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Fast jeder Jugendliche kennt und besucht Chatrooms im Internet. Doch in Chats müssen Kinder aufpassen. Der Gesundheitstipp meldete sich als 13-Jährige bei Teentalk von Swisscom an – und erlebte Erschreckendes.
Was hesch a? String, Tanga?», fragt Air-Max als Erstes. «Weli Oberwiiti?», will Zimamen wissen. Und ein anderer fragt gar, ob Laura13 noch Jungfrau und auch am «Blüttle» sei.
Laura13 ist frei erfunden. Mit diesem Pseudonym hat sich der Gesundheitstipp bei Teentalk von Bluewin angemeldet, um mit Gleichaltrigen zu «chatten», das heisst zu plaudern. Teentalk ist anonym. Teilnehmer müssen weder Namen noch E-Mail-Adresse angeben.
Kaum erscheint der Nickname auf der Liste der angemeldeten Besucher, meldet sich Sebu und fragt: «Hallo wetsch 300.– verdienä? Mit Sex. Hesch Inträssä?» Innert Minuten wollten 20 Chat-Teilnehmer mit der vermeintlich 13-Jährigen über Sex reden – oder haben, real oder per Computer-Kamera. «Hattest du schon einen Schwanz im Mund?», will Sportmasseur wissen. «Nein? Du darfst meinen haben, wenn du lieb genug bist.»
Solche verbale Sex-Attacken auf Minderjährige sind im Internet kein Einzelfall: «Knapp 90 Prozent aller Chatter werden im Internet sexuell belästigt», sagt Hans Holzer von der Kinderschutzgruppe der Stadtpolizei Zürich. Dies zeigen Untersuchungen der Polizei. Aufgrund dieser Daten wissen die Spezialisten auch, dass die «Glüschtler» im Schnitt nach der dritten Frage auf Sex zu sprechen kommen.
Die Lüstlinge fragen ihre minderjährigen Gesprächspartnerinnen aus – und drängen sie, ein Nacktbild zu schicken. So geschehen auch bei der Stichprobe des Gesundheitstipp: Immer wieder wird Laura13 aufgefordert, ein Nacktbild zu mailen – und sich vor der Computer-Kamera auszuziehen. Nach den Erfahrungen der Polizei gehen manche Belästiger noch weiter. Sie erpressen die Kinder mit den erhaltenen Bildern – um sie treffen zu können. Nicht selten endet dies mit sexuellem Missbrauch.
Die Chats könne man nicht verbieten, sagt Hans Holzer von der Kinderschutzgruppe. «Es ist aber strafbar, wenn man in einem Chat eine andere Person belästigt, sie mit Pornografie konfrontiert oder versucht, sie in sexuelle Handlungen einzubeziehen. Pornografische Bilder über die Webcam verschicken gehört bereits dazu», sagt Holzer.
Vor knapp zwei Monaten verurteilte die Staatsanwaltschaft Luzern deswegen einen 20-Jährigen aus Littau: Er erhielt eine bedingte Freiheitsstrafe sowie eine Busse, weil er eine 13-Jährige mehrmals dazu gedrängt hatte, sich vor der Computer-Kamera auszuziehen. Er filmte und sicherte die Bilder der Kamera. Danach drohte er dem Mädchen, die entsprechenden Videos und Fotos ins Internet zu stellen, falls sie seine sexuellen Wünsche vor der Kamera nicht erfülle. Das Mädchen musste in eine Therapie.
Die Betreiber einer Webseite sind verantwortlich für deren Inhalt. Daniel Süss, Psychologe und Professor an der Zürcher Fachhochschule für angewandte Wissenschaften, fordert: «Die Betreiber müssen ihre Chatroom-Nutzer besser schützen und Personen sperren, die sich unangemessen verhalten.»
