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Artikel | saldo 18/2006

Wandern auf die teure Tour

Mit Postauto Reisen und Swisstrails durch den Schweizer Jura: Ein Musterbeispiel für eher schäbige Schweizer Tourismusangebote.

Märchenhafte Wälder, angenehme Temperaturen, jede Menge Sonne: Nie war der Schweizer Jura schöner als in diesem Herbst. Was liegt da näher, als eine Wanderung durch die Freiberge zum Neuenburgersee zu unternehmen? Buchen lässt sich dieses Vorhaben mit Postauto Reisen und Swisstrails: Hotels, Gepäcktransport und Routenführer sind inklusive.


Übernachtungen in «sorgfältig ausgesuchten Hotels»

Swisstrails wurde 2004 vom Schweizer Outdoor-Pionier Ruedi Jaisli gegründet. Die Firma bietet auf dem 512 Kilometer langen Trans Swiss Trail zwischen Porrentruy und Chiasso «sanften Tourismus für Radfahrer, Inline-Skater und Wanderer» an. Wanderungen gibt es in zwei Varianten:

Variante A: Porrentruy-Neuchâtel, 6 Tage/5 Nächte, Preis: Fr. 710.- pro Person.

Variante B: Saignelégier-Neuchâtel, 3 Tage/2 Nächte, Preis: Fr. 330.- pro Person.

Inbegriffen sind Übernachtung mit Frühstück in «sorgfältig ausgesuchten Hotels der mittleren Klasse (vorwiegend 3-Stern-Kategorie)», Gepäcktransport und Routenführer. Exklusive: An- und Rückreise, Hauptmahlzeiten sowie Verpflegung unterwegs.

Eine vierköpfige Familie, die sich für die sechstägige Wanderung von Porrentruy nach Neuchâtel entscheidet, lässt dafür 2840 Franken liegen. Ein Kinderrabatt ist nicht vorgesehen - es sei denn, man wählt ein Dreibettzimmer. Die dreitägige Variante von Saignelégier nach Neuchâtel kostet 660 Franken für zwei Personen im Doppelzimmer.


Zimmerpreis: Direkt buchen wäre günstiger gewesen

Wer ob diesen Preisen die eine oder andere Annehmlichkeit erwartet, wird jäh enttäuscht. Dafür kann man am eigenen Leib erfahren, wo die Gründe für eine gewisse Misere im Schweizer Tourismus liegen: hohe Preise, Ideenlosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Gast.

Schon die An- und Rückreise erfolgen trotz Buchung bei Postauto Reisen ohne jede Ermässigung. Auch die Unterbringung im 3-Stern-Hotel erweist sich als nur teilweise gehaltenes Versprechen. Wo dies der Fall ist, besteht der einzige Luxus in Telefon und TV-Apparat auf dem Zimmer. Ansonsten: nordisch Schlafen im Ikea-Bett und Schimmel in der Dusche. Bisweilen müssen sich die Gäste mit einer Stockwerkdusche begnügen.

Pikant: Die Hotels selber bieten ihre Zimmer billiger an. Über 80 Franken pro Person würde keiner der Hoteliers verlangen. Direkt buchen wäre also oft günstiger. Ausserdem: Man erhält kein Lunchpaket, rein gar nichts. Die Fantasie des Veranstalters beschränkt sich darauf, den Einkauf eines Picknicks zu empfehlen.


Transport: Maximal ein Gepäckstück pro Person

«Ähnlich wie bei einem Glas Tee im Restaurant müssen bei einer Pauschalreise neben den reinen Warenkosten auch die indirekten Kosten wie Löhne usw. gedeckt werden», rechtfertigt Ruedi Jaisli von Swisstrails den Preis. Er habe persönlich die ganze Strecke abgewandert und die Kapitel im Routenführer verfasst. Womit er auch dafür verantwortlich ist, dass das Ziel der Etappe von St-Imier nach Dombresson im Führer nicht beschrieben ist. Glücklich, wer da eine Karte im Rucksack hat.

Für den Gepäcktransport (maximal ein Koffer pro Person, jedes weitere Gepäckstück 30 Franken pro Etappe) ist ein Fahrer besorgt. Es empfiehlt sich, die Koffer wie im Reisebeschrieb vermerkt vor 9 Uhr an der Hotelrezeption abzugeben. Denn um 9.01 Uhr ist der zuständige Herr weg. Kontrastiert wird die Pünktlichkeit des Transporteurs durch den Umstand, dass die Hotels bei der Ankunft der Reisenden nicht zwingend besetzt sind. Man sollte daher ein Handy dabeihaben, um den Wirt anrufen zu können.

Swisstrails-Projektleiter Jaisli hat für Reklamationen wenig Verständnis. «Immerhin haben diesen Sommer 2000 Gäste unsere Dienste in Anspruch genommen. Der Erfolg belegt, dass unser Angebot marktgerecht ist.» Zwar räumt er ein, dass im Jura «nicht alle Hotels den Ansprüchen an ein 3-Stern-Hotel» genügten. Bei einer Jura-Wanderung sei aber nicht zuletzt «die Attraktivität der Landschaft ausschlaggebend». Für die kann Ruedi Jaisli freilich nichts.

08. November 2006 | Dani Winter


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