SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | saldo 16/2008

Kampagnen zum Klimawandel: Die Wahrheit bleibt oft auf der Strecke

Mit millionenteuren PR-Kampagnen reagieren Ölkonzerne auf den Klimawandel – und auch Umweltorganisationen. Mit den Fakten nehmen es alle nicht genau, schreibt der englische Reporter Nick Davies.


Um die Fakten zum Klimawandel ist in den Medien seit einiger Zeit ein heftiger Streit entbrannt. Drei Parteien kämpfen um die öffentliche Meinung: Erstens Firmen wie der US-amerikanische Ölkonzern Exxon Mobil. Sie rüsteten mit Millionen zum Informationskrieg in den Medien. Ihre Hauptbotschaft: Die globale Erwärmung gibt es gar nicht. Oder dann handelt es sich nicht um ein von Menschen verursachtes Problem.

Eine andere Strategie haben Firmen wie der englische Ölkonzern BP eingeschlagen. Sie setzen ihre PR-Millionen ein, um sich einen grünen Mantel überzuziehen. Mit einem neuen Image wollen sie den Eindruck erwecken, sie seien bei ihren Geschäften stets um Umweltschutz bemüht.

Eine dritte Partei sind schliesslich Umweltorganisationen wie Greenpeace. Sie zeichnen sich zusehends dadurch aus, dass sie mit hochgradig emotional gefärbten Meldungen Ängste über das Ausmass der Umweltbedrohung anheizen.

Bei allen drei Gruppen gilt: Das erste Opfer ist die Wahrheit. Allen drei gemeinsam ist auch, dass sie die Massenmedien für ihre Zwecke sehr erfolgreich einzusetzen wissen. Die Folge: Milliarden Menschen, die zur Informationsbeschaffung auf die Massenmedien angewiesen sind, sind einem Bombardement von Lügen, Tatsachenverdrehungen und Propaganda ausgeliefert.


Ein kleiner Überblick über die PR-Methoden von Exxon, BP, Greenpeace & Co.:

Exxon Mobil: Mit Tarnorganisationen Meinung machen

1989 veröffentlichte die Uno den ersten Bericht, in dem es hiess, es gäbe einen vom Menschen verursachten Klimawandel. Nur wenige Monate darauf begannen Exxon Mobil und andere Konzerne Pseudo-Umweltgruppen zu gründen. Die erste und grösste war die Global Climate Coalition, die intensive Lobbyarbeit leistete.

Ihr Grundsatz: Sie gaben sich gegenüber den Medien als engagierte Umweltschützer aus, stellten die neusten Forschungsergebnisse aber in Frage. Sie machten sich damit eine der wichtigsten Grundregeln des Medienbetriebs zunutze, nämlich stets auch «die andere Seite der Geschichte» zu berücksichtigen. Prompt fanden sie mit dieser Strategie bei den Medien Gehör.

Als sich die Industriestaaten 1997 auf der Kyoto-Konferenz verpflichtet hatten, ihre Emissionen zu verringern, beteiligte sich Exxon Mobil Anfang 1998 an der Gründung einer weiteren Tarnorganisation, dem Global Climate Science Team (GCST).

In einem an die Öffentlichkeit durchgesickerten Memo dieser Organisation wurde vorgeschlagen, ein Budget von fünf Millionen US-Dollar bereitzustellen, um «eine Zusammenarbeit mit allen führenden Wissenschaftlern aufzubauen, deren Forschungsarbeit in diesem Bereich unseren Standpunkt stützt».

Weitere Arbeitsschwerpunkte der Tarnorganisation waren laut dem Memo das Erstellen «einfacher Merkblätter, die wissenschaftliche Unsicherheiten in einer für die Medien verständlichen Sprache präsentieren», sowie das Verfassen «eines unablässigen Stroms von Leserbriefen und Kolumnen auf Meinungsseiten, geschrieben von Wissenschaftlern».
Das Projekt war ein durchschlagender Erfolg und fand deshalb viele Nachfolger: Zwischen 1998 und 2005 investierte allein Exxon Mobil 15,8 Millionen US-Dollar in 43 Tarnorganisationen. Das ergab eine im Januar 2007 veröffentlichte Untersuchung der Union of Concerned Scientists (UCS).

Alle diese Tarnorganisationen versuchten gegenüber den Medien den Eindruck zu erwecken, als würden sie breite Unterstützung in der Bevölkerung geniessen – mit Workshops, Basisgruppen oder Diskussionsveranstaltungen an Universitäten.

