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Rund 90 Prozent aller Menschen erleiden in ihrem Leben irgendwann einen Hexenschuss - so wie die vierfache Mutter Andrea Stamm. Der akute Schmerz ist zwar schlimm, die Ursache jedoch meist harmlos.
Andrea Stamm aus Schleitheim SH war 18 Jahre alt, als der Hexenschuss zum ersten Mal einfuhr. «Ich eilte gerade über den Bahnhof um den Bus zu erreichen, als ich im Kreuz einen stechenden Schmerz fühlte», erzählt sie. «Mein Rücken war auf einen Schlag steif, ich konnte nur noch in kerzengerader Haltung gehen.» Vom Bus sah sie die Schlusslichter.
Seither hat die heute 37-jährige Mutter von vier Kindern häufig Rückenschmerzen. «Ich bin 178 Zentimeter gross und schnell gewachsen. Die Ärzte sagten immer, ich hätte eine krummen Rücken.» Rund zehnmal hat Andrea Stamm Therapien beim Physiotherapeuten gemacht. Das half jeweils für eine Weile, doch vom Hexenschuss blieb sie nicht verschont. «Besonders oft erwischte er mich nach einer unachtsamen Bewegung, wenn ich schwer heben oder lange vornübergebeugt arbeiten musste.»
Andrea Stamm erinnert sich noch gut an den ärgsten Hexenschuss: «Ich wurde beinahe ohnmächtig vor Schmerz, war zu keiner Bewegung mehr fähig. Der Rücken war total blockiert.» Schmerzmittel halfen ihr übers Gröbste hinweg. «Damit konnte ich mich soweit bewegen, dass der Rücken wieder ins Lot kam.»
Hans-Rudolf Ziswiler, Leiter des Ambulatoriums Rheumatologie am Inselspital Bern, sieht viele Patienten mit Hexenschuss. «Die Ursachen sind häufig unklar», sagt der stellvertretende Chefarzt. «In 90 Prozent der Fälle lautet die Diagnose akute unspezifische Rückenschmerzen.»
Auch wenn ein Hexenschuss äusserst schmerzhaft sein kann: Es besteht kein Grund zur Panik. In den meisten Fällen lösen harmlose verspannte Muskeln den Schmerz aus. «Vergleichbar mit einer Tür, die klemmt», sagt Ziswiler.
Häufig triffts Menschen mit sehr beweglichen Gelenken
Besonders anfällig sind Menschen mit sehr beweglichen Gelenken. Die Bänder sind dann zu schwach oder zu elastisch. Und das wirkt sich auf die kleinen Gelenke in der Wirbelsäule aus. Sie verbinden die einzelnen Wirbel und machen so die Wirbelsäule beweglich. «Bei unbedachten Bewegungen kann es zum Ausscheren der kleinen Gelenke in der Wirbelsäule kommen,» erklärt Ziswiler. Dadurch verkrampfen sich die darumliegenden Muskeln und lösen den Schmerz aus.
Viele Betroffene befürchten, dass eine kaputte Bandscheibe den Hexenschuss auslöst. Doch das ist sehr selten der Fall. Ziswiler: «Die Bandscheibe kann sich zwar ganz leicht verschieben. In 70 Prozent der Fälle korrigiert sich das jedoch von selbst und braucht keine spezielle Behandlung.» Nur wenn eine anhaltende Muskelschwäche im Bein auftritt, der Schmerz ins Bein ausstrahlt oder gar Gefühlsausfälle vorkommen, sollte man zum Arzt.
Rückentherapeut René Grundbacher aus Meinisberg BE bezeichnet vor allem einseitige Bewegungsabläufe als Gift für den Rücken. Denn sie belasten auch die Muskeln einseitig. Beispiel: «Häufiges Sitzen und Sich-nach-vorne-Beugen fördern Rückenprobleme», sagt er. Das verkürze den Muskel zwischen Hüfte und Oberschenkel. «Die Rückenmuskeln sind dauernd überspannt - das verursacht Kreuzschmerzen.»
Nach einer Attacke sollte man sich viel bewegen
Wer Hexenschuss hatte, sollte sich bewegen. Wer viel sitzt und Beschwerden hat, sollte häufig aufstehen und den Oberkörper nach hinten beugen. Grundbacher: «Das hilft im Ernstfall, wirkt aber auch vorbeugend.» Nur wer sich bewege, gebe dem Körper die Chance, die entstandene Fehlhaltung zu korrigieren.
Das hat sich Andrea Stamm zu Herzen genommen: «Mir hilft es am besten, wenn ich mich gleich nach einem Hexenschuss möglichst viel bewege.» Stamm vermeidet zudem Anstrengungen, die ihr nicht gut tun. Deshalb hat sie die Arbeitsflächen in der Küche höher setzen lassen - so muss sie sich beim Arbeiten nicht nach vorne neigen: «Seit ich den Rücken nicht mehr dauernd krumm mache, geht es mir viel besser.»
Buchtipp
Gesundheitstipp-Ratgeber:
«Das Kreuz mit dem Rücken», mit der Karte zu bestellen auf Seite 13.
Hexenschuss: Das hilft
So beugen Sie vor
- Wechseln Sie so oft wie möglich vom Sitzen zum Stehen.
- Achten Sie auf genügend Bewegung im Alltag.
- Wählen Sie keinen Sport, der einseitige Bewegungsabläufe erfordert.
- Gehen Sie beim Bücken in die Knie.
- Achten Sie beim Heben darauf, dass die Oberschenkel die Hauptarbeit leisten.
So lindern Sie den Hexenschuss
- Nehmen Sie frühzeitig ein Schmerzmittel ein.
- Bewegen Sie Ihren Rücken.
- Wechseln Sie häufig zwischen Liegen, Gehen und Stehen.
- Vermeiden Sie das Sitzen, Tragen und Bücken.
- Halten Sie Bauch und Rücken warm.
- Salben mit Bienengift, Rosmarinextrakt oder Cayennepfeffer wärmen und wirken.
16. Mai 2007 | Regula Schneider

