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Artikel | Gesundheits-Tipp 5/2007

Das Knie völlig ruiniert

Der erste Chirurg operierte nach einer veralteten Methode. Vier weitere Operationen brachten keine Besserung. Heute ist Pia Gyger 20 - und hat Arthrose im Knie.

Den 26. Juni 2001 wird Pia Gyger ihr Leben lang nicht vergessen. Wie so oft spielte die damals 14-Jährige mit ihren Schulkameraden Fussball, bevor die Schule wieder begann. «Normalerweise stand ich im Tor», erinnert sie sich. «Doch an diesem Tag wollte ich Stürmerin sein.»
Plötzlich ging alles schnell. Ein Kollege kam ihr in die Quere, sie kam zu Fall: «Ich hörte es im rechten Knie knallen, und es schwoll sofort an und schmerzte.»
Der Hausarzt vermutete, das Innenband des Knies sei überdehnt. Doch die Schmerzen gingen auch nach mehreren Wochen nicht weg.
Die Eltern brachten Pia zum Chirurgen Peter Walther nach Thun. Ein verhängnisvoller Schritt, wie sich später herausstellt. Denn heute, nach fünf Operationen, zieht sie ein bitteres Fazit: Ihr Knie ist ruiniert, mit 20 Jahren. Eine beginnende Arthrose plagt sie: «Wenn es so weitergeht, werde ich wohl schon mit 30 Jahren ein künstliches Kniegelenk brauchen.»
Eine Welt ist für Pia, die Sportbegeisterte, zusammengebrochen. Vorher spielte sie Fussball, ritt, ging wandern. Die Lizenz hätte sie gemacht für die Unihockey-Meisterschaft der Juniorinnen.
Und auch ihren Lebenstraum, eine Lehre als Landschaftsgärtnerin, muss sie wohl begraben.

Physiotherapie statt Kreuzbandoperation
Beim Unfall war Pia Gygers Kreuz- und Seitenband gerissen. Zudem war der innere Meniskus, ein Knorpel im Knie, beschädigt.

In einer ersten Operation entfernte Walther den Rest des gerissenen Kreuzbandes und reparierte den Meniskus. Mit dem Flicken des Kreuzbandes wollte er noch zuwarten: Dafür sei sie noch zu jung, sagte er ihr. Er verschrieb Physiotherapie und gab Pia Gyger eine Schiene fürs Knie. «Damit, so sagte er, könne ich mich normal bewegen und sogar Sport machen.» Doch das Knie blockierte immer wieder, und auch die Schmerzen waren nicht verschwunden. Pia biss die Zähne zusammen und vertraute den Worten des Arztes.
Ein Jahr nach dem Unfall nahm sie am Sporttag der Schule teil. Wie immer trug Pia die Schiene. «Alles ging gut, bis zum Weitsprung», erinnert sie sich. «Nach dem ersten Sprung schmerzte das Knie so stark, dass ich einige Minuten gar nicht mehr gehen konnte.»
Wieder ging sie zum Chirurgen Walther. «Als er mein Knie sah, sagte er, jetzt müsse man doch das Kreuzband reparieren, sonst gehe das Knie noch weiter kaputt.» Während der Operation ereignete sich der Zwischenfall: Der Bohrer, mit dem Walther das Kreuzband am Knochen befestigen wollte, funktionierte nicht richtig. Gyger: «Er sagte, jetzt sei dieser Bohrer dann endgültig defekt. Er müsse ihn wohl bald einschicken.» Es sei «nicht gerade beruhigend» gewesen, so etwas während einer Operation zu hören. Die Operation brachte kaum eine Besserung, das Knie fühlte sich nach wie vor instabil an.
Kein Wunder, bestätigen heute auch Fachleute. Der Berner Chirurge Martin Rüegsegger hat das Knie von Pia Gyger auch untersucht. Ein Röntgenbild hat es an den Tag gebracht: Peter Walther hat Pia Gyger mit einer veralteten Technik operiert.
Gegenüber dem Gesundheitstipp bestätigt Rüegsegger: «Das Kreuzband hat deshalb keine Möglichkeit, korrekt zu heilen. So, wie das Kreuzband befestigt war, konnte das Knie gar nicht richtig funktionieren.» Bei der alten Technik sei das oft vorgekommen. «Heute kann man das besser machen.»

