SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | saldo 18/2008

«Restless Legs»: Wie die Medien ein seltenes Symptom zur Volkskrankheit hochstilisieren

Eine saldo-Analyse zeigt: Die Schweizer Presse berichtet meist unkritisch über das umstrittene Restless-Legs-Syndrom. Sie unterstützt damit die Pharmabranche.


Von leichtem Kribbeln bis hin zu Zuckungen in den Beinen: Wer am Syndrom der unruhigen Beine leidet, den quält nachts der Drang, sich zu bewegen. Die Folge sind Schlafstörungen.

Dieses Restless-Legs-Syndrom (RLS) beschert den Pharmafirmen schöne Profite. So vervierfachte Glaxo Smith Kline seit 2004 den Absatz des Medikaments Adartrel: Schweizer Krankenkassen erstatteten den Grundversicherten im letzten Jahr rund 625 000 Franken für das Präparat. Boehringer Ingelheim verdoppelte den Umsatz seines Mittels Sifrol in vier Jahren. Die Kassen zahlten 2007 satte 14 Millionen Franken. Bei 13 Millionen jährlich liegt der Umsatz des Medikaments Madopar von Roche. Ein Teil davon entfällt allerdings auf Parkinson-Verschreibungen. Madopar und Sifrol sind auch für diese Krankheit zugelassen.


Pharmariese stilisiert die Krankheit hoch

Hinter dem Boom der RLS-Medikamente steckt eine Kampagne: In einem Fachartikel belegen die US-Medizinprofessoren Steven Woloshin und Lisa Schwartz, wie der Pharmakonzern Glaxo Smith Kline die seltene Krankheit Restless Legs seit 2003 zur Volkskrankheit hochstilisiert, um den Verkauf von Adartrel anzukurbeln.

Für den Schweizer Pharma-Experten Etzel Gysling steht fest: «Das Restless-Legs-Syndrom ist eine aufgebauschte Krankheit.» Die Medien helfen bei der Vermarktung mit. Woloshin und Schwartz untersuchten 33 US-Zeitungsartikel zum Thema. Ihr Fazit: Die grosse Mehrheit übertrieb die Häufigkeit der Erkrankung und riet zu mehr Diagnose und Therapie.

Wie aber berichten die Schweizer Medien über die umstrittene Krankheit? saldo hat in einer Stichprobe elf Artikel zum Thema analysiert. Es handelt sich dabei um längere Artikel, die Schweizer Tageszeitungen oder Zeitschriften zwischen 2003 und 2008 veröffentlichten, einer davon erschien in saldo. Das sind die wichtigsten Resultate:

