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Wer mit Nanopartikeln arbeitet, muss sich schützen. Doch oft sind Arbeiter nicht informiert, glauben Experten. Denn bei vielen Firmen ist Nano ein heikles Thema.
Freitagmorgen, 10.15 Uhr, Uzwil SG: Ortstermin in einer Fabrikhalle der Bühler Partec GmbH. Wortreich erläutert Samuel Schär, wie der Betrieb seine Angestellten vor den Nanopartikeln schützt, die man herstellt: Man sei weltweit die erste Firma mit einem «vom TÜV zertifizierten Risikomanagement».
Doch in der Halle ist es auffällig still. Keine Maschine läuft, kein Arbeiter ist zu sehen. Darauf hatte die PR-Abteilung von Bühler Partec den Gesundheitstipp im Vorfeld hingewiesen – mit dem Argument, es gebe bei der Produktion ohnehin nichts zu sehen, sie passiere «ausschliesslich in geschlossenen Systemen». Stattdessen beschreibt Schär, wie ein Arbeiter mit einer Art Staubsauger ein Pulver aus Siliziumdioxid ansaugen würde – als Vorbereitung zum Herstellen von Nanopartikeln. «Dazu müsste er jetzt Schutzmaske, Schutzbrille und Gummihandschuhe tragen.»
Immer mehr Menschen arbeiten mit Nanopartikeln – obwohl Wissenschaftler warnen, die Partikel könnten krank machen. Die boomende Nano-Industrie zählt alleine in der Schweiz schätzungsweise 5000 Beschäftigte – Tendenz steigend. Doch viele Schweizer Firmen geben nicht oder nur zögerlich Auskunft, wie sie ihre Arbeiter vor Nanopartikeln schützen. Dies zeigen Recherchen des Gesundheitstipp.
Bühler Partec lud den Gesundheitstipp immerhin in den Betrieb ein und beantwortete alle Fragen. Nicht so die Knuchel Farben AG in Wiedlisbach BE. Ja, man setze Nanopartikel ein, bestätigte zwar Firmenchef Gerhard Knuchel, und «die Arbeiter werden gut geschützt». Doch wie genau, wollte er auf Nachfrage nicht erläutern. Am Telefon teilte er nur mit, man halte sich an die Empfehlungen der Suva.
Farbenfirma lehnte Besuch des Gesundheitstipp ab
Auch die Farbenfirma Dold AG in Wallisellen ZH durfte der Gesundheitstipp nicht besuchen. Geschäftsführer Michael Steinlin gab sich zwar «an einer konstruktiven Zusammenarbeit interessiert» und stellte einen Betriebsbesuch in Aussicht. Steinlin bestätigte zudem, dass die Firma mit Nanopartikeln arbeite. Später zog er diese Aussage zurück: Die Partikel hätten zwar «dieselbe Oberfläche wie Nanopartikel», seien aber grösser. Einen Ortstermin wollte er dem Gesundheitstipp nicht mehr gewähren: Er sehe «keine Notwendigkeit für einen Betriebsbesuch».
Unter Wissenschaftlern wächst die Besorgnis, dass Nanopartikel die Gesundheit der Arbeiter gefährden könnten. Bereits 2002 äusserte der US-Wissenschaftler Mark Wiesner den Verdacht, Nanopartikel könnten «der nächste Asbest» sein.
Eine kürzlich veröffentlichte Stu-die nährt diese Befürchtung: An Mäusen testeten britische Forscher Nanoröhrchen aus Kohlenstoff. Und tatsächlich verursachten sie Entzündungen und Wucherungen im Gewebe der Mäuse – wie Asbest.
Fachleute sehen Parallelen zwischen Nano und Asbest
Asbest galt im letzten Jahrhundert als Stoff der Zukunft und weckte grosse Hoffnungen – genau wie heute die Nanomaterialien. Erst Jahrzehnte später stellten Wissenschaftler fest, dass die winzigen Fasern Krebs auslösen können. Seit 1990 ist Asbest in der Schweiz verboten. Trotzdem sterben jedes Jahr noch 60 bis 70 Menschen an den Spätfolgen.
Auch Dario Mordasini, Spezialist für Arbeitsplatzssicherheit bei der Gewerkschaft Unia, sieht mögliche Parallelen zwischen Nanopartikeln und Asbest: «Beides sind winzige Teilchen, die tief in die Lunge gelangen und die natürlichen Barrieren des Körpers überwinden können.»
Ebenfalls besorgt ist Enrico Bergamaschi, Professor für Arbeitsmedizin an der Universität Parma (I): «Der Arbeitsplatz könnte der erste Ort sein, an dem Gesundheitsprobleme wegen Nanopartikeln zutage treten», sagte er kürzlich an einer Konferenz in Zürich zum Thema Giftigkeit von Nanopartikeln.
Nanopartikel müssen nicht deklariert werden
Die mangelnde Transparenz in der Nano-Industrie verschärft die Gefahr. Hersteller müssen Nanopartikel nicht deklarieren – weder in Konsumgütern noch in Stoffen für die Industrie. «Wahrscheinlich wissen zahlreiche Arbeiter gar nicht, dass sie mit Nanopartikeln hantieren», befürchtet Christoph Bosshard, Nano-Experte bei der Suva.
Er fordert deshalb eine bessere Deklaration, damit die Angestellten zumindest wissen, dass sie sich schützen müssen. Bosshard: «Diese Partikel stellen ein potenzielles Risiko für die Gesundheit dar.» Wie gross das Risiko sei, wisse heute noch niemand. «Deshalb sollte man sich den Nanopartikeln so wenig wie möglich aussetzen.»
Die Suva empfiehlt Angestellten, Schutzkleidung zu tragen (siehe unten). Doch gesetzliche Vorschriften, wie Arbeiter mit Nanopartikeln umgehen müssen, gibt es keine. Der Bund möchte dies zwar ändern, tut sich aber schwer damit: «Man weiss einfach noch zu wenig über die konkreten Gefahren von Nanopartikeln», sagt Livia Bergamin vom Staatssekretariat für Wirtschaft Seco.
Wer mit Nanopartikeln arbeitet, ist also darauf angewiesen, dass die Arbeitgeber ihre Hausaufgaben machen. Und das müssten sie dringend tun, sagt Dario Mordasini von der Gewerkschaft Unia: «Die Nanotechnologie breitet sich rasant aus, aber über die Gefahren ist viel zu wenig bekannt. Im schlimmsten Fall tickt hier eine Zeitbombe.»
So schützen Sie sich vor Nanopartikeln
Nanopartikel müssen nicht deklariert werden. Im Zweifelsfall gilt deshalb: Fragen Sie Ihren Arbeitgeber, ob ein Produkt aus Nanopartikeln besteht.
Sofern die Partikel nicht in einer Flüssigkeit gebunden sind, müssen Sie sich schützen:
02. Dezember 2008 | Christian Egg
