|
(0) |
Als Baby hat ihre Mutter sie weggegeben. Adoptierte leiden deshalb ein Leben lang unter der Angst, wieder verlassen zu werden. Adoptiveltern sind besonders gefordert.
Es war der 23. Juli 1961. In der Maternité Inselhof in Zürich bringt eine gerade mal 19-jährige Frau ein Mädchen zur Welt - die kleine Claudia Madeleine. Kurz darauf gibt die Mutter das Kind weg. Claudia kommt zu einer Pflegefamilie und wird später von dieser adoptiert.
Die heute 45-jährige Claudia Buchser aus Gerlafingen SO hat ihre Mutter seither nie mehr gesehen, obwohl dies ihr sehnlichster Wunsch ist. «Ich leide sehr darunter, meine Mutter nicht zu kennen», sagt sie. «Die Zeit drängt, plötzlich ist es zu spät. Das wäre für mich unerträglich.» Denn sie möchte endlich wissen, wie ihre Mutter aussieht, ob sie ihr gleicht. Und sie sucht Antworten auf all ihre Fragen: «Woher komme ich? Warum hat sie mich weggeben? Wer ist mein Vater?» Denn von ihm kennt sie noch nicht einmal den Namen. «Vielleicht weiss er ja gar nicht, dass er eine Tochter hat», sagt Claudia Buchser - und hofft, dass er ihr das geben könnte, was sie bisher vergeblich gesucht hat: Geborgenheit und Sicherheit.
Vor 18 Jahren stand sie kurz vor ihrem Ziel. Sie hatte die Adresse ihrer Mutter herausgefunden. Die Mitarbeiterin eines Hilfswerks nahm den Kontakt zur Mutter auf. Doch diese liess durch eine Anwältin ausrichten, dass sie keinerlei Kontakt mit der zur Adoption freigegebenen Tochter wünsche. Claudia Buchser war tief verletzt: «Ich fühlte mich zurückgestossen und allein gelassen.» Doch sie wollte nicht aufgeben und schrieb ihrer Mutter zu Weihnachten 1988 eine Karte: «Wer ist mein Vater? Kannst du mir den Wunsch nicht erfüllen? Ich hatte nie einen Vater und bin sehr traurig. Für mich bist du meine Mutter und wirst es auch bleiben. In Liebe, deine Tochter Claudia.» Die Karte kam postwendend zurück. Annahme verweigert.
Eines Tages stand Claudia Buchser sogar vor dem Haus der Mutter. Doch sie traute sich nicht, an der Haustüre zu klingeln. «Heute bereue ich es», sagt sie. «Auch wenn sie mich fortgejagt hätte - ich hätte sie wenigstens einmal im Leben gesehen.» Schon ein Foto der Mutter würde ihr heute reichen. Einfach etwas, woran sie sich festhalten kann.
«Zu Adoptierten hat man einmal klar Nein gesagt»
Mit diesem Schicksal steht Claudia Buchser nicht alleine da. Viele Adoptierte müssen einen leidvollen Weg gehen, um ihre Identiät zu finden. «Adoptierte sind Menschen, zu denen man einmal klar Nein gesagt hat», sagt die deutsche Erziehungswissenschaftlerin und Buchautorin Christine Swientek. «Die Angst, wieder abgelehnt und zurückgestossen zu werden, verfolgt sie deshalb oft ein Leben lang.» Fachleute sind sich heute einig: Für die Entwicklung von Adoptierten ist es zentral, frühzeitig zu wissen, dass sie adoptiert sind. Sie sollten auch erfahren, woher sie kommen.
Studien haben gezeigt, dass für rund 70 Prozent der Adoptierten die Suche nach ihrer Herkunft sehr wichtig ist. Sie wollen verstehen, wieso sie weggegeben und verlassen wurden. Veronika Weiss von der Schweizerischen Fachstelle für Adoption: «So können sie ihre eigene Identität finden.» Sie müssen wissen, woher sie kommen, um zu wissen, wer sie sind.
«Ich weitete meinen Hass auf alle Schwangeren aus»
Die Fachstelle für Adoption hilft Adoptierten auf der Suche nach ihrer Herkunft. Und sie vermittelt auch den Kontakt. «Meist zuerst per Brief», sagt Veronika Weiss. Das sei am Anfang einfacher für die Betroffenen. Das erste Treffen sei dann auch etwas weniger emotionsgeladen, weil Mutter und Kind schon einiges voneinander wüssten. Betroffene können sich aber auch direkt an die Vormundschaftsbehörde des Adoptionsortes wenden. Diese macht sich auf die Suche und kontaktiert dann die Mutter.
Allerdings: Einen persönlichen Kontakt kann man nicht erzwingen. Wenn die leibliche Mutter nicht will, haben Adoptierte keine Chance. Die Ablehnung ist schwer zu verkraften. «Das ist, wie wenn sie nochmals weggegeben würden», sagt die Adoptionsberaterin Rosita Brigitte Rudin aus Binningen BL. «Viele Eltern freuen sich aber, ihr Kind kennen zu lernen.»
Manchmal sind es jedoch auch die Adoptierten, die keinen Kontakt zu ihren leiblichen Eltern wollen. Rudin vermutet, dass einige von ihnen ihre Herkunft verdrängen, Angst haben vor der Konfrontation oder befürchten, ihre Adoptiveltern zu verletzen. «Es braucht Mut», weiss die Fachfrau, die selbst adoptiert worden war.