Der zweite Kreuzbandriss: Ein dummes Missgeschick
Nach der verhängnisvollen Operation bei Walther nahm das Schicksal seinen Lauf. Pia Gyger hatte eine Lehre als Landschaftsgärtnerin begonnen - ihr Traumberuf. Beim Rosenschneiden passierte ihr ein banales Missgeschick: «Mein Fuss verhakte sich am Wagen, auf dem die Rosen standen. Jede andere wäre gestolpert, mir verdrehte es das Knie.» Vor lauter Schmerzen konnte sie kaum mehr richtig gehen. Vom ständigen Humpeln begann nun auch noch der Rücken zu schmerzen.
Erneut ging sie zu Peter Walther. Der stellte fest, das reparierte Kreuzband sei wieder gerissen. Eine dritte Operation sei nötig. «Er warf mir vor, zu meinem Knie zu wenig Sorge zu tragen», erinnert sich Pia Gyger. «Dabei hatte es nur eine dumme Bewegung gebraucht, und das Kreuzband war wieder gerissen.»
Walther flickte das gerissene Kreuzband erneut. Sechs Wochen lang musste Pia einen Gips tragen. Doch auch nach der dritten Operation blieb das Gelenk instabil und blockierte immer wieder. Zu allem Übel musste sich Pia jetzt einen anderen Arzt suchen. Peter Walther ging in Pension. Ein Kollege empfahl ihr Roland Testa-Schori in Bern.

Mit 17 Jahren erste Anzeichen von Arthrose
Schon beim ersten Termin bestätigte Testa-Schori: Mit dem Knie stimmt etwas nicht. Eine MRI-Untersuchung ergab, dass das Kreuzband zu lang ist. Zudem stellte Testa-Schori erstmals die beginnende Arthrose fest. Pia war damals gerade 17 Jahre alt.
Damals wusste sie noch nicht so recht, was das hiess. «Heute ist mir klar, dass ich für den Rest meines Lebens Probleme mit dem Knie haben werde.»
Testa-Schori versuchte den Schaden zu beheben und verkürzte das zu lange Kreuzband. Es war die vierte Operation.
Roland Testa-Schori schreibt dem Gesundheitstipp, er habe mit Pia Gyger diskutiert, ein neues Kreuzband einzusetzen: «Doch weil die Lehrabschlussprüfung bevorstand, entschied sie sich für jene Operation, nach der sie schneller wieder einsatzfähig sein würde. Das war das Schrumpfen des lockeren Kreuzbandes.»

Sorgfaltspflicht verletzt? Krankenkasse prüft den Fall
Doch die Operation konnte nicht mehr viel verbessern. «Manchmal», so Pia Gyger, «hatte ich zwei Wochen keine Schmerzen - aber eine falsche Bewegung konnte einen stechenden Schmerz auslösen.» An Sport war nicht zu denken. Das schlug Pia aufs Gemüt. Aus Frust begann sie zu rauchen.
Im letzten November operierte auch der Berner Chirurge Rüegsegger das Knie. Wieder eine Korrektur. Pia Gyger hofft heute, dass diese Operation - die fünfte - nun die letzte ist: «Im Moment geht es gut. Ich bin daran, die Muskeln aufzubauen, und bin zuversichtlich.»
Unterdessen ist auch die Krankenkasse von Pia Gyger stutzig geworden, die Visana. Denn sollte sich bestätigen, dass Peter Walther einen Fehler gemacht hat, könnte die Visana das Honorar für die Operation zurückfordern. Visana-Sprecher Christian Beusch sagt dem Gesundheitstipp: «Wir werden prüfen, ob Peter Walther seine ärztliche Sorgfaltspflicht verletzt hat - oder ob sogar ein Ärztefehler vorliegt.» Peter Walther nahm bis Redaktionsschluss zu den Vorwürfen keine Stellung.
Pia spielt heute mit ihren Kollegen am Töggelikasten. Sie lacht: «Immerhin das kann ich noch.» Doch echten Fussball wird sie wohl nie mehr spielen können.

16. Mai 2007 | Christian Egg


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