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Nach dem Artikel im Gesundheitstipp vom März haben sich viele Adoptierte und Eltern gemeldet. Sie erzählen von schweren seelischen Verletzungen - aber auch über die Chance, die sie bekommen haben.
«Meine innere Verletzung zeigte sich auch körperlich»
Mit 18 wollte ich übers Amt mit meiner leiblichen Mutter Kontakt aufnehmen. Nach vier Monaten Warten und Bangen war ich ein psychisches Wrack. Die innere Verletzung zeigte sich auch körperlich: Ich bekam Krampf- und Ohnmachtsanfälle. Schliesslich erfuhr ich, dass meine leibliche Mutter keinen Kontakt wollte. Das war, als hätte sie mir per Amtsbrief eine Ohrfeige verpasst. Jetzt versuche ich, mit meinem Schicksal - so gut es geht - zu leben.
K. R.*, Altstätten
«An Liebenswürdigkeit nicht zu übertreffen»
Meine jetzigen Eltern haben mich früh informiert, dass ich adoptiert bin. Sie sind an Liebenswürdigkeit nicht zu übertreffen. Wieso sollte ich da nach meinen leiblichen Eltern suchen? Mittlerweile weiss ich, welche Krankheiten, das heisst Allergien, ich geerbt habe.
C. S.*, Rupperswil
«Mein Sohn lebt jeden Tag seines Lebens in mir»
Ich gab mein Baby vor 35 Jahren zur Adoption frei. So hatte es eine bessere Zukunft. Denn als ich im 7. Monat schwanger war, erfuhr ich, dass der Vater des Kindes keine «saubere Weste» hatte, Geld unterschlug und Schulden hatte.
Er meinte, wir könnten das Kind ja zu Pflegeeltern geben. Doch das habe ich selbst erlebt. Eine so ungewisse Kindheit wünsche ich keinem anderen. Bis zum Alter von 11 Jahren war ich bei vier Pflegefamilien. Bei der letzten Familie gefiel es mir sehr gut. Doch dann musste ich zu meiner Mutter zurück und wurde von meinem Stiefvater jahrelang sexuell genötigt. Angesichts meiner eigenen schweren Jugend hielt ich es für besser, dass mein Sohn zu Adoptiveltern kam.
Vermissen kann ich ihn nicht, da ich ja nie den Alltag mit ihm erleben konnte. Doch er lebt in mir, jeden Tag seines Lebens. In seinem Babyalter hatte ich oft Weinkrämpfe, wenn ich irgendwo Babygebrüll hörte. Heute denke ich manchmal, dass er vielleicht in der gleichen Firma arbeitet wie ich. Seit einigen Monaten erwäge ich, ihn zu suchen.
A.-M. R.*
«Ich begann zu trinken, um zu vergessen»
Ich wurde in der Schule blossgestellt, weil ich adoptiert bin. Die Kinder sagten, ich hätte ja keine Eltern, obwohl das nicht stimmt. Die Schulzeit war sehr schlimm - mit vielen Niederlagen und Enttäuschungen. Die Ärztin verschrieb mir damals Valium, um mich ruhig zu stellen. Und ich hatte schon als Kind immer wieder Migräne.
Mit 16 fing ich an zu trinken, um meine Probleme zu vergessen. Später nahm ich Drogen. Heute habe ich diese Probleme aber überwunden und lebe in einer glücklichen Partnerschaft.
Doris Aegerter, Bern
«Eine gute und erlösende Begegnung»
Eine Adoption hat auch ihre guten Seiten. Nicht alle adoptierten Kinder sind ein Leben lang unglücklich. Wir haben zwei Adoptivkinder und ein leibliches Kind. Unser Adoptivsohn hat sich bis heute nie um seine Herkunft gekümmert.
Die Adoptivtochter machte sich mit 20 auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter und fand sie. Für die beiden war es sicher eine gute und erlösende Begegnung. Doch wir sind für unsere Tochter nach wie vor Mutter und Vater geblieben.
H. und H. F., Wiesendangen
Aufgezeichnet: Sonja Marti
*Namen der Redaktion bekannt
«Richa ist das Beste, was uns passieren konnte»
Unsere Adoptivtochter Richa ist aus Indien. Bei der Ankunft mit zweieinhalb Jahren war sie unterernährt, sonst aber gesund. Wir haben ihr schon sehr früh erklärt, dass sie adoptiert ist. Natürlich wollte sie wissen, warum ihre Mutter sie weggegeben hatte. Ich sagte ihr: «Sie hat dich aus Liebe weggegeben, damit du in deinem Leben eine Chance bekommst.» In Indien werden ledige Mütter und deren Kinder oft ausgestossen. Richa ist das Beste, was uns passieren konnte.
Daniela Huber-Mühleis, Untereggen
10. Mai 2006