Fazit der UCS-Autoren: «Die raffinierteste und erfolgreichste Desinformationskampagne, seit die Tabakindustrie die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt hat.»


BP: Erfolgreiche Inszenierung als Saubermann

Andere grosse Konzerne wie BP und Shell waren anfänglich auch bei der Tarnorganisation Global Climate Coalition mit dabei. Sie zogen sich später zurück und schlugen neue PR-Strategien ein. Besonders BP verpasste sich 1997 ein grundlegend neues Image: vom skrupellosen, profitgierigen Raubtier zum fürsorglichen grünen Riesen.

Den Beginn machte eine Grundsatzrede des neuen BP-Vorstandsvorsitzenden John Browne an der kalifornischen Stanford University. Darin gestand er ein, dass Massnahmen ergriffen werden müssten, um einen möglichen Klimawandel in den Griff zu bekommen. Er gelobte, dass BP dabei eine Vorreiterrolle übernehmen würde.

Auf diese Rede folgte eine ganze Reihe von Pseudo-Events: BP investierte in Sonnenenergie und vermarktete sich plötzlich als Energiekonzern und nicht mehr als Ölgesellschaft. Die PR-Profis von BP brachten Greenpeace dazu, eine Mitteilung herauszugeben, in der die Umweltorganisation den Sinneswandel von BP begrüsste. VR-Präsident Browne sprach schliesslich sogar auf einer Greenpeace-Konferenz – wobei er seine Ansprache mit einem Witz begann: Wie schön, dass er auf der Rednerplattform von Greenpeace stehe und nicht Greenpeace-Aktivisten aus Protest auf einer seiner Ölplattformen.

Alle diese Aktivitäten – von der ersten Grundsatzrede bis zum Witzchen auf der Greenpeace-Konferenz – wurden orchestriert vom bekannten PR-Profi Simon Bryceson.


Greenpeace: Pseudo-Events und unbelegte Behauptungen

Greenpeace selbst versteht es ebenfalls meisterhaft, PR-Strategien und Pseudo-Zwischenfälle mediengerecht in Szene zu setzen: Da seilen sich Aktivisten der Organisation auf eine Ölplattform ab und haben ihr eigenes Kamerateam dabei, um die Aktion zu filmen. Oder sie fallen ebenso telegen als Tiger verkleidet in die Firmenzentrale von Exxon ein.
Mit solchen spektakulären Gags weckt Greenpeace die Aufmerksamkeit der Medien. Gleichzeitig stellt die Umweltorganisation Behauptungen auf, die einer genaueren Prüfung kaum standhalten.

Zwei Beispiele:

  • «Der Klimawandel tötet jedes Jahr 160'000 Menschen.» Quelle: Angeblich ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation vom Juli 2005. Richtig ist: Der Bericht enthält die Behauptung nicht. Er warnt lediglich davor, dass die globale Erwärmung «erhebliche Risiken für die Gesundheit birgt», und deutet an, dass sie «im Jahre 2000 möglicherweise 150 000 Todesfälle verursacht hat». Einer der Autoren des Berichts, Diarmid Campbell-Lendrum, sagt: «Diese Zahl steht auf sehr wackligen Füssen» – es lasse sich nicht einmal sagen, ob die Schätzung von 150'000 zu hoch oder zu niedrig gegriffen sei.
  • «Zu Lebzeiten eines Kindes wird der Klimawandel möglicherweise unser Überleben als Spezies bedrohen.» Greenpeace sagt, man könne sich an die Quelle für diese Aussage nicht erinnern. Wir legten die Behauptung dem Tyndall Centre, dem weltweit führenden Zentrum für die Erforschung des Klimawandels, vor. Die Antwort: «Das ist eine Politik der Angstmacherei!»


Der Engländer Nick Davies ist mehrfach ausgezeichneter Reporter und schreibt für den englischen «Guardian». Beim vorliegenden Text handelt es sich um einen Auszug aus seinem Buch «Flat Earth News», das im Verlag Chatto and Windus erschienen ist. Übersetzung: Sabine Lang, redaktionelle Bearbeitung: saldo. Mit freundlicher Genehmigung von «Message», Leipzig.

06. Oktober 2008 | Nick Davies


Beitrag als PDF
Kampagnen zum Klimawandel: Die Wahrheit bleibt oft auf der Strecke
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Buchtipp: Mit Köpfchen shoppen Buchtipp: Mit kleinen Schritten die Welt retten Autofreie Winter-Ferien: Zermatt top
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten