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Ein später Kinderwunsch hat Tücken:
Die Fruchtbarkeit sinkt nach 35 massiv und Krankenkassen bezahlen Behandlungen bei Frauen ab 40 häufig nicht mehr.
Beruf, Karriere oder eine späte feste Partnerschaft: Immer mehr Frauen verschieben das Kinderkriegen in ihre späten Dreissiger- oder frühen Vierzigerjahre. Dabei bedenken viele nicht, dass die Fruchtbarkeit ab dem 35. Lebensjahr massiv sinkt. Das bestätigt Conrad Engler, Sekretär des Vereins Kinderwunsch in Basel: «Es herrscht eine unglaubliche Unkenntnis über den Zusammenhang zwischen Alter und Kinderkriegen, und zwar bei Mann und Frau.»
Frauen ab 40 Jahren: Kostenübernahme nicht mehr garantiert
Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Monats auf natürlichem Wege schwanger zu werden, liegt bei einer 25-Jährigen bei 20 Prozent, bei einer 35-Jährigen bei 10 Prozent, bei einer 40-Jährigen noch bei 5 Prozent. Die Fehlgeburtenrate einer 43-jährigen Frau wiederum beträgt 50 Prozent. Ab dem 42. Altersjahr geht der Kinderwunsch nur noch in seltenen Fällen in Erfüllung, so Engler.
Streben jüngere Paare eine Schwangerschaft an, lässt man erst einmal der Natur ein bis anderthalb Jahre freien Lauf. «Ist das Paar über 35 Jahre alt, sollte es sich bereits nach einem halben Jahr untersuchen lassen und auf keinen Fall länger warten, denn die Untersuchungen können dauern», betont Conrad Engler.
Wenn es auf natürlichem Wege nicht klappt, gibt es die Möglichkeit einer Hormonbehandlung oder Insemination. Hormontherapien und drei Behandlungszyklen Insemination werden aus der obligatorischen Krankenkasse bezahlt.
Das allerdings nur bis zu einem gewissen Alter: Bei Frauen über 40 lehnen viele Kassen die Kostengutsprachen für Behandlungen ab.
So zum Beispiel Helsana, Swica und CSS. Swica-Mediensprecher Philipp Lutz hält fest: Es werde stets «im Einzelfall entschieden, ob die Krankenkasse bezahlt». Allerdings werde die Übernahme der Kosten für Insemination bei Frauen über 40 praktisch durchwegs abgelehnt. Dabei beruft er sich - wie andere Krankenversicherer auch - auf Artikel 32 des Krankenversicherungsgesetzes (KVG). Dort heisst es: «Die Leistungen müssen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein.»
«Kassenpflicht sollte nicht vom Alter abhängig sein»
Dorothea Wunder, Leiterin des Kinderwunschzentrums des Berner Inselspitals, hat Erfahrungen mit solchen Fällen: «Wir haben von den Krankenkassen schon umgehende Absagen bekommen, weil die Patientin älter als 40 Jahre war.»
Versicherungstechnisch gesehen bestehe für Frauen über 40 eine Grauzone, kritisiert Wunder: «Der Passus im Krankenversicherungsgesetz müsste klarer definiert werden.» Zum Beispiel dahingehend, dass eine Hormonstimulation vom Versicherer bezahlt wird, wenn die Hormonwerte der Frau in der Norm liegen. Dorothea Wunder: «Das kann sogar mit 43 Jahren noch der Fall sein.» Und Conrad Engler fordert: «Die Kassenpflicht sollte nicht vom Alter abhängig gemacht werden, sondern vom Hormonstatus und von der Spermienqualität.»
Wer selber zahlen muss, hat mit hohen Kosten zu rechnen
Weigert sich die Krankenkasse zu bezahlen, wird es für betroffene Paare teuer: Eine Insemination kostet 1500 Franken. Die Kosten für Hormontherapien sind sehr individuell. Gegen abschlägige Entscheide der Krankenkassen ist eine Beschwerde möglich. Lehnt die Kasse auch dann die Kostenübernahme ab, steht der Weg ans kantonale Versicherungsgericht offen. Bei den Krankenkassen Helsana, Swica und CSS hat diesen Weg laut eigenen Angaben bisher noch kein Paar beschritten.
Auch Rudolf Luginbühl, dem Ombudsmann der sozialen Krankenversicherung, ist kein solcher Fall bekannt. Entsprechende Anfragen würden aber ab und zu an ihn gerichtet. «Die Vertrauensärzte der Krankenkassen stellen sich in diesen Fällen auf den Standpunkt, dass es der Natur entspreche, wenn eine Frau ab 40 nicht mehr schwanger wird», sagt Luginbühl. «Deshalb gilt aus ihrer Sicht eine Sterilität über 40 versicherungstechnisch nicht mehr als Krankheit.»
