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Judith Reker, Journalistin in Johannesburg, Südafrika
Meine Freundin Matilda ist eine treue Seele. Sie ruft mindestens einmal pro Woche an, um mich an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Zum Beispiel, dass ihr jüngster Sohn zahnt. Oder dass ihre neue Chefin kein Fleisch isst. Diesmal höre ich aber wirklich interessiert zu, als sie mir erzählt: «Du, ich bin jetzt nebenbei Bankberaterin.» Das muss eine Blitzumschulung gewesen sein, denn bis letzte Woche war sie Sachbearbeiterin in einer Personalabteilung. «Wie bist du denn dazu gekommen?», frage ich. «Indem ich in der Schlange vor dem Bankschalter stand und mich über die Wartezeit geärgert habe», lacht sie.
In unserem Café erscheint sie mit Mike. Er hat Matilda den Job vermittelt und erklärt: «Wir helfen den Leuten, Bankkonten für das sogenannte Mobile-Banking zu eröffnen. Das ist die afrikanische Version von Internet-Banking, denn hier hat kaum jemand Internet. Bei uns kann man fast alles per Handy machen: Geld überweisen oder den Kontostand abrufen.»
Das hat in einem Land wie Südafrika viele Vorteile. Die Bankgebühren gehören nämlich zu den höchsten der Welt, wie eine Studie 2007 zeigte. Der Bargeldbezug kann je nach Bank bis Fr. 2.50 pro Transaktion kosten. Sogar das Abfragen des Kontostands am Bankautomaten ist nicht gratis.
Natürlich kann man sich kostenlos am Schalter erkundigen, sofern man über ein traditionelles Bankkonto verfügt. Aber das dauert. Viel Zeit gewinnt, wer sich für Mobile-Banking entscheidet: «Ich finde die meisten Neukunden in den Schlangen vor Bankschaltern», sagt Mike. «Die sind schlecht gelaunt, weil die Wartezeiten dermassen lang sind.»
Dort lernte Mike auch Matilda kennen. Zuerst wurde sie Kundin, dann wollte sie selber Konten verkaufen. «Bei jeder Kontoeröffnung verdiene ich mit», erklärt sie mir. «Ausserdem bin ich am Umsatz der Telefongebühren ‹meiner Kunden› beteiligt.» Über die Banking-Telefongebühren finanzieren die Betreiber ihr Modell. Und das ist viel billiger als traditionelle Bankgeschäfte.
Da ist das relativ neue System attraktiv. Keine monatlichen Kontogebühren, keine Mindesteinlage und keine Pflicht, ein Einkommen nachzuweisen. Allerdings sind die neuen Firmen noch nicht sehr bekannt. Kürzlich wollte Matilda mit der zum neuen Konto gehörenden Maestro-Karte in einem kleinen Laden zahlen: «Die Verkäuferin hat sich geweigert, die Karte durch die Maschine zu ziehen. Ich sagte, ihr Laden akzeptiere doch Maestro. Sie meinte aber, sie kenne diese Karte nicht. Und sie riskiere nicht, dass ihre Maschine kaputtgehe», berichtet Matilda.
Sie schaut auf die Uhr. «Wir müssen los. Ich ruf dich an, wenn es etwas Neues gibt.» Ich freue mich schon jetzt darauf.
18. Oktober 2008
