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Alte oder Junge: Wer hat mehr Geld? Eine aktuelle Studie des Bundes sorgt für Verwirrung. Und die Medien spielen die Altersgruppen gegeneinander aus.
Die «Berner Zeitung» titelte: «Rentner zur Kasse.» Der «Tages-Anzeiger» wusste in der Überschrift: «Den Rentnern geht es sehr gut.» Und die «Basler Zeitung» forderte: «Reiche Rentner sollen AHV mehr Geld geben.» Dies nur eine kleine Auswahl aus den einstimmigen Schweizer Medien.
Basis für die Schlagzeilen war eine Pressemeldung des Bundesamtes für Sozialversicherung. Darin heisst es: Eine «umfassende Studie» habe die wirtschaftliche Situation von 1,5 Millionen Personen zwischen 25 und 99 Jahren untersucht. Das Resultat zeige «deutlich, dass es der grossen Mehrheit der Rentnerinnen und Rentner heute wirtschaftlich gut geht». Nur sehr wenige – nämlich 6 Prozent – seien von Armut betroffen. Und: «Die Gruppe der 55- bis 75-Jährigen ist wirtschaftlich am besten gestellt.» Als Folge dieser Aussagen erwägt das Bundesamt einen «Solidaritätsbeitrag der Gruppe der Personen im Ruhestand» an die AHV.
Solche Aussagen sind ein gefundenes Fressen für die Medien. Ohne die Studie der Genfer Professoren Philippe Wanner und Alexis Gabadinho genau zu analysieren, stellten sie die angeblich reichen Pensionierten an den Pranger.
Doch Zweifel sind angebracht. Denn nur ein kurzer Blick in die Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigt: 12 Prozent der AHV-Bezüger sind auf Ergänzungsleistungen angewiesen – seit 2001 mit steigender Tendenz. Ergänzungsleistungen erhält aber nur, wer mit seiner Rente und dem übrigen Einkommen nicht einmal die minimalen Lebenskosten decken kann.
Wer die Studie der Uni Genf genauer liest, erfährt mehr. Etwa dass einem durchschnittlichen Haushalt von 65- bis 79-Jährigen nur zwei Drittel des Einkommens eines erwerbstätigen Haushalts zur Verfügung stehen. Bei den über 80-Jährigen ist es sogar nur noch die Hälfte.
Und: Jeder dritte Rentner arbeitet laut der Studie nach der Pensionierung noch. Macht man das wirklich, wenn es einem wirtschaftlich so glänzend geht? «Gemäss unserer Analyse sind das eher Menschen, die vermögend sind und eine höhere Ausbildung haben», beschwichtigt Wanner. Hinzu komme, dass die Mehrheit der 65- bis 69-Jährigen Teilzeit arbeite und dabei auf ein jährliches Durchschnittseinkommen von lediglich 10 000 Franken komme. Aber auch Wanner gibt zu: «Es gibt sicher eine kleinere Gruppe von Pensionierten, die aus wirtschaftlichen Gründen über das Pensionsalter hinaus arbeiten muss.»
Studie stützt sich nur auf Steuererklärungen einiger Kantone ab
Die Genfer Professoren haben neben dem Einkommen auch das Vermögen berücksichtigt. Und das sei bei der älteren Bevölkerung deutlich höher als bei der jüngeren. Aber auch hier lohnt sich ein genauer Blick: Gemäss Studie liegt das Nettovermögen bei den Pensionären im Schnitt bei 230 000 Franken – bei den Erwerbstätigen nur bei 100 000.
Das erstaunt nicht: Denn die Studie hat bei den Erwerbstätigen die in der 2. und 3. Säule angehäuften Vermögen nicht berücksichtigt. Philippe Wanner bestätigt dies gegenüber saldo. Grund: Die Macher der Studie haben sich bei ihrer Analyse auf die kantonalen Steuerdeklarationen von Aargau, Neuenburg, St. Gallen, Wallis und Zürich – kombiniert mit Daten aus dem AHV-Register – konzentriert. Aufgrund der Unterschiede der gewählten Kantone ist die Auswahl laut Studienautor Wanner zwar repräsentativ, «aber die Guthaben der 2. und 3. Säule werden in der Steuerdeklaration nicht erhoben».
Im Klartext: Der grösste Teil der Sparbatzen der Erwerbstätigen liegt blockiert auf einem Vorsorgekonto der 2. oder 3. Säule und blieb in der Studie bei der Ermittlung der Vermögen unberücksichtigt. Anders bei den über 65-Jährigen: Dort wurden die ausbezahlten Summen aus den zwei Säulen im Vermögen mitgerechnet.
Inklusive 2. Säule: 50- bis 64-Jährige stehen am besten da
Fazit: Die Vermögensunterschiede zwischen der jüngeren und der älteren Bevölkerung sind gar nicht so gross, wie die Studie auf den ersten Blick weismachen will. Rechnet man bei den ausgewiesenen Vermögen der unter 65-Jährigen die Durchschnittsguthaben aus den beiden Säulen hinzu, stehen die 50- bis 64-Jährigen wirtschaftlich am besten da.
Wanner geht es nicht darum, die Alten gegen die Jungen auszuspielen. Im Gegensatz zum Eindruck, den die Zusammenfassung der Studie durch das Bundesamt erweckt, sagt er klipp und klar: «Die Ergebnisse zeigen, dass unser 3-Säulen-System funktioniert. Die Pensionierten befinden sich nicht mehr in einer prekären finanziellen Situation.»
Jetzt müsse man nur noch gescheite Lösungen für bestimmte Gruppen von jüngeren Menschen finden. Denn einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt sind ein Fünftel der Familien mit drei und mehr Kindern, viele alleinerziehende Mütter, ein Teil der alleinstehenden Frauen im Erwerbsalter und junge Invalide.
28. April 2008 | Werner Fischer
