|
(0) |
Eine saldo-Analyse zeigt: Die Schweizer Presse berichtet meist unkritisch über das umstrittene Restless-Legs-Syndrom. Sie unterstützt damit die Pharmabranche.
Von leichtem Kribbeln bis hin zu Zuckungen in den Beinen: Wer am Syndrom der unruhigen Beine leidet, den quält nachts der Drang, sich zu bewegen. Die Folge sind Schlafstörungen.
Dieses Restless-Legs-Syndrom (RLS) beschert den Pharmafirmen schöne Profite. So vervierfachte Glaxo Smith Kline seit 2004 den Absatz des Medikaments Adartrel: Schweizer Krankenkassen erstatteten den Grundversicherten im letzten Jahr rund 625 000 Franken für das Präparat. Boehringer Ingelheim verdoppelte den Umsatz seines Mittels Sifrol in vier Jahren. Die Kassen zahlten 2007 satte 14 Millionen Franken. Bei 13 Millionen jährlich liegt der Umsatz des Medikaments Madopar von Roche. Ein Teil davon entfällt allerdings auf Parkinson-Verschreibungen. Madopar und Sifrol sind auch für diese Krankheit zugelassen.
Pharmariese stilisiert die Krankheit hoch
Hinter dem Boom der RLS-Medikamente steckt eine Kampagne: In einem Fachartikel belegen die US-Medizinprofessoren Steven Woloshin und Lisa Schwartz, wie der Pharmakonzern Glaxo Smith Kline die seltene Krankheit Restless Legs seit 2003 zur Volkskrankheit hochstilisiert, um den Verkauf von Adartrel anzukurbeln.
Für den Schweizer Pharma-Experten Etzel Gysling steht fest: «Das Restless-Legs-Syndrom ist eine aufgebauschte Krankheit.» Die Medien helfen bei der Vermarktung mit. Woloshin und Schwartz untersuchten 33 US-Zeitungsartikel zum Thema. Ihr Fazit: Die grosse Mehrheit übertrieb die Häufigkeit der Erkrankung und riet zu mehr Diagnose und Therapie.
Wie aber berichten die Schweizer Medien über die umstrittene Krankheit? saldo hat in einer Stichprobe elf Artikel zum Thema analysiert. Es handelt sich dabei um längere Artikel, die Schweizer Tageszeitungen oder Zeitschriften zwischen 2003 und 2008 veröffentlichten, einer davon erschien in saldo. Das sind die wichtigsten Resultate:
Kritische Stimmen bleiben unbeachtet
Seit 2006 haben mehrere kritische Artikel etwa im «Wall Street Journal» auf die heikle Marketingkampagne von Glaxo und Co. hingewiesen. Dies ist der Schweizer Presse weitgehend entgangen. Einzig die «Basler Zeitung» berichtet, dass die Pharmaindustrie mit Werbekampagnen und Sponsoring von Selbsthilfegruppen versucht, das Restless-Legs-Syndrom als medikamentös behandlungsbedürftige Krankheit einzuführen.
Die anderen Artikel der saldo-Stichprobe behandeln das Syndrom weitgehend unkritisch. Die Leser sind die Dummen: «Sie können kaum unterscheiden, welche Informationen von Pharmakonzernen gestreut wurden und welche nicht», sagt Gysling.
Selbsthilfegruppe: Am Tropf der Pharma
saldo-Recherchen ergeben: Die Restless-Legs-Selbsthilfegruppe bekam 2004 und 2005 insgesamt 20 000 Franken von der Glaxo Smith Kline AG in Münchenbuchsee BE. Die Spende floss in die Neugestaltung der Homepage.
Auch 2006 und 2008 nahm die Selbsthilfegruppe Geld von Glaxo: 6000 Franken für die Patientenaufklärung auf zwei Tagungen sowie 2000 Franken für Portokosten. Davon steht nichts auf der Homepage der Selbsthilfegruppe.
Hier räumt die Gruppe nur ein, dass Roche Pharma im Jahr 2000 ihre Infobroschüre finanziert habe und dass dank der finanziellen Unterstützung von Boehringer Ingelheim ein Mitteilungsblatt herauskam. Die Selbsthilfegruppe bestreitet, dass durch die Spenden ihre «Neutralität beeinträchtigt» werde.
02. November 2008 | Eric Breitinger
