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Jeder Zehnte muss wegen der Masern ins Spital, jeder Fünfte hat Komplikationen – sagen die Behörden. Das ist übertrieben, klagen jetzt Kritiker.
Rote Hautflecken, Fieber und Erschöpfung – die Masern gehen um in der Schweiz. 780 Menschen – so die offizielle Zahl – machten die Krankheit seit letztem November durch. Das sind über zehnmal mehr Masernkranke als sonst. Tendenz steigend.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) geizt seither nicht mit Schreckensmeldungen: Jeder Zehnte müsse ins Spital, verkündet das BAG immer wieder – «wegen Hirn- und Lungenentzündungen». In einer Mitteilung vom Juli schrieb das BAG gar, jeder Fünfte leide unter Komplikationen.
Ins Spital mussten vor allem erwachsene Erkrankte
Das ist übertrieben, beklagen sich Fachleute. Für Peter Respondek, Luzerner Arzt und Homöopath, ist klar: Eine grosse Zahl der Masernkranken ging gar nicht zum Arzt. «Bei vielen nahm die Krankheit einen unkomplizierten Verlauf», betont er. Und für den Luzerner Kinderarzt und Homöopathen Aurelio Nosetti sind die Masern zwar eine ernstzunehmende Krankheit, «doch in der Regel sind sie unproblematisch».
In den vergangenen Monaten hat Aurelio Nosetti über 50 Kinder mit Masern betreut. Sie überstanden die Krankheit gut. «Vier Kinder hatten eine Lungenentzündung, doch die war nach höchstens zwei Tagen mit homöopathischen Arzneien wieder geheilt», sagt der Arzt. Diese Kinder konnte er – wie alle anderen auch – zu Hause betreuen.
Vor allem für Kinder ist die Lage weniger dramatisch, als vom BAG in den Medien verkündet. Doch die Behörden zählten die Erwachsenen mit. Und bei ihnen verläuft die Kinderkrankheit meist viel schwerer als bei einem Fünfjährigen. Kein Wunder, betraf jeder zweite Spitalaufenthalt Patienten, die älter waren als 20 Jahre. Total macht diese Altersgruppe aber nur 17 Prozent aller Fälle aus. Bei der Altersgruppe mit den meisten Ansteckungen hingegen – den 5- bis 9-Jährigen – mussten bloss 5 von total 200 Kindern ins Spital – das sind 2,5 Prozent.
Das BAG bestreitet, dass es mit den veröffentlichten Zahlen einen falschen Eindruck erwecke. «Die Zahlen stimmen», sagt Jean-Luc Richard vom Bundesamt. Richtig sei aber, dass die meisten Fälle, in denen es Komplikationen gab, Erwachsene betreffen. Dies erachte das BAG aber nicht als weniger schlimm.
Die Strategie des BAG ist für viele Experten und Ärzte offensichtlich: Jeden Masernfall muss man unbedingt vermeiden, vor allem durch Impfen sämtlicher Kinder. Bis in drei Jahren sollten die Masern in der Schweiz ausgerottet sein. Dies zumindest sind die Pläne des BAG in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO.
86 Prozent aller Kinder sind gegen Masern geimpft
Um dieses Ziel zu erreichen, müssten 95 Prozent der Bevölkerung gegen Masern immun sein – das heisst zweimal geimpft sein oder die Krankheit durchgestanden haben. Bislang werden im Schweizer Schnitt aber nur 86 Prozent aller Kinder gegen Masern geimpft. Der Kanton Luzern belegt mit 78 Prozent geimpften Kindern den Schlussrang.
Auch der Grossteil von Aurelio Nosettis Patienten ist nicht gegen Masern geimpft. Ihre Eltern haben sich in Gesprächen mit dem Arzt dagegen entschieden. Gründe: Wer die Masern einmal durchgemacht hat, ist da-
nach besser geschützt als mit einer Impfung. Viele Ärzte sind zudem überzeugt, dass die durchgemachte Masernkrankheit für die Entwicklung des Kindes wichtig ist und sie auch vor Allergien schützt.
Für viele Ärzte, so auch die Arbeitsgruppe der Ärzte für differenziertes Impfen, ist eine Masernimpfung dann sinnvoll, wenn das Kind mit etwa 12 Jahren die Krankheit noch nicht durchgemacht hat. Denn nach der Pubertät gibt es häufiger schwere Komplikationen. Für Kinder zwischen 2 und 12 Jahren seien Masern eine zwar ernsthafte, aber gutartige Krankheit. Aurelio Nosetti ist überzeugt: «Trotz sogenannter Epidemie gibt es keinen Grund zur Panik.» Im Gegenteil: Dass sich in den letzten Monaten gleich so viele Kinder mit Masern ansteckten, ist für ihn «eine glückliche Situation».
Kritische Ärzte im Visier der Behörden
Für Jean-Luc Richard vom BAG sind solche Äusserungen unverständlich. Es sei wichtig, einjährige Kinder ein erstes Mal gegen Masern zu impfen. Das Kleinkind solle früh geschützt sein. Wenn man die Impfung aufschiebe, bestehe die Gefahr, dass man sie vergesse.
In Luzern gab es bei der aktuellen Epidemie die meisten Masernfälle: Über die Hälfte der Registrierungen sind dem Zentralschweizer Kanton zuzuordnen. Kein Wunder, sind jetzt Ärzte wie Nosetti im Visier von Kollegen und Behörden. Der Urner Kantonsarzt Philipp Gamma etwa bezeichnet Ärzte, die die Masernimpfung nicht empfehlen, als «fahrlässig».
Nosetti wehrt sich: Letztlich müssten die Eltern entscheiden, wann und gegen welche Krankheit sie ihre Kinder impfen liessen. Nosetti: «Ich halte
niemanden von der Masernimpfung ab.»
Masern: Das müssen Sie wissen
-12- bis 14-Jährige, die keine Masern hatten, sollten sich impfen lassen. Das Risiko von Komplikationen steigt ab der Pubertät.
-Die Masern dauern zirka fünf Tage. Es ist wichtig, während dieser Zeit – und womöglich auch nachher – Bettruhe einzuhalten. Frühes Aufstehen führt eher zu Komplikationen.
-Kontaktieren Sie den Hausarzt, wenn Sie oder Ihre Kinder an Masern
erkranken.
-Impfen ist freiwillig. Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Verlangen Sie vor jeder Impfung ein Aufklärungsgespräch mit dem Kinderarzt.
-Wenn Sie Ihr Kind impfen lassen, informieren Sie den Arzt über Allergien, Neurodermitis und Reaktionen auf frühere Impfungen.
Gratis-Merkblatt zum Thema Impfen
Der «Gesundheitstipp» und saldo haben ein Gratis-Merkblatt zum Thema Impfen zusammengestellt. Hier finden Sie die Empfehlungen des BAG und von kritischen Ärzten. Senden Sie ein frankiertes C5-Couvert an: Redaktion saldo, Postfach 723, 8024 Zürich, Stichwort: Merkblatt Impfen. Sie können
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25. September 2007 | Gabriela Braun
