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Unzählige Konsumprodukte werden künstlich mit Nanopartikeln angereichert - ohne Deklaration. Obwohl die winzigen Teile menschliche Zellen schädigen können.
Eine Stunde nachdem ich den Magic-Nano-Spray eingesetzt hatte, bekam ich heftigen Hustenreiz, gefolgt von Schüttelfrost und Übelkeit.» Ein anderer Konsument schreibt dem Giftzentrum in Göttingen (D): «Ich wurde wegen Erstickungsanfällen ins Spital eingeliefert. Vier Tage später habe ich immer noch Atembeschwerden.»
Nanotechnologie verändert Materialeigenschaften
Rund 100 Menschen vergifteten sich Ende März in der Schweiz und Deutschland, als sie feinste Partikel des Putzsprays Magic Nano einatmeten. Nanopartikel sind 80 000-mal feiner als menschliches Haar, können tief in die Lungenbläschen eindringen und sich über die Blutbahn im Körper verteilen. Der Verkauf von Magic Nano wurde eingestellt.
Doch weltweit stehen 800 bis 1000 Produkte in den Regalen, die Nanotechnologie enthalten. Zum Beispiel Reinigungs- und Kleiderimprägnierungsmittel des Appenzeller Herstellers Nanosys. Dieser bewirbt seinen Putzspray Nano-Vitro mit «Nanoversieglung für Glas und Keramik, schützt für Monate, weniger putzen». Die Artikel von Nanosys gibts bei Coop, Jumbo und Migros. Alleine Migros setzte 2005 über 250 000 Franken damit um. Laut den saldo vorliegenden Sicherheitsdatenblättern der EU sind Inhaltsstoffe der Textilimprägnierung Nano-Tex «gesundheitsschädlich, wiederholter Kontakt kann zu rissiger Haut führen». Zum Nano-Vitro-Spray heisst es: «Dämpfe nicht einatmen, allenfalls Atemschutz tragen.» Auf der Dose steht nur: «Nicht einatmen.»
Die Industrie verspricht sich dank der Nanotechnologie Produkte mit verbessertem Nutzen. Mit den Kleinstteilen erhalten Materialien ganz neue Eigenschaften. Farblackierungen werden kratzfest. Nanopartikel in Zahnpasta rubbeln Zahnbelag weg. Die Pharmabranche erhofft sich, dass Nanopartikel die Blut-Hirn-Schranke überwinden und Medikamente so direkt im Hirn Tumore zerstören können.
Hersteller wollen keine Produktenamen nennen
Der Leiter der Innovationsgesellschaft und St. Galler Nanotech-Fachmann Christoph Meili sagt: «Dank Nanotechnologie flutscht Ketchup bei Kühlschranktemperatur schön halbflüssig aus der Flasche. Das darin enthaltene Siliziumoxid wird auch in Milchshakes eingesetzt, damit diese sämig und voluminös werden.» Laut Meili forschen 200 Firmen der Nahrungsmittelindustrie an Nanotech-Projekten.
Seit 1999 pröbelt der US-Konzern Kraft Foods in Labors, wie er Nanotechnologie in Lebensmitteln einsetzen könnte. Ob in seinen Produkten (Suchard, Tassimo-Kaffee, Toblerone usw.) bereits Nanotechnologie steckt, wollte Kraft Foods nicht sagen. Nestlé setzt noch keine Nanotechnologie ein. Im Gegensatz zum deutschen Chemiemulti BASF, der Nano-Vitaminzusätze für Lebensmittel herstellt. So werden Fruchtsäften winzige Farbstoffe (Betacarotin) und Vitamine zugesetzt, die vom Organismus besser aufgenommen werden. BASF wollte gegenüber saldo aber keine Produkte mit Namen nennen.
Vorschriften zur Deklaration gibt es für Nanotechnologie keine, Grenzwerte auch nicht. Die Behörden hinken der Realität weit hinterher. Das wollen jetzt die Grünen mit einer Mitte Mai eingereichten Motion ändern: Der Bundesrat muss Stellung beziehen, ob er Sicherheitsmassnahmen einführen will.
Zinkoxid in Sonnencreme für Kleinkinder
Seit einem Jahr verwendet die Spirig AG aus Egerkingen SO Nanotechnologie in Sonnencremes: Micro Sun Baby 30 und Micro Sun 16 Lotion enthalten kleinste Titan- und Zinkteile. Dank ihnen dringt die Creme besser in die Haut ein und bildet keinen weissen Film. Das ist nicht unproblematisch, wie neue Studien der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt Empa in St. Gallen zeigen. Im Laborversuch schädigten Zinkoxidpartikel die menschlichen Lungenzellen ähnlich stark wie Asbest. Ausgerechnet Zinkoxid verwendet jedoch Spirig in seiner speziell für Kleinkinder empfohlenen Sonnencreme Micro Sun Baby 30. Regula Johner, Apothekerin bei Spirig: «Bis jetzt haben andere Studien an Testpersonen gezeigt, dass die Nanopartikel nicht tief in die Haut eindringen.»
Im Empa-Test erwies sich Siliziumoxid, das einzelne Hersteller im Ketchup einsetzen, als relativ verträglich. Titanoxid, das als Sonnenschutzfaktor in vielen Cremes steckt, attackierte menschliche Zellen, erwies sich aber als weniger schädlich als Asbest. Empa-Forscher Peter Wick: «Wir können noch nicht sagen, was das in der Praxis bedeutet. Das Problem der Nanotechnologie: Die Forschung steht am Anfang. Es gibt viele offene Fragen.»
EU mahnt die Hersteller zur Zurückhaltung
Dieser Ansicht ist auch die EU: «Durch ihre Grösse verteilen sich Nanopartikel via Blut im ganzen Körper. Ob sie ein Gesundheitsrisiko darstellen, ist unklar.» Die britische Lebensmittelbehörde fordert aber die Industrie bereits auf, «Nanotechnologie in Lebensmitteln äusserst zurückhaltend zu verwenden».
In der Schweiz arbeiten die Bundesämter für Gesundheit (BAG) und Umwelt (BAFU) an einem Massnahmenplan. Steffen Wengert vom BAG: «Wir sehen riesige Gesundheitsrisiken, wenn sich Nanopartikel vom Produkt freisetzen. Bei Putzmitteln wird eine Deklaration notwendig.»
Dass etwas geschehen muss, findet auch der Rückversicherer Swiss Re. Er befürchtet eine «Klageflut, ausgelöst durch Spätschäden», und hält in seiner Risikostudie fest: «Die Menschheit war noch nie einer solchen Menge von kleinsten Substanzen ausgesetzt. Beispiele von Einzelschäden sind vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Gewisse Nanopartikel könnten erst nach geraumer Zeit als schädlich erkennbar sein.»
Coop, Migros und Nestlé: Das sagen die Hersteller
In welchen Produkten setzen Sie Nanotechnologie ein?
Migros: «Zurzeit in keinen Lebensmitteln. Aber in Sonnencremes, beispielsweise in Sun-Look-Mineral-Produkten. Zudem in diversen Reinigungsprodukten wie Nano-Vitro sowie im Heimwerker- und Gartenbereich.»
Coop: «In Sonnencremes wie dem Sherpa-Tensing-Kinderspray 30. Oder in fünf Autoreinigungsmitteln der Marke Nigrin Nano sowie in den Nanosys-Reinigungsprodukten. Im Coop-eigenen Ketchup nicht, bei Markenartikeln wissen wir es nicht.»
Nestlé: «Wir forschen an Anwendungen der Nanotechnologie in Lebensmitteln. Aktuell setzen wir diese nicht in unseren Produkten ein.»
Deklarieren Sie Nanopartikel-Produkte, damit Konsumenten die Wahlfreiheit haben?
Migros: «Im Heim- und Gartenbereich ist jedes Produkt heute bereits deklariert. Bei den Lebensmitteln halten wir uns, falls die Technologie dort künftig eingesetzt werden sollte, an die gesetzlichen Vorgaben. Diese sehen heute keine Deklarationspflicht vor.»
Anmerkung der Redaktion: Bei Kosmetika deklariert Migros nicht.
Coop: «Wir setzen uns bereits heute aktiv beim Bund für eine vollständige Deklaration ein, verlangen von Produzenten Transparenz und wollen offen deklarieren.»
Anmerkung der Redaktion: Die Nanopartikel sind in Sonnencremes nicht deklariert.
Nestlé: «Es ist ungewiss, ob wir Nanopartikel künftig in Lebensmitteln einsetzen werden und ob dies von den Konsumenten akzeptiert wird. Deshalb können wir die Frage nach einer späteren Deklaration derzeit nicht beantworten.»
07. Juni 2006 | Marc Meschenmoser
