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Jahrelang schluckte Marianne King codeinhaltiges Resyl Plus - bis zu fünf Flaschen am Tag.
Apotheker gaben ihr das Mittel ohne nachzufragen.
Kurz nach der Lehre verspürte Marianne King zum ersten Mal den Drang, sich zu beruhigen. Als gelernte Pflegeassistentin wusste sie, welche Medikamente da nützten.
Zuerst griff sie zu Appetitzüglern, dann zu Hustensaft, schliesslich zu den Hustentropfen Resyl Plus - und kam nicht mehr davon los: Über dreissig Jahre lang war sie medikamentenabhängig.
«Wenn ich ein ganzes Fläschchen Resyl Plus schluckte, bekam ich ein enormes Flash, ein unbeschreibliches Hochgefühl», erzählt Marianne King. «Das machte mich süchtig.»
Nach dem Flash wurde sie jeweils einige Stunden lang wohlig gleichgültig: «Ich hatte zu nichts mehr Lust oder Energie - aber das war mir egal. Ich sass nur noch auf dem Sofa und träumte vor mich hin.»
Fünf Fläschchen trank sie jahrelang jeden Tag leer. In die Ferien nahm sie jeweils einen Vorrat mit. Als sie mit ihrem Mann nach New York reiste, schwitzte sie am Zoll Blut: «Wenn die den Koffer geöffnet hätten, wäre ich verhaftet worden.»
Ihr ganzes Leben drehte sich nur um die Sucht, sagt Marianne King heute. «So gesehen ging es mir nicht besser als einer Heroinsüchtigen.»
Resyl Plus enthält den Wirkstoff Codein. Er hat eine ähnliche chemische Struktur wie Morphium. Wer ihn über längere Zeit nimmt, läuft Gefahr, süchtig zu werden.
Nach jahrzehntelangem Codein-Konsum begannen Körper und Psyche zu rebellieren: Marianne King litt an Schlafstörungen, Verstopfung und Depressionen und hatte Selbstmordgedanken.
Jeden Morgen in der Apotheke zwei Fläschchen geholt
Rund tausend Franken gab sie jeden Monat für Hustentropfen aus. Einige Apotheken weigerten sich, ihr regelmässig Resyl Plus zu verkaufen. Andere hatten weniger Skrupel. In drei Apotheken in Bern kaufte sie jahrelang fast jeden Morgen je zwei Fläschchen Resyl Plus, manchmal sogar drei. «Die kannten mich und wussten garantiert, dass ich süchtig bin», sagt sie. «Aber sie haben mich in all den Jahren nie auf die Sucht angesprochen.»
Für Resyl Plus braucht man kein Rezept. Allerdings dürfen es Apotheker nur nach einer Beratung abgeben. Monique Helfer von der Heilmittelbehörde Swissmedic stellt klar, was das heisst: «In Fällen, wo die Gefahr eines Missbrauchs besteht, ist die Abgabe codeinhaltiger Präparate zu verweigern.»
Der Gesundheitstipp konfrontierte die drei Apotheken mit den Aussagen und einem Bild von Marianne King. Zwei behaupteten, sie nicht zu kennen. Der dritte Apotheker räumte zwar ein, sie wiederzuerkennen, schrieb aber, ihre Aussagen entsprächen «in keiner Weise der Wahrheit». Bis Redaktionsschluss nahm er keine weitere Stellung.
Im letzten Herbst, mit 52, merkte Marianne King selber, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie rang sich zu einem Entzug durch. Drei Monate verbrachte sie in der psychiatrischen Uniklinik Waldau in Bern. Dort stellte Caroline Buri, Psychiaterin und Suchtspezialistin, erstmals fest, dass Marianne King am Aufmerksamkeits-De?zit-Syndrom (ADS) leidet. Das war der Grund, warum King zu Beruhigungsmitteln gegriffen hatte.
Jetzt nimmt Marianne King Ritalin gegen das ADS - und es geht ihr gut. «Endlich habe ich wieder Freude am Leben», sagt sie. Sie liest wieder Bücher und trifft sich mit Freundinnen und Bekannten. Verlangen nach Codein hat sie keines mehr.
«Medikamente mit Codein sollten rezeptpflichtig sein»
Wie Marianne King seien viele Menschen, die süchtig werden, mit ihrem Alltag überfordert, sagt Caroline Buri: «Mit den Medikamenten blenden sie die Realität aus und vergessen vorübergehend ihre Sorgen.»
Zwei von drei Medikamentensüchtigen sind Frauen. Laut einer Schätzung der Drogen-Fachstelle SFA haben in der Schweiz 170 000 Menschen ein «kritisches Medikamentenverhalten», sind also abhängig oder kurz davor. Beruhigungs- und Schlafmittel bringen die grösste Suchtgefahr mit sich.
Doch laut Buri können auch Antihistaminika süchtig machen (siehe auch Tabelle Seite 18). Die Allergiemittel haben eine Nebenwirkung, die normalerweise unbeliebt ist: Sie machen müde.
