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Meine Augen sind eigentlich für die Nacht gemacht. Denn nur im Dunkeln kann ich meine Augen öffnen, ohne ständig zu blinzeln. Draussen muss ich fast immer eine Sonnenbrille tragen.
In meinen Augen fehlt ein Teil der Netzhautzellen, die sogenannten Zapfen. Deshalb bin ich extrem lichtemp?ndlich, sehe nur etwa 15 Prozent und kann keine Farben unterscheiden. Das ist wie in einem Schwarz-Weiss-Film. Doch was ich sehe, ist weder düster noch monoton. Ich unterscheide die Dinge nach ihrer Helligkeit. Helle Farben nehme ich als leuchtend wahr, starke Kontraste als lebhaft. Einen Blumenstrauss mit weissen Blüten und grünen Blättern ?nde ich zum Beispiel sehr schön. Ton-in-Ton-Farben, wie sie jetzt im Herbst überall in den Wäldern zu sehen sind, kann ich hingegen kaum unterscheiden.
Ich war erst wenige Wochen alt, als meine Eltern merkten, dass etwas nicht stimmte. Meine Augen zitterten und ich kniff sie im Hellen zu. Es dauerte lange, bis ein Arzt feststellte, dass ich farbenblind bin. Doch informierte er uns zu wenig darüber, was dies bedeutete und dass auch meine Sehschwäche eine Folge davon war. In der Familie war es danach nicht mehr gross ein Thema. Ich fühlte mich ziemlich allein. Das prägte mich. Ich wurde scheu und einsam.
Auch in der Schule wurde ich zur Aussenseiterin. Ich konnte nicht lesen, was auf der Wandtafel stand, und musste ständig Hilfe suchen. Ich sehe keine Details, nur Umrisse. Diese aber sehe ich scharf. Eine Brille half nicht. Erst als ich nach der Sekundarschule in eine Wohngruppe für Sehbehinderte kam, fühlte ich mich integriert und mein Selbstvertrauen wuchs.
Heute kann ich meinen Alltag in vertrauter Umgebung gut bewältigen. Doch es gibt immer wieder Schwierigkeiten, zum Beispiel im Strassenverkehr - oder wenn meine kleinen Kinder sich verletzen: Da kann ich schlecht abschätzen, wie schlimm es ist oder ob ein Fremdkörper in der Wunde steckt.
Ein anderes Problem sind Begegnungen. Wenn ich jemanden kennen lerne, erkenne ich ihn ein paar Tage später auf der Strasse nicht mehr. Das hat schon oft zu Missverständnissen geführt. Ich würde mir deshalb wünschen, dass die Leute mich ansprechen und mir sagen, woher sie mich kennen.
Beim Kleiderkaufen habe ich ein spezielles Gerät, welches die Farben anzeigt. Aber eigentlich ist es absurd: Was heisst schon Rot für mich? Es gibt so viele Rottöne. Zudem habe ich keinen Schimmer, welche Farben zusammenpassen. Ich schaue mehr auf das Muster, die Form und den Schnitt. Und wenn ich mal eine unmögliche Farbkombination nach Hause bringe, weist mich mein Mann schon darauf hin. Ich bin nicht so eitel. Doch ich möchte nicht, dass mein Sohn in einem rosaroten T-Shirt herumlaufen muss, bloss weil seine Mama farbenblind ist.
Für meinen Mann ist die Sehbehinderung kein Problem. Wir haben uns über das Internet gefunden. Für mich war dieser Weg der Partnersuche praktisch, denn sonst war es für mich sehr schwierig. Ich sehe ja nicht einmal, ob mich jemand anschaut.
Übers Internet habe ich auch andere Farbenblinde kennen gelernt, die meisten in Deutschland. In der Schweiz kenne ich nur wenige, und es gibt auch keine Selbsthilfegruppe.
Farbenblind: Dem Auge fehlen die Zapfenzellen
Menschen können teilweise oder vollständig farbenblind sein. Die häufigste Form ist die Rot-Grün-Blindheit. Betroffen sind rund sieben Prozent der Männer und ein halbes Prozent der Frauen. Die totale Farbenblindheit hingegen ist sehr selten. Der Fachbegriff dafür heisst Achromatopsie. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen.
Achromatopsie ist eine vererbte Krankheit der Netzhaut. Betroffene haben im Auge keine oder nicht funktionstüchtige Zapfenzellen. Diese sind nötig, um Farben zu erkennen. Betroffene sehen deshalb schwarz-weiss und sind überempfindlich auf Licht. Zudem leiden sie unter Augenzittern und sehen schlecht.
Die Krankheit ist nicht heilbar. Für vollständig Farbenblinde gibt es aber nützliche Hilfsmittel wie getönte Brillen, spezielle Lupen und Ferngläser. Es gibt auch Geräte, mit denen sie Farben erkennen können.
- Weitere Infos:
www.farbenblinde.ch
www.achromatopsie.de
11. Oktober 2006 | Aufgezeichnet: Evi Biedermann
