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Artikel | saldo 20/2008

Optimistisch Richtung Absturz

Wer dieses Jahr den Ratschlägen des Anleger-Magazins «Stocks» folgte, hat viel Geld verloren.

Mit der Frühlingssonne kam der Optimismus: «Die UBS-Aktie ist stark überverkauft; die Chance auf eine Gegenbewegung gross», schrieb das Magazin «Stocks» vor sechs Monaten und empfahl seinen Lesern UBS-Aktien bei einem Kurs von Fr. 22.30 zum Kauf. Unterdessen haben die Papiere fast die Hälfte des Wertes verloren. Aber noch im September empfahl «Stocks», UBS-Aktien ins Depot aufzunehmen, wenn auch als «High-Risk-Titel». Das Magazin aus dem Axel-Springer-Verlag trägt im Untertitel den ambitiösen Anspruch «Das Schweizer Anleger Magazin».


«Wir sahen den Konjunkturverlauf zu optimistisch»

Leser, die in den letzten Monaten auf die Ratschläge der «Stocks»-Redaktion setzten, erlebten böse Überraschungen. So prognostizierte das Blatt vor Jahresfrist einen Kurs von «1000 und mehr Franken» für den Autozulieferer Georg Fischer. Noch im Frühjahr schrieb «Stocks» über das Unternehmen: «Die Ertragslage ist weit besser, als es die pessimistischen Investoren wahrhaben wollen.» Der Aktienkurs von Georg Fischer liegt gegenwärtig bei rund 240 Franken. Für ABB sagte «Stocks» ein Kursziel von 35 Franken als «durchaus realistisch» voraus, mehr als doppelt so viel im Vergleich zum derzeitigen Wert der Aktie.


«Stocks»-Chefredaktor Urs Aeberli redet die schiefen Prognosen seiner Crew nicht schön: «Wir sahen den Konjunkturverlauf zu optimistisch und damit auch die Börse.» Doch niemand habe zum Beispiel den massiven Kundengeldabfluss und den Druck aufs Bankgeheimnis bei der UBS voraussehen können.

Aeberli wähnt sich in guter Gesellschaft: «Selbst ein Investor wie Warren Buffett hat die Trendwende zu früh prognostiziert.» Aeberli bleibt trotzdem optimistisch, dass sich Investitionen in die Aktienmärkte «jetzt für viele lohnen, die langfristig denken».


«Unsere Leser haben Verständnis für das chaotische Marktumfeld»

Die Leserschaft beklagt sich allerdings immer wieder in Briefen über falsche Tipps. «Aufgrund eines Hinweises in Ihrem Heft habe ich auf Perilya Mines gesetzt. Nach anfänglichem Anstieg gehts nur noch abwärts.» Ein anderer setzte nach einer Empfehlung von «Stocks» auf Solarenergie: «Die Titel stehen im Minus.» Anleger scheinen jedoch ein friedfertiges Völklein zu sein. «Wir erleben keine Ausfälligkeiten», sagt Aeberli. «Unsere Leser haben Verständnis für das chaotische Marktumfeld.»

Die Fehleinschätzungen sind zum Teil mit der bescheiden besetzten Redaktion des Magazins zu erklären: Sie hat einen Chef mit zwei Stellvertretern und drei Redaktoren, die alle vierzehn Tage fast 80 Seiten produzieren.

Aber der Personalnotstand ist nur ein Teil der Erklärung: Die Irrtümer der «Stocks»-Journalisten haben zum Teil System, zumindest, was die Prognosen für die Grossbanken betrifft. Denn diese bestreiten den grössten Teil des Anzeigenvolumens. Und wer sagt schon gerne den Aktiencrash seiner besten Kunden voraus?

01. Dezember 2008 | Rolf Hürzeler


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