Störend ?ndet Buri, dass diese Mittel ohne Rezept erhältlich sind: «Viele Leute nehmen diese Medikamente, um sich zu beruhigen - und wissen nicht, dass sie Gefahr laufen, abhängig zu werden.»
Auch für Gesundheitstipp-Arzt Thomas Walser ist es «absolut unverständlich», dass man für Medikamente wie Resyl Plus kein Rezept braucht. Er fordert: «Medikamente mit Codein sollten unbedingt rezeptpflichtig sein.» In Deutschland ist dies bereits der Fall.
Opiate fürs ganze Jahr verschrieben
Doch auch die Rezeptpflicht schützt nicht vor Abhängigkeit, wenn der Arzt seine Verantwortung nicht ernst nimmt. Dies zeigt das Beispiel von Hansruedi Hubmann aus Islikon TG.
Wegen einer verkrümmten Wirbelsäule und mehrerer Diskushernien leidet der 74-Jährige an starken chronischen Rückenschmerzen. Eine Operation ist nicht möglich.
Sein Rheuma-Arzt Urs Steinmann in Winterthur leitete Hansruedi Hubmann zum Krafttraining an, spritzte ihm Schmerzmittel in den Rücken - und gab ihm ein verhängnisvolles Rezept mit. Darauf stand: Tramal retard.
Sechs Jahre lang nahm Hansruedi Hubmann die Arznei - jeden Tag drei bis vier Tabletten. Der Arzt gab ihm jeweils ein Rezept für ein Jahr.
Gegen die Schmerzen wirkte Tramal recht gut - «aber nach etwa sechs Jahren bekam ich merkwürdige Anfälle», erinnert sich Hubmann. Er fühlte sich zerschlagen, war gereizt und hatte Alpträume. Zudem begann seine Haut schlecht zu riechen.
Als sich diese Anfälle häuften, ging er zu seinem Hausarzt. Erst dieser klärte ihn auf, dass er unter Entzugserscheinungen litt. «Ich war total geschockt», erinnert er sich. Sofort brachte er alle Medikamente in die Apotheke zum Entsorgen.
Hansruedi Hubmann: Entzug wie ein Drogenabhängiger
Was dann kam, war eine Tortur: «Zwei Monate lang ging es mir himmeltraurig. Meine ganze Lebensfreude war dahin, ich habe kaum mehr gegessen, und auch schlafen konnte ich nicht mehr richtig.» Dauernd war Hubmann unruhig, wollte nicht einmal mehr fernsehen.
Fachleute nennen dies einen kalten Entzug. Der Körper bekommt die Drogen, an die er sich gewöhnt hat, von einem Tag auf den anderen nicht mehr. «Heute weiss ich, was ein Drogenabhängiger durchmacht, der von der Sucht wegkommen will», sagt Hansruedi Hubmann.
Dazu kamen die starken Schmerzen, die Tramal bisher verdeckt hatte: im Rücken, in der Hüfte und in den Knien. Zwar bekam er vom Hausarzt weiterhin Schmerzmittel - aber eben weniger starke als Tramal.
Heute weiss Hansruedi Hubmann: Tramal ist ein Opiat - und es kann süchtig machen. Die Fachinformation für Ärzte sagt klipp und klar: «Tramal soll nicht länger als unbedingt nötig angewendet werden.» Auch Etzel Gysling, Arzt und Herausgeber der Zeitschrift «Pharmakritik», ist vorsichtig. «Ich verschreibe Tramal nur in niedriger Dosis - und höchstens für ein paar Wochen.»
«Ich hätte das nie geschluckt, hätte ich gewusst, was es ist»
Doch anstatt Hubmann in kurzen Abständen zu kontrollieren, wie es die Fachinformation vorschreibt, überliess es Steinmann dem Patienten, wie oft er in die Sprechstunde kommen wolle. «Manchmal», so Hubmann, «war ich ein halbes Jahr lang nicht bei ihm. Dass man von Tramal abhängig werden könnte, erwähnte er mit keinem Wort.»
Urs Steinmann sagt gegenüber dem Gesundheitstipp, Hubmann hätte nur «seltenerweise, bei Bedarf» Tramal nehmen müssen. Hauptsächlich habe seine Therapie aus Krafttraining bestanden. «Es tut mir leid, dass der Patient von Tramal abhängig wurde. Das ist sehr selten.» Wenn bei starken Schmerzen andere Massnahmen nicht helfen, würde er aber wieder Tramal verschreiben «und eine Abhängigkeit in Kauf nehmen, wenn so die Schmerzen und damit das Leben erträglicher wären.»
Hansruedi Hubmann will heute von Tramal nichts mehr wissen. «Wenn ich gewusst hätte, dass ich Rauschgift schlucke, hätte ich von Anfang an die Finger davon gelassen.»
Buchtipp
«Gute Pillen, schlechte Pillen». Zu bestellen mit der Karte auf Seite 9.
Waren Sie auch von Medikamenten abhängig oder sind es noch? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen!
Redaktion Gesundheitstipp, «Medikamentensucht», Postfach 277, 8024 Zürich oder redaktion@gesundheitstipp.ch
18. April 2007 | Christian Egg
