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Stimmbruch und Bartwuchs lassen sich kaum mehr rückgängig machen. Deshalb wollen Ärzte die Pubertät bei transsexuellen Kindern unterdrücken. Fachleute kritisieren: Viele entscheiden sich später fürs eigene Geschlecht.
Sabrina Kühni ist 47 Jahre alt – und Vater von einem Kind. Die IT-Managerin ist transsexuell. Sie hat einen männlichen Körper und fühlt sich als Frau, seit sie 14 Jahre alt ist. Dennoch hat sie lange Jahre als Mann gelebt, geheiratet und ein normales Familienleben geführt. Das war einmal. Heute schluckt sie weibliche Hormone und tritt seit einem Jahr in der Öffentlichkeit als Frau auf. Bald soll die Operation stattfinden, die ihr auch äusserlich das andere Geschlecht gibt. Kühni wäre vieles erspart geblieben, hätte die Pubertät nicht einen Mann aus ihr gemacht. Denn die tiefe Stimme lässt sich auch durch die Hormontabletten nicht rückgängig machen – und den Körper muss sie weiterhin rasieren. Selbst durch Operationen lässt sich aus einem männlichen Körper nur beschränkt ein weiblicher bilden.
«Viele betroffene Kinder werden später homosexuell»
Jetzt sagt die weltweit grösste Hormon-Fachgesellschaft Endocrine Society: Ärzte sollen transsexuellen Kindern Hormone verschreiben, um die Pubertät zu unterdrücken. So wäre die Operation zur Geschlechtsumwandlung später weniger dramatisch, und man könnte Zeit gewinnen, um die Kinder mit anderen Therapien zu behandeln. Doch diese Vorschläge rufen kritische Stimmen hervor. Der Psychiater Bernd Krämer von der Universität Zürich: «Bei den meisten Kindern wächst sich die transsexuelle Neigung wieder aus. Sie ist oft Ausdruck einer Krise beim Heranwachsen.» Der Psychiater leitet die Sprechstunde für erwachsene Transsexuelle an der Zürcher Uni und stellt fest: Rund 80 Prozent der Jungen mit transsexuellen Anlagen hätten nach der Pubertät keine Abneigung mehr gegen ihren männlichen Körper. Ein Grossteil der betroffenen Kinder werde später homosexuell, sagt Krämer. Auch deutsche Experten warnten im «Deutschen Ärzteblatt» davor, Kindern Hormone abzugeben. Es gebe keine gesicherten Erkenntnisse, wie sich das Unterdrücken der Pubertät auf die weitere Entwicklung der Teenager auswirke. Im Gegenteil: Um herauszufinden, ob man im falschen Körper stecke, sei die Pubertät wichtig. Nur so könnten die betroffenen