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Artikel | Haus & Garten 4/2006

Schwitzen mit dem «Corpus Delicti»

Auch Billig-Möbel haben ihren Preis. Sie kosten vor allem Nerven, wie der Möbelmontage-Test von «Haus & Garten» zeigt.

Es gibt Einfacheres als Möbel zusammenbauen - das wissen alle, die es schon mal versucht haben. Wie komplex ist die Eigenmontage aber wirklich? Was taugen die Anleitungen? Wie intuitiv lässt sich aus der Fülle von Einzelteilen ein komplettes Ganzes zusammenbauen?

Für «Haus & Garten» versuchten sich fünf mehr oder weniger begabte Heimwerkerinnen und Heimwerker in der Selbstmontage eines handlichen Computerkorpus von Ikea: das «Gustav Schubladenelement» (Masse 35 x 62 cm, 61 cm hoch; Fr. 199.-) auf Rollen. Es besteht aus einer Schublade für Hängemappen sowie zwei kleineren Schubladen, die oberste ist mit einem Schlüssel abschliessbar. Auf die ausziehbare Abstellfläche lässt sich beispielsweise ein Rechner stellen.

Das Rollmöbel besteht aus fast 150 Einzelteilen, wird mit einer 16-seitigen grafischen Schritt-für-Schritt-Anleitung geliefert - und brachte die Heimwerker beim Zusammenbau teilweise gehörig ins Schwitzen.

Lesen Sie den offenen Brief (l.) - und weitere Erlebnisberichte der Testpersonen auf den Seiten 44/45.



Möbelmontage ohne Murks

- Genügend Zeit einrechnen. Zwei oder mehr Stunden sind alles andere als unüblich.

- Sauber sortieren. Packen Sie in aller Ruhe aus und sortieren Sie die Teile gemäss Montage-Anleitung. Ikea etwa bildet die Schrauben auf der Anleitung 1:1 ab, dies ermöglicht eine Kontrolle der richtigen Grösse und Form der einzusetzenden Schraube. Passen Sie auf, dass Sie mit der Verpackung nicht mitgelieferte Teile oder Werkzeuge versehentlich entsorgen.

- Inhalt kontrollieren. Zählen Sie den Inhalt des Paketes, und vergleichen Sie ihn mit der auf der Anleitung angegebenen Stückliste. Warten Sie mit Zusammensetzen, falls tatsächlich ein Teil fehlt. Erkundigen Sie sich beim Lieferanten.

- Anleitung genau studieren. Viele Fehler passieren bei flüchtiger Durchsicht, oder wenn man der Anleitung vorgreift. Insbesondere vor anspruchsvollen Schritten sollte man die Vorgaben gründlich studieren.

- Keine neuen Löcher bohren. Wer es trotzdem tut, riskiert Schäden am Möbel.

- Überschätzen Sie sich nicht. Wenn Sie sich handwerklich für zu wenig begabt halten, überlassen Sie die Arbeit den Profis der Einrichtungshäuser.



2 Std. 20 Min.: «Leicht verständliche Anleitung»

Das Erfreuliche vorweg: Alle benötigten Teile waren vorhanden. Auf den ersten Blick sah die Sache nach einem Kinderspiel aus. Beim Studieren der Anleitung wurde aber schnell klar, dass es so simpel nicht ist.

Gröbere Probleme gabs beim Montieren der Schubladenvorrichtungen an den Seitenwänden. Die unterste Schiene muss in der äusseren Lochreihe befestigt werden, die beiden oberen Schienen in der inneren. Die Anleitung weist zwar darauf hin, aber ich habs übersehen und musste am Schluss die Schienen umhängen - ziemlich mühsam, wenn das Möbel bereits steht. Dieses Detail sollte in der Anleitung klarer hervorgehoben werden.

Letzte Hürde: Das Einhängen der Schubladen ist ohne Hilfe umständlich, da die Schienen nach hinten verrutschen. Mit etwas Fingerspitzengefühl ist es aber machbar.

Abgesehen von den erwähnten Mängeln ist die Anleitung leicht verständlich und übersichtlich. Das Möbel habe ich in 2 Stunden und 20 Minuten aufgestellt - ohne weitere Probleme. Und das Möbel macht einen soliden Eindruck.

ANNIK OTT



3 Std.: «Tückisches, zeitintensives Unterfangen»

«Gustav» ist nicht mein erstes Ikea-Möbel. Die Schachtel mit den 20 Holz- und Pressspan-Teilen ist schnell ausgepackt. Mühsam hingegen das Sortieren der 107 Schrauben, Dübel, Nägel und der speziellen Fixierelemente: Sie sind alle im gleichen Sack.

Zu Pièces de Résistance entwickeln sich die Laufschienen, auf denen die Schubladen später gleiten sollen. Aus unerfindlichen Gründen liess Ikea in jede Schiene 18 Löcher bohren, aber nur zwei sind die richtigen. Immerhin geht das Zusammenfügen der Seitenelemente mit Deckel und Rückwand gut. Anders die Korpus-Unterseite: Wo zum Teufel sind die Löcher für die vier langen Schrauben? Erst nach einiger Zeit begreife ich, dass ich zunächst das Brett, auf dem später der Rechner stehen soll, mit einigem Kraftaufwand wegschieben muss.
Dann das Finale. Beim Einsetzen der Schubladen stelle ich mit Schrecken fest: Sie passen nicht richtig hinein, die oberen Schienen habe ich falsch montiert. Also raus mit den Schrauben und am richtigen Ort wieder rein. Vor allem im hinteren Teil ein tückisches und zeitraubendes Unterfangen. Nach gut drei Stunden habe ich es endgültig geschafft.

STEPHAN DIETRICH



2 Std.: «Schweiss, Panik, Gewalt»

Die Bastlerei hat zwei Stunden gedauert und Spuren hinterlassen - Blasen, mehrere Schwielen, Schweiss und Rückenschmerzen. Auf der ersten Seite der Bedienungsanleitung sind zwei Schraubenzieher und ein Hammer abgebildet. Schnell wird klar: Das ist nicht genug. Mit Hilfe meines Werkzeugkastens komme ich hingegen gut voran.

Schwierig ist das Einschieben der Schubladen. Irgendetwas sperrt. Ich ziehe und schiebe, zuerst sanft, dann mit zunehmendem Druck, zu guter Letzt mit roher Gewalt und aufsteigender Panik. Erst nach intensivem Studium der Anleitung begreife ich, wie es geht: Die oberste Schublade auf die Schienen legend, wende ich mich von der Hocke aus um 90 Grad seitwärts und bringe mich anschliessend vorsichtig in Rückenlage. Jetzt Schublade leicht hochstemmen, etwas nach hinten schieben, in die Schienen einrasten, abwärtsdrücken, wieder schieben. Voilà.

SABINE RINDLISBACHER



45 Min.: «Locker in 1 Stunde machbar»

Ich habe schon viele Möbel aus unzähligen Einzelteilen zusammengebaut; verglichen damit fand ich «Gustav» nicht schwierig. Inklusive Auspacken aller Teile habe ich für die Montage rund 45 Minuten gebraucht.

Die kniffligste Phase war die Montage der Schubladenschienen: Wenn man sich da vertut, kann man wieder von vorne beginnen. Hier lohnt es sich, die Anleitung besonders genau zu lesen. Hilfreich wäre es, die Schienen zu nummerieren. Ansonsten sind die einzelnen Teile gut verarbeitet und vorgebohrt, alles hat gepasst. Ich habe auf einer weichen Unterlage gearbeitet, denn Holzoberflächen tragen schnell Kratzer davon, wenn man sie auf einen harten Untergrund abstellt.

Als sehr brauchbar erwies sich der von Ikea mitgelieferte Innensechskantschlüssel. Auf den Hammer, den Ikea in der Anleitung aufführt, kann man hingegen verzichten: Die Dübel lassen sich auch mit dem Daumen hineindrücken

Fazit: Wenn man die Anleitung genau liest und ein wenig Übung hat, ist die Montage relativ locker in einer Stunde machbar.

MATHIAS LOPIAN



Ikea: «Kaum Probleme mit der montage»

Das Möbelhaus Ikea gibt für die Montage seiner Selbst-bau-Möbel keinen Schwierigkeitsgrad an. «Für das Zusammenbauen unserer Möbel braucht es keine handwerkliche Erfahrung», sagt Sonja Blöchlinger, Sprecherin von Ikea Schweiz. Anfragen von Kunden mit Problemen bei der Montage gebe es «sehr wenig».

Dennoch kommt es vor: «Einer der häufigsten Fehler ist, dass die Montage-Anleitung gar nicht oder zu spät benutzt wird. Schrauben und Teile werden verwechselt und falsch zusammengebaut.» Auch der allzu forcierte Einsatz von Akku-Bohrern führe mitunter dazu, dass Schrauben, Gewinde oder das Produkt beschädigt würden.

Am Info-Telefon von Ikea (0848 801 100, maximal 8 Rappen pro Minute) erhalten Ikea-Kunden Unterstützung von Spezialisten, wenn es Probleme beim Zusammenbau gibt. Sollte in einem Möbelpaket ein Einzelteil fehlen, kann man über die gleiche Telefonnummer Ersatzteile bestellen. Diese werden kostenlos zugestellt. Schliesslich bietet Ikea auch einen Montage-Service zu Hause an. Wer ihn beansprucht, zahlt allerdings zusätzlich: Ikea verlangt für einen Einsatz vor Ort pauschal 90 Franken plus 14 Prozent des bestellten Warenwertes.

27. September 2006


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