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Eine Impfung gegen Windpocken, eine gegen die Zeckenkrankheit FSME - und bald schon eine gegen Durchfall. Immer mehr Impfungen kommen auf Eltern zu. Doch der Nutzen ist unsicher und die Langzeitwirkung unklar.
Ein kurzer Stich war es nur - doch dieser veränderte Colins Leben. Nach der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln verlor der kleine Bub sein Gehör. Seine Eltern sind überzeugt, dass die Impfung daran schuld ist.
Trotz der Impfungen erkrankten er und sein Zwillingsbruder Janis an Masern und Mumps. Bei Colin kam es zu den für Mumps gefährlichen Komplikationen: Er bekam eine Hirnentzündung.
Der Zweieinhalbjährige konnte nicht mehr stehen, hören und sehen. «Eine Woche lang war unklar, ob er überleben würde», erzählt die Mutter Nicole Gerber. Colin schaffte es. Doch seither ist er auf dem linken Ohr taub. Auf dem anderen hört er bloss noch wenig. Ein im Schädel eingesetztes Hörgerät hilft dem heute Achtjährigen durch den Alltag.
Ein Schicksal wie jenes von Colin ist selten und meist denken Eltern kaum an Schäden, wenn sie mit ihren Kleinsten zum Impfen gehen. Doch Kinderärzte klären oft nicht genügend über Impfrisiken auf.
Das erstaunt, denn bis zum zweiten Geburtstag sollten sich Kleinkinder so oft pieksen lassen wie während ihres ganzen Lebens nie mehr: 26 Impfdosen sind es insgesamt, gegen total acht Krankheiten. Dies emp?ehlt das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Und seit Anfang Jahr sind drei weitere Impfungen dazugekommen:
- Pneumokokken: Das sind Bakterien, die eitrige Entzündungen an verschiedenen Organen hervorrufen. Bisher impfte man damit Kinder, die ohne Milz leben müssen oder an speziellen Krankheiten leiden. Seit Januar sollen Eltern auch gesunde Säuglinge gegen Pneumokokken impfen lassen - obwohl der Nutzen noch nicht gesichert ist.
- Meningokokken: Diese Bakterien gehören zu den häu?gsten Erregern einer Hirnhautentzündung. Kinder sollen einmal mit 12 Monaten und im Alter von 11 bis 15 Jahren ein zweites Mal geimpft werden. Auch hier ist der Nutzen umstritten: Gemäss Studien ist die Impfung selbst nicht frei von Risiken - und die Langzeitwirkung fraglich.
- Zeckenkrankheit FSME: Dabei handelt es sich um eine von Zeckenstichen verursachte Hirnhautentzündung. Kinder ab 6 Jahren, die in Risikogebieten wohnen oder sich dort aufhalten, sollen sich impfen lassen. Doch bis zum Alter von 12 Jahren verläuft eine FSME selten schwer.
Was man zudem wissen sollte: Nur eine von 100 Zecken in Risikogebieten ist mit dem FSME-Virus in?ziert. Und nur etwa jeder zehnte von einer in?zierten Zecke gestochene Mensch erkrankt - und meist nicht ernsthaft.
Viel häu?ger als FSME ist die ebenfalls von Zecken übertragene Borreliose. Gegen diese gibt es aber keine Impfung.
Zu diesen drei neu vom BAG empfohlenen Impfungen sollen in den nächsten zwei Jahren noch weitere hinzukommen. Eine Arbeitsgruppe des BAG prüft derzeit, ob sie folgende Impfungen empfehlen will:
- Rotavirus: Dieses Virus ist weltweit der häu?gste Erreger von Durchfällen bei Kindern bis zu zwei Jahren. Die Impfung beträfe denn auch Säuglinge und Kleinkinder.
Der Nutzen der Impfung sei jedoch unsicher, so der Arzt Martin Hirte, Impfexperte und Mitautor des Impf-Ratgebers des Schweizerischen Konsumentenschutzes. Zwar wirke der Impfstoff in lateinamerikanischen Ländern, ob dies auch für Europa zutreffe, sei aber nicht klar.
- Papillomavirus: Dieses Virus kann Krebs am Gebärmutterhals verursachen. Es wird durch Geschlechtsverkehr übertragen. Zielgruppe für die Impfung sind Jugendliche zwischen 11 und 15 Jahren. Hausarzt Rudolf Fuhrer hält eine generelle Durchimpfung aber für fragwürdig. Der Schutz vor dem Papillomavirus - wie auch vor Hepatitis B - solle vor allem durch Aufklärung der Jugendlichen und geschützten Sex erfolgen.
Firmen drängen mit neuen Impfstoffen auf den Markt
Fuhrer impft seine Patienten seit Jahren nach den Empfehlungen des BAG - doch der Inflation neuer Impfungen steht er skeptisch gegenüber. Er erachtet diese zusätzlichen Impfungen nicht für notwendig. «Viel wichtiger ist es, Eltern auf die Wichtigkeit der Grundimpfungen im frühen Kindesalter hinzuweisen», so der Arzt. «Etwa gegen Kinderlähmung oder Masern.»
Auch Impfexperte Martin Hirte ist überzeugt: «Das gegenwärtige Impfprogramm ist erst der Anfang. Unternehmen drängen mit neuen Impfstoffen auf den Markt.» Allein in der Schweiz setzt die Pharmaindustrie mit Impfstoffen jährlich 60 Millionen Franken um, Tendenz steigend.
Er warnt: Man wisse noch zu wenig, wie der Körper auf eine Vielzahl von Impfungen reagiere: «Die Forschung klammert mögliche Nachteile von Impfcocktails für das Immunsystem aus.» Der Impfexperte sagt, es sei zeitgleich mit der Zunahme von Impfungen auch zu einer «dramatischen Zunahme von chronischen Krankheiten» gekommen: Im Kindesalter seien Diabetes, Morbus Crohn, neurologische Störungen und rheumatische Krankheiten sehr viel häu?ger geworden. Dies könnte mit den vielen Impfungen während der frühkindlichen Reifungsphase von Nerven- und Immunsystem zusammenhängen.
«Impfungen wirken Jahre bis Jahrzehnte nach»
Auch der Kinderarzt und Homöopath Aurelio Nosetti aus Emmenbrücke sagt: «Für das Immunsystem ist das viele Impfen eine absolute Überforderung.» Der Arzt und Homöopath Hansruedi Fischer aus Aeugst ZH weist auf die Langzeitwirkungen hin: Darüber wisse man noch nicht allzu viel. Dies sei Grund genug, vorsichtig zu sein. «Immerhin ist es ein Eingriff am gesunden Körper», so der Arzt.
Hans-Peter Zimmermann vom BAG hingegen beschwichtigt: Die in der Schweiz empfohlenen Grundimpfungen seien wirksam und ungefährlich. «Neue Impfstoffe werden genau geprüft», so Zimmermann. «Auf den Markt kommen sie erst dann, wenn ihr Nutzen klar grösser ist als allfällige Nebenwirkungen.» Zum Argument der Kritiker, dass Langzeitstudien fehlten, entgegnet er, man könne Studien nicht während 30 Jahren durchführen und so lange mit der Zulassung warten. «Die Erfahrung mit dem Impfen ist jedoch gross. Sie zeigt, dass schwere Nebenwirkungen sehr selten sind», so Zimmermann.
Nicht ganz so harmlos findet dies der Arzt und Herausgeber der Fachzeitschrift «Pharma-Kritik», Etzel Gysling: Laut der grossen Mehrheit der Studien würden zwar Impfungen keine schweren Krankheiten auslösen. «Doch es gibt auch einige Untersuchungen, die tatsächlich einen Zusammenhang vermuten lassen», so Gysling.
Er fordert deshalb Studien zu den langfristigen Auswirkungen von Impfungen. Denn im Unterschied zu «gewöhnlichen» Medikamenten wirkten Impfungen Jahre bis Jahrzehnte nach.
Wichtig zu wissen
- Impfen ist freiwillig.
- Lassen Sie Ihr Kind nur impfen, wenn es gesund ist. Warten Sie zu bei Fieber, Ekzemen oder Schüben einer chronischen Krankheit.
- Warten Sie auch zu, wenn das Kind Stress ausgesetzt ist.
- Informieren Sie den Arzt über Allergien, Neurodermitis und Reaktionen auf frühere Impfungen.
- Verwenden Sie bei Kindern mit geschwächtem Immunsystem keine Lebend-Impfstoffe.
- Einzelimpfstoffe verschwinden vom Markt. Wer herausfinden will, ob es einen Einzelimpfstoff noch gibt, fragt in der Apotheke nach. Infos gibts auch auf www. impfo.ch.
Infos übers Impfen
- «Impfen - Grundlagen für einen persönlichen Impfentscheid», Ratgeber der Stiftung für Konsumentenschutz, 12 Franken. Tel. 031 370 24 24, www.konsumen tenschutz.ch
- www.impfo.ch
07. Juni 2006 | Gabriela Braun
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