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Lebensversicherer zahlen über die garantierten Leistungen hinaus meist einen sogenannten Überschuss. Dieser Bonus ist aber oft viel tiefer als vorhergesagt. Der Ärger der Kunden ist verständlich.
Rembert Dür ist treuer Kunde der Axa Winterthur. Bereits 1977 hat der damals 25-jährige Koch eine erste Lebensversicherung bei den Winterthur Versicherungen abgeschlossen.
Ende der 80er-Jahre investierte Dür in eine zusätzliche Sparversicherung. Und 1994 wollte er seinen Versicherungsschutz abermals erweitern. Er nahm Kontakt auf mit der für ihn zuständigen Versicherungsagentin Petra Müller Fuchs.
«Der Bonus war ihr grosses Verkaufsargument», erinnert sich Rembert Dür. «Die Agentin nannte eine garantierte Versicherungssumme von 131 279 Franken. Sie betonte mehrfach, dass sie bei Vertragsende im Jahr 2017 mit 92 000 Franken Bonus rechne.» Handschriftliche Notizen der Agentin belegen Dürs Aussagen. Dick unterstrichen steht da der Totalbetrag von 223 279 Franken.
Auch die Offerte, die Dür vor Vertragsunterzeichnung erhielt, ging von 92 000 Franken Bonus aus. Im Kleingedruckten fand sich zwar der Hinweis, der Bonus sei nicht garantiert. Aber auch der grafisch dargestellte Leistungsverlauf der Police setzte ihn ins Zentrum.
Rembert Dür: «Ich war nicht so naiv zu glauben, ich würde tatsächlich 92 000 Franken Bonus erhalten. Aber ich dachte, das sei etwa die Grössenordnung.»
Peter Wieland vom Versicherungsbroker Realprisma in Zürich erinnert sich: «Die garantierten Leistungen der Versicherungen waren damals identisch – sie waren kartellisiert. Die Offerten unterschieden sich nur in der Bonushöhe. Je höher die Bonusprognose, desto eher unterschrieb der Kunde.»
Versicherungen setzen Bonus willkürlich festDer Bonus setzt sich aus den sogenannten Überschüssen zusammen, welche die Versicherungen in einem guten Geschäftsjahr ausschütten. Die Versicherungen entscheiden allerdings selbst, was ein gutes Geschäftsjahr ist. Sie setzen die Höhe dieser Überschüsse willkürlich und für den Kunden nicht nachvollziehbar fest.
Das ist umso stossender, als das Geschäftsergebnis nicht nur die Überschüsse, sondern auch die Dividenden an die Aktionäre mitfinanziert. Dür hatte seit 1995 nie eine detaillierte Übersicht über seine Überschüsse erhalten. Die Winterthur wies bis 2006 die Höhe des Bonusguthabens zwar auf der jährlichen Prämienrechnung aus. Dür hatte diesen Betrag jedoch nie mit dem insgesamt angehäuften Bonus in Verbindung gebracht. «Ich dachte, es handle sich dabei jeweils um den Bonus für das betreffende Jahr.»
2007 änderte die Axa Winterthur ihre Informationspolitik. Sie verschickt neuerdings einen Jahresbericht zu Sparversicherungen. «Die Realisierung dieses Berichts stellte hohe Anforderungen an unsere elektronische Datenverarbeitung, sodass wir ihn gestaffelt über mehrere Jahre hinweg eingeführt haben», sagt die Winterthur-Sprecherin Angelika Gätzi-Staub.
Dieser Jahresbericht öffnete dem Versicherten Dür die Augen. Darin steht, dass der gesamte bis zu diesem Zeitpunkt angehäufte Bonus 13 037 Franken beträgt. Der Bonus für das abgelaufene Versicherungsjahr belief sich auf ganze 128 Franken. Dür war sehr verärgert.
«Winterthur hat nur Almosen überwiesen»
Diese 13 037 Franken umfassten die Überschüsse der ersten 13 Versicherungsjahre sowie einen Bonus von 4703 Franken, der aus einer früheren Police angerechnet wurde. Der in den 13 Jahren angehäufte Bonus betrug also lediglich 8334 Franken.
Die Police läuft noch zehn Jahre. Schon heute ist klar, dass der Betrag von 92 000 Franken um ein Vielfaches verfehlt wird. «Ich fühle mich übers Ohr gehauen, betrogen!», sagt Dür. «In den 90er-Jahren boomten die Finanzmärkte und die Versicherungen erzielten grosse Gewinne. Aber selbst damals wurden von der Winterthur nur Almosen auf das Bonuskonto überwiesen, wie ich nachträglich feststellen musste.»
Sprecherin Gätzi-Staub verteidigt die Bonusprognose von 1994: «Die damalige Berechnungsmethode stützte sich auf die im betreffenden Zeitpunkt tatsächlich an unsere Kunden zugewiesenen Überschüsse.» Und sie ergänzt: «Der Bonus fiel geringer aus, weil sich die an den Finanzmärkten erzielbaren Renditen seit 1994 entscheidend verändert haben. Diese Veränderungen waren nicht voraussehbar.»
Peter Wieland von Realprisma widerspricht: «Es gibt immer wieder solche Rückschläge. Man muss diese bei Renditeprognosen unbedingt berücksichtigen. Oder noch besser: Man verzichtet ganz auf Renditeprognosen – vor allem für lange Laufzeiten von fünf und mehr Jahren.»
Für den Versicherten Dür würde das nichts mehr ändern. Er wird im Jahr 2017 gemäss Schätzungen von Experte Wieland rund 150 000 Franken erhalten. Das sind etwa 70 000 Franken weniger als angenommen. Dür: «Damit ist die mit dem Bonus geplante frühere Pensionierung zunichtegemacht.»
Dür hat seine Agentin Petra Müller Fuchs im vergangenen Mai auf die erschreckenden Neuigkeiten angesprochen. Sie sagte, sie verstehe seinen Ärger und es liesse sich leider nicht mehr ändern. Sie lade ihn aber zum Nachtessen ein.
07. Dezember 2007