Auf die Kritik reagiert Swisscom verhalten: Melde sich eine Person in einem Chat-Raum an, werde sie auf die möglichen Gefahren hingewiesen, «und wir geben Tipps, wie man sich schützen kann». Zudem würde man die Chat-Räume beobachten.
Doch Swisscom räumt ein, die Anonymität des Chats verleite dazu, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Dies gelte nicht nur für jüngere Menschen. Die Swisscom unterstütze deshalb Programme, die Kinder und Jugendliche in ihrem Verhalten im Internet schulen.
Doch nebst Chat-Räumen klicken Kinder und Jugendliche vermehrt auf Internet-Plattformen.
Kinder stellen Fotos und Videos ins Netz
Netlog.com und Hi5.com gehören mit Meinbild.ch zu den derzeit beliebtesten Internet-Plattformen der 12- bis 17-Jährigen. Vor allem Netlog verbreitet sich explosionsartig: Keine andere Webseite in der Schweiz verzeichnet mehr Seitenaufrufe: Im August hatte die Seite knapp eine Million Nutzer und 403 Millionen Klicks.
In Internet-Netzwerken können Jugendliche ihre eigenen Seiten gestalten, Fotos und Videos präsentieren und sich mit anderen Nutzern austauschen. Freunde können dort Nachrichten hinterlassen, chatten, flirten und die Plattform oder die Person bewerten. Auch hier können Jugendliche Opfer von Belästigungen werden. Der grosse Unter- schied zu Teentalk: Das Netzwerk ist weniger anonym, Teilnehmer müssen sich mit ihrer E-Mail-Adresse registrieren.
Verbreitet unter Teenies: Mobbing im Internet
Der Gesundheitstipp meldete sich unter zwei erfundenen Identitäten bei Netlog und Hi5 an: als Lola und Thomi, beide 13-jährig. Beide waren eine Woche lang mit eigenem Profil und Fantasiebild im Netz. Das Resultat: Die blonde Lola erhielt 18 Freundschaftsanfragen aus aller Welt, Thomi keine. Niemand belästigte sie sexuell.
Die Gefahr sexueller Nötigung ist auf diesen Plattformen zwar kleiner, wie auch die Stichprobe belegt. Experten warnen trotzdem: Oft würden einzelne jugendliche Teilnehmer andere blossstellen – mit Texten oder manipulierten Bildern. Der Grund könne ein anderer Musikgeschmack des Opfers sein oder die Kleidung. Diese Art von Mobbing ist verbreitet. «Darunter können Jugendliche sehr leiden», sagt Psychologe Olivier Andermatt. Hinzu komme, dass einmal im Internet kursierende Fotos sich kaum mehr löschen lassen, häufig speichern zudem Anbieter die Daten. Dieser Gefahren sind sich viele Kinder und Jugendliche nicht bewusst. Laut Andermatt sind vor allem Mädchen «sehr naiv».
Doch auch viele Eltern haben keine Ahnung, was ihre Kleinen in Chats und Internet-Netzwerken erleben. Laut Psychologe Daniel Süss müssen sich Eltern klarmachen, dass dort ähnliche Gefahren drohen wie in der realen Welt: «Ein Kind alleine ins Internet zu lassen ist, als ob es alleine in die Stadt geht», so Süss. Deshalb sollten Eltern mit ihren Kindern besprechen, wie man sich im Internet verhält. «Jugendliche müssen wissen, wie sie sich vor Belästigungen schützen können.» Adresse, vollständiger Name und allzu private Bilder hätten im Netz nichts verloren. Dies müsse man den Kindern schon in der Unterstufe beibringen oder sobald sie das erste Mal ins Internet dürfen. «Einzig auf Kontrolle und Verbote zu setzen, davon rate ich ab», sagt Psychologe Süss.
Tipp: Mit einer speziellen Software lassen sich Seiten mit pornografischem Inhalt sperren.
Tipps: So schützen Sie Ihr Kind im Internet
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07. Oktober 2008 | Gabriela Braun
