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Hans Bollhalder leidet heute zwar nicht mehr, wenn er Liebespaare turteln sieht. Doch er sehnt sich nach einer dauerhaften Beziehung.
Hans Bollhalder, was empfinden Sie, wenn Sie in der Öffentlichkeit Paare sehen?
Früher habe ich gelitten, wenn ich auf der Strasse ein Liebespaar sah. Heute bin ich weniger darauf ?xiert, eine Partnerin zu ?nden. Ich hatte einige Liebesbeziehungen. Leider dauerten sie nie länger als ein halbes Jahr.
Warum?
Ich habe in meinen Partnerinnen eine Ersatzmutter gesucht. Manche Frauen fühlten sich dann eingeengt. Das hat mit meiner Kindheit zu tun. Ich hatte keine enge Beziehung zu meinen Eltern, denn ich bin in Heimen aufgewachsen.
Wie ging man in den Heimen mit dem Thema Liebe um?
Als Jugendlicher hörte ich immer: Was willst du mit einer Frau anstellen, du hast sowieso keine Chance. Am schlimmsten war es in einem Kinderheim im Wallis. Wenn auskam, dass sich die Heimbewohner sexuell betätigt hatten, gab es ein riesiges Tohuwabohu. Die Erzieher bestraften mich zum Beispiel mit Essensentzug, oder sie zwangen mich, im Badezimmer zu schlafen.
Haben Sie selber geglaubt, dass Behinderte kein Liebesleben haben dürfen?
Ja. Ich nahm das als Tatsache hin, bis ich achtzehn Jahre alt war. Die katholische Kirche hat diese Idee gefördert. Ein Pfarrer hat zu mir gesagt: Ihr Behinderten habt Glück, dass ihr für die Sünder leiden dürft.
Wann haben Sie gemerkt, dass das nicht stimmt?
Als junger Mann habe ich mich in eine behinderte Frau verliebt. Sie hat mich von den engen Vorstellungen weggebracht, mit denen ich aufgewachsen bin. Als ich sie kennen lernte, merkte ich, dass es behinderte Frauen gibt, die wunderschön sind.
Vorher konnten Sie sich nicht vorstellen, sich in eine behinderte Frau zu verlieben?
Nein, das hätte nicht zu meiner Vorstellung einer Partnerschaft gepasst. Das zeigt, dass wir Behinderten auch geprägt sind von der Vermarktung des gängigen Schönheitsideals.
Hatten Sie auch Beziehungen mit nicht behinderten Frauen?
Ja. Einmal hatte ich eine Beziehung zu einer Pflegerin. Das war schwierig, denn andere Angestellte und Bewohner wurden eifersüchtig.
Was ist für Sie einfacher: Eine Beziehung mit einer behinderten Frau oder mit einer nicht behinderten Frau?
Im zwischenmenschlichen Umgang gibt es keine Unterschiede, aber bei der Sexualität. Einer behinderten Frau muss ich nicht beweisen, dass ich ein Superhengst bin, obwohl ich weiss, dass ich es nicht sein kann. Behinderte Frauen wissen, was es heisst, mit einer Behinderung zu leben. Andererseits gibt es mehr körperliche Schwierigkeiten beim Sex, wenn beide Partner behindert sind.
Was halten Sie von den «Berührerinnen», die erotische Dienstleistungen für Behinderte anbieten?
Das ?nde ich lächerlich. Damit wird die Sexualität verniedlicht. Warum sollen behinderte Männer nicht zu Prostituierten gehen? Das machen andere Männer auch. Zudem bieten die Berührerinnen keinen Geschlechtsverkehr an - sie befriedigen die Kunden nicht einmal. Damit werden wir Behinderten einmal mehr stigmatisiert.
Möchten Sie keine Beziehung mehr haben?
Doch, das ist immer noch einer meiner grössten Wünsche. Ich möchte gerne erleben, wie es ist, wenn man eine dauerhafte Beziehung hat.
Hans Bollhalder
Der 56-jährige Hans Bollhalder leidet seit seiner Geburt an Arthrogryposis. Die seltene Muskel- und Gelenkkrankheit hat bei ihm zur Lähmung der Arme und Beine geführt. Er ist auf einen Rollstuhl und auf Unterstützung im Alltag angewiesen. Seit drei Jahren lebt er im Wohn- und Bürozentrum für Körperbehinderte in Reinach bei Basel. Hans Bollhalder macht bei der Tanzgruppe «BewegGrund» mit, bei der Menschen mit und ohne Behinderung auftreten (www.beweg grund.org).
10. Mai 2006 | Andreas Gossweiler