  • Auffällig ist, wie unbekümmert sich Schweizer Medienschaffende auf die Restless-Legs-Selbsthilfegruppe stützen. Neun Artikel zitieren deren Präsidenten Johannes Mathis, einen Berner Neurologen, als wissenschaftlichen Experten. In acht Artikeln taucht kein weiterer Sachverständiger auf.
  • Neun Artikel empfehlen die Selbsthilfegruppe als Anlaufstelle. Die meisten Journalisten überlassen dieser Gruppe die Meinungsführerschaft zum Thema. Dabei ist sie nicht so unabhängig, wie sie vorgibt. Vielmehr nimmt sie seit Jahren Geld von Pharmafirmen, um in der Öffentlichkeit die Krankheit zu propagieren. Die Zuwendungen werden nicht alle klar deklariert (siehe unten).
  • Acht Artikel betonen den Nutzen von RLS-Medikamenten, ohne auf Nebenwirkungen hinzuweisen. Dabei sind diese oft beträchtlich. Laut Studien verursacht die Einnahme von Sifrol oder Adartrel bei jedem Dritten bis Fünften Übelkeit. RLS-Medikamente können laut der Fachzeitschrift «Arznei-Telegramm» sogar unruhige Beine erst auslösen oder die Beschwerden gar verschlimmern. Auch ist der Nutzen der Medikamente bei Experten umstritten. In klinischen Tests schnitt Adartrel oft nur wenig besser ab als Placebos. All diese Fakten werden in keinem Artikel thematisiert.
  • Weniger Zurückhaltung legten viele Autoren hingegen bei den Produktenamen an den Tag. Fünf Artikel nennen den Markennamen der Arzneien statt den Wirkstoff. Folge: Patienten verlangen beim Arzt genau diese Mittel.
  • Die meisten Artikel ermuntern Menschen mit Beschwerden, sich auf RLS untersuchen zu lassen. Neun Artikel schildern, wie es Patienten mit schweren Symptomen dank richtiger Diagnose und Therapie heute besser geht. Andererseits warnen sechs Artikel davor, dass Ärzte das Syndrom zu wenig diagnostizieren. «Viele Ärzte kennen RLS nur ungenügend», befindet die «Schweizer Illustrierte». «Auch mancher Arzt hielt sie für eine Simulantin», schreibt die «Berner Zeitung» über eine Frau, die 30 Jahre unbehandelt blieb.
  • Vier Artikel raten zur Selbstdiagnose mittels Fragebogen. «Gesundheit Sprechstunde» aus dem Ringier-Verlag druckte einen Fragenkatalog ab, der aus einer von Roche Schweiz finanzierten RLS-Infobroschüre stammt. Und ein Artikel der «Medical Tribune» mahnt, «auch bei Kindern an das Restless-Legs-Syndrom zu denken».
  • In sechs Artikeln wird behauptet, fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung würden unter RLS leiden. Laut «Aargauer Zeitung» sind sogar «über 10 Prozent der Bevölkerung davon betroffen». Keiner der Autoren führt dazu einen Beleg an. Die angebliche Verbreitung von 10 Prozent geht auf Studien zurück, die «viele nächtliche Wadenkrämpfe oder Nervenschäden durch Diabetes mitzählen», sagt Christian Wagner-Ahlfs von der Fachzeitschrift «Gute Pillen – Schlechte Pillen». Laut einer Studie von 2005 leiden höchstens 2,7 Prozent der Bevölkerung ernsthaft an RLS. «Nicht jeder, der gelegentlich Beschwerden hat, muss sich medikamentös behandeln lassen», sagt Pharmaexperte Gysling.


Kritische Stimmen bleiben unbeachtet


Seit 2006 haben mehrere kritische Artikel etwa im «Wall Street Journal» auf die heikle Marketingkampagne von Glaxo und Co. hingewiesen. Dies ist der Schweizer Presse weitgehend entgangen. Einzig die «Basler Zeitung» berichtet, dass die Pharmaindustrie mit Werbekampagnen und Sponsoring von Selbsthilfegruppen versucht, das Restless-Legs-Syndrom als medikamentös behandlungsbedürftige Krankheit einzuführen.

Die anderen Artikel der saldo-Stichprobe behandeln das Syndrom weitgehend unkritisch. Die Leser sind die Dummen: «Sie können kaum unterscheiden, welche Informationen von Pharmakonzernen gestreut wurden und welche nicht», sagt Gysling.


Selbsthilfegruppe: Am Tropf der Pharma

saldo-Recherchen ergeben: Die Restless-Legs-Selbsthilfegruppe bekam 2004 und 2005 insgesamt 20 000 Franken von der Glaxo Smith Kline AG in Münchenbuchsee BE. Die Spende floss in die Neugestaltung der Homepage.

Auch 2006 und 2008 nahm die Selbsthilfegruppe Geld von Glaxo: 6000 Franken für die Patientenaufklärung auf zwei Tagungen sowie 2000 Franken für Portokosten. Davon steht nichts auf der Homepage der Selbsthilfegruppe.

Hier räumt die Gruppe nur ein, dass Roche Pharma im Jahr 2000 ihre Infobroschüre finanziert habe und dass dank der finanziellen Unterstützung von Boehringer Ingelheim ein Mitteilungsblatt herauskam. Die Selbsthilfegruppe bestreitet, dass durch die Spenden ihre «Neutralität beeinträchtigt» werde.

02. November 2008 | Eric Breitinger


Beitrag als PDF
«Restless Legs»: Wie die Medien ein seltenes Symptom zur Volkskrankheit hochstilisieren
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Verwandtes Buch
Gute Pillen, schlechte Pillen
Gute Pillen, schlechte Pillen
Für den Durchblick im Medikamenten-Dschungel

Detail-Infos
Buchshop
 
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Was Beipackzettel von Medikamenten wirklich aussagen Besser als Beipackzettel Neue Medikamente gefährden das Herz
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten