medikament, sondern rieten zu mehr Schlaf.
Für Schlaffachleute gibt es keinen Zweifel: Ärzte dürfen die Pille überarbeiteten Menschen oder solchen, die eine Nacht durchfeiern wollen, nicht abgeben. Marjella Spindler, Leiterin des Schlaflabors der Klinik für Schlafmedizin Luzern, findet deutliche Worte: «In solchen Fällen ist der Einsatz von Modasomil oder anderen Aufputschmitteln ein Missbrauch.» Schlaf könne man nicht durch Modasomil oder andere Pillen ersetzen. Bei Schlafmangel hilft wirklich nur eines: mehr Schlaf.
Der Allgemeinarzt und Pharmakritiker Etzel Gysling ist derselben Meinung: «Es ist unsinnig, einem Patienten ein Medikament zu verschreiben, damit er die Nacht durchmachen kann.» Trotz Warnungen von Fachleuten ist Modasomil im Begriff, zur Modepille zu werden. Darauf deuten die Verkaufszahlen der Herstellerin Cephalon: Fast die Hälfte ihres Jahresumsatzes von 1,5 Milliarden Franken erreicht die Pharmafirma mit Modasomil.
In Deutschland bereits für Schichtarbeiter zugelassen
Das entspricht weltweit 5 Millionen verkauften Packungen pro Jahr. Soeben sind die Absatzzahlen um weitere 17 Prozent gestiegen: Seit kurzem sind die Tabletten in Deutschland auch für Personen zugelassen, die wegen Schichtarbeit von chronischer Müdigkeit geplagt werden. In der Schweiz hat Cephalon diese erweiterte Zulassung ebenfalls beantragt - aber noch nicht erhalten.
Das hilft gegen Müdigkeit im Alltag
- Sorgen Sie regelmässig für sieben Stunden Schlaf.
- Hoffen Sie nicht aufs Wochenende. Ein Schlafmanko kann nicht mit Ausschlafen am Wochenende aufgeholt werden.
- Legen Sie tagsüber einen Kurzschlaf von 20 Minuten ein.
- Tauchen Sie die Arme bis zum Oberarm rund 30 Sekunden in möglichst kaltes Wasser.
- Lutschen Sie ein saures oder scharfes Bonbon.
- Ein paar Tropfen Minzöl auf Schläfe und Handgelenke wirken Wunder.
- Anregendes Bad: Geben Sie den Saft von 2 bis 3 Zitronen ins Wasser.
«Fehlenden Schlaf kann man nicht durch Modasomil oder andere Aufputschmittel ersetzen»
Marjella Spindler, Klinik für Schlafmedizin
15. März 2006 | Esther Diener Morscher