Behandlungen sind den Krankenkassen auch zu teuer
Zudem: Auch wenn eine Behandlung über 40 zweckmässig und wirksam erscheine, erfülle sie aus Sicht der Krankenkassen das Kriterium Wirtschaftlichkeit nicht mehr. Sie sei zu teuer. «In der Regel konnten wir Krankenversicherungen deshalb kaum zu einer Kostenübernahme bewegen», so Luginbühl. Er vermutet: «Frauen möchten aus verschiedenen Gründen heute später Kinder haben als früher. Das Problem wird deshalb noch vermehrt auftreten.»
Kinderwunsch: Schritt für Schritt
Viele Paare leiden unter einem unerfüllten Kinderwunsch. Experten raten solchen Paaren zu folgenden Schritten:
1. Natürlicher Weg
Alle zwei bis drei Tage ungeschützten Geschlechtsverkehr. Am höchsten sind die Befruchtungschancen während des Eisprungs oder kurz davor. Bestimmung des Eisprungs: von der durchschnittlichen Zykluslänge 14 Tage abziehen. Bei einem unregelmässigen Rhythmus: mit einem Ovulationstest aus der Apotheke feststellen, ob ein Eisprung stattfindet. Zudem: Reduktion des Zigaretten- und Alkoholkonsums sowie Verzicht auf nicht vom Arzt verschriebene Medikamente.
2. Medizinische Hilfe
Den Hausarzt oder Gynäkologen aufsuchen, der eventuell erste Untersuchungen durchführen wird. Paare über 35 wenden sich am besten direkt an spezialisierte Ärzte oder Zentren (Adressen unter www.kinderwunsch.ch).
3. Untersuchungen und Diagnose
Bei den Untersuchungen werden die vier Hauptfaktoren für eine erfolgreiche Empfängnis beurteilt: das richtige Hormongleichgewicht bei Mann und Frau, die Eizellenreserven in den Eierstöcken und das Stattfinden des Eisprungs sowie die Quantität und die Qualität des Spermas beim Mann.
4. Operative Möglichkeiten
In manchen Fällen zeigen Untersuchungen, dass durch einfache chirurgische Eingriffe die Chancen erhöht werden können, auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Techniken gibt es für Männer und für Frauen. Bei der Frau zum Beispiel die Entfernung von Zysten an den Eierstöcken oder die Öffnung des Eileiterkanals.
5. Hormonelle Behandlungen
Hormone sind dafür verantwortlich, dass genügend Spermien und Eizellen produziert werden. Wenn es Probleme bei der Produktion der Hormone gibt, können diese durch Hormoninjektionen ersetzt werden. Diese Injektionen kann man zu Hause durchführen, zur Kontrolle muss man aber in die Praxis oder Klinik.
Wenn die Frau keinen Eisprung hat, kann der Arzt Tabletten verordnen, welche die Eizellenproduktion fördern und eine Empfängnis ermöglichen. Diese Medikamente helfen, wenn lediglich der Eisprung ausbleibt, alles andere aber normal ist.
6. Weitere Behandlungsmöglichkeiten
- Intrauterine Insemination: Die befruchtungsfähigsten Spermien werden zur Zeit des Eisprungs in die Gebärmutter gespült.
- In-vitro-Fertilisation (IVF): Eine Eizelle wird ausserhalb des Körpers der Frau befruchtet und in die Gebärmutter eingepflanzt.
- Intracytoplasmatische Spermieninjektion: Ein geeignetes Spermium wird mit einer Injektion in die Eizelle eingeführt, das befruchtete Ei wird ein-gepflanzt.
Die Kosten für die Befruchtung einer Eizelle ausserhalb des Körpers der Frau werden von den Krankenkassen nicht übernommen. Am Inselspital Bern kostet eine Behandlung zwischen 6600 und 7200 Franken.
- Gespendete Eizellen: Eine erfolgreiche Behandlungsform, wie zahlreiche Hollywood-Diven beweisen. Doch sie ist in der Schweiz verboten. Schweizerinnen reisen deshalb zum Beispiel nach Tschechien, Spanien, Belgien oder Grossbritannien.
Nützliche Links
www.initiative-kinder wunsch.net
www.kinderwunsch.ch
www.endokrinologie-fhk. usz.ch
www.frauenheilkunde.
insel.ch/kinderwunsch-zentr.html
www.appella.ch
22. November 2006 | Angelica Schorre