Der 41-jährige Martin Stucky aus Uetikon am See ZH wurde gleich nach der Geburt adoptiert. Er will seine leiblichen Eltern nicht kennen lernen. Ihn interessiere höchstens, wie die Mutter aussehe und ob sie ihm Krankheiten vererbt habe, sagt Stucky. Von seinem leiblichen Vater hält er überhaupt nichts. «Der hat sich einfach aus dem Staub gemacht und meine Mutter und mich sitzen lassen.»
Negative Gefühle hatte Martin Stucky auch lange seiner leiblichen Mutter gegenüber: «Ich fühlte nur Hass.» Er konnte ihr nicht verzeihen, dass sie ihn verlassen hatte. «Eine Zeit lang war es sogar so schlimm, dass ich meinen Hass auf alle Schwangeren ausweitete.» Je glücklicher sie mit ihrem Baby schienen, desto mehr Wut spürte er. «Ich hätte ihnen am liebsten in den Bauch getreten», erinnert sich Stucky. Vor zwei Jahren änderte sich das aber: Er las und hörte Berichte über Babyklappen. Da realisierte Stucky plötzlich, wie schwer es für eine Mutter sein muss, ihr Kind wegzugeben. «Da konnte ich meiner Mutter endlich verzeihen», sagt er. «Der Hass half niemandem - am allerwenigsten mir selbst.»
Schlimm für ihn war auch, dass er erst mit fünfzehn erfuhr, dass er adoptiert wurde. «Zu dieser Zeit hatte ich sowieso Probleme mit den Eltern», erinnert sich Stucky. «Als ich es erfuhr, war ich total wütend.» Es sei ihm vorgekommen, wie wenn ihm seine Adoptiveltern klarmachen wollten: «Wenn du zu uns gehören willst, musst du dich anpassen.» Er habe sich unter Druck gesetzt gefühlt.
Seither hatte Martin Stucky immer wieder Probleme - vor allem in Beziehungen. «Ich litt dauernd unter der Angst, verlassen zu werden.» Er habe ein grosses Sicherheitsbedürfnis und wolle alles unter Kontrolle haben. «Ich glaubte immer, ich müsse die Liebe erst verdienen und mich beweisen.» Das führte auch am Arbeitsplatz zu Schwierigkeiten. Er habe sich nur schwer integrieren können.
Dass Kinder - so wie Martin Stucky - erst in der Pubertät von ihrer Adoption erfahren, halten Fachleute für völlig falsch. «Das ist ein grosser Vertrauensbruch», sagt die Adoptionsberaterin Rudin. «Ein Kind muss von Anfang an wissen, dass es adoptiert ist.» Die Eltern sollten immer wieder offen mit ihm darüber reden.
Nie die leiblichen Eltern schlecht machen
Für Offenheit plädiert auch Veronika Weiss von der Fachstelle für Adoption: «Es ist wichtig, dass sich die Adoptiveltern gegenüber der Herkunft des Kindes offen zeigen.» Dazu gehöre, die leiblichen Eltern nicht schlecht zu machen und offen über die Umstände der Adoption zu reden. «Bei Adoptionen von ausländischen Kindern ist es auch wichtig, dass die Eltern Interesse für das Herkunftsland des Kindes zeigen.» Veronika Weiss empfiehlt, dass sie einmal gemeinsam in das Land reisen.
Martin Stucky hat es unterdessen geschafft, mit seinen Verletzungen zu leben. Die Gespräche in der Selbsthilfegruppe haben ihm dabei geholfen. Heute sieht er die Adoption nicht mehr nur als «traurigen Schatten» über seinem Leben. «Sie ist auch etwas Spezielles, das zu meiner Biografie gehört.»
Beratungsstellen helfen weiter
- Schweizerische Fachstelle für Adoption, Hofwiesenstrasse 3, Postfach 340, 8042 Zürich, Tel. 044 360 80 90, Fax 044 360 80 99, www.adoption.ch. Die Fachstelle hilft bei der Suche nach den leiblichen Eltern und vermittelt den Kontakt.
- Selbsthilfegruppen für Adoptierte gibt es in Bern und im Zürcher Oberland. Kontakt über das Selbsthilfezentrum Kanton Bern, Marktgasse 17, 3600 Thun, Tel. 033 221 75 76, Fax 033 221 75 74, sh@selbsthilfe-kanton-bern.ch oder das Selbsthilfezentrum Zürcher Oberland, Im Werk 1, 8610 Uster, Tel. 044 941 71 00, Fax 044 941 71 40, info@selbsthilfezentrum-zo.ch.
- Beratung für Adoptierte, Adoptiveltern und Menschen, die ein Kind adoptieren möchten: Rosita Brigitte Rudin, Hauptstr. 120, 4102 Binningen, Tel. 061 421 21 91, www.adopt-in.ch
- Buchtipp: Christine Swientek: «Adoptierte auf der Suche nach ihren Eltern und nach ihrer Identität», Herder Spektrum, Fr. 21.90
Wurden Sie adoptiert? Sind Sie Adoptiveltern? Oder haben Sie ein Kind zur Adoption freigegeben? Ihre Erfahrungen interessieren uns.
Schreiben Sie uns Ihre Meinung: Redaktion Gesundheitstipp
«Adoption», Postfach 277, 8024 Zürich oder redaktion@gesundheitstipp.ch
12. April 2006 | Sonja Marti
