|
(0) |
Alleinstehende zahlen oft mehr als Paare - oder erhalten weniger fürs gleiche Geld. Dies belegte saldo in der letzten Ausgabe. Der Zürcher Soziologe François Höpflinger kennt die Hintergründe.
saldo zeigte anhand einiger Beispiele, dass Alleinstehende gegenüber Paaren benachteiligt sind. Warum ist das so?
François Höpflinger: Die Steuerbelastung ist kantonal unterschiedlich und unübersichtlich. In manchen Kantonen werden Alleinstehende stark benachteiligt, in anderen Verheiratete gegenüber Konkubinatspaaren. Dennoch kann man sagen: In der Schweiz hinken Politik und Gesetze den gesellschaftlichen Realitäten hinterher.
Ist die Gleichbehandlung also nur eine Frage der Zeit?
Die Schweiz hat jahrzehntelang keine Familienpolitik betrieben. Zentral war der Schutz der heterosexuellen, monogamen Ehe. Sie galt als Normalbeziehung. So werden uneheliche Kinder erst seit 1978 gleich behandelt wie eheliche Nachkommen. In Schweden passierte das Jahrzehnte früher.
Zugleich pflegte die Schweiz länger als das übrige Europa traditionelle Vorstellungen von der Ehefrau als Hausfrau. Das hat sich geändert, aber nur in gewissen Gesetzen. Beim Steuerrecht etwa ist die Bevorzugung der Ehe noch spürbar.
Kritiker fordern, jede Person solle künftig einzeln besteuert werden - ohne Rücksicht auf den Zivilstand.
Die Individualbesteuerung nach skandinavischem Modell wird auch bei uns kommen. Sie wird der Realität gerechter. So leben einer Studie zufolge 40 Prozent der unter 29-Jährigen, die offiziell im Einpersonenhaushalt wohnen, faktisch bei Eltern, ihrer Freundin oder dem Freund. Es gibt heute mehr Zwischenformen jenseits der Ehe und dem Single-Haushalt. Haushaltsbezogene Steuermodelle machen keinen Sinn mehr.
Was halten Sie davon, dass Alleinstehende pro Spitaltag 10 Franken als Kostenbeteiligung zahlen müssen?
Das ist unfair und wahrscheinlich nicht gesetzeskonform.
Warum haben Alleinstehende keine politische Lobby?
Ein Grund ist, dass Alleinstehende eine uneinheitliche, schlecht organisierte Gruppe darstellen. Da gibt es viele Junge, dann verwitwete Frauen oder Geschiedene als grösste Gruppe. Und schliesslich allein lebende Männer, die häufig sozial desintegriert sind. All diese Menschen sind zu unterschiedlich, als dass eine grosse Solidarität entstehen könnte. Zudem ist der Anteil langjähriger Singles relativ gering.
Das verblüfft. Es werden doch in der Schweiz sehr viele Ehen geschieden. Laut Volkszählung 2000 gibt es im Land über eine Million Einpersonenhaushalte.
Es gibt heute mehr Möglichkeiten, allein zu leben. Die meisten sind aber nur vorübergehend Single. Die Zahl derer, die nie mit jemandem zusammenleben, ist heute viel kleiner als früher. Bei den Frauen sind es 5 bis 6 Prozent, bei den Männern vielleicht 8 Prozent. Früher blieben bis 25 Prozent einer Generation lebenslang ledig.
Warum sind Alleinstehende für die Politik selten ein Thema?
Bundesrat und Parteien haben mehrheitlich noch traditionelle Vorstellungen von Ehe und Familie. Im Nationalrat dominieren Männer, die in traditionellen Familien leben. Daneben sind viele Nationalrätinnen kinderlos. Diese Erfahrungen beeinflussen die politischen Positionen.
Das Schweigen der Parteipräsidenten
Hat Ihre Partei konkrete politische Pläne, um der Benachteiligung Alleinstehender entgegenzuwirken?» Diese Frage stellte saldo den Präsidenten von SVP, FDP, SP, CVP und Grünen. Einzig FDP-Präsident Fulvio Pelli äusserte sich. Ueli Maurer, Hans-Jürg Fehr, Christophe Darbellay und Ruth Genner wollten nicht Stellung nehmen.
Pelli stellt eine grundsätzliche Benachteiligung Alleinstehender in Abrede. Vielmehr handle es sich «um eine Bevorzugung Verheirateter, die auf bewussten politischen Entscheidungen, etwa zur Familienpolitik, basiert». Gleichzeitig fordere die FDP die Einführung der zivilstandsunabhängigen Individualbesteuerung. Pelli: «Die FDP setzt sich für ein gerechtes, transparentes Steuersystem ein.»
27. September 2006 | Interview: Eric Breitinger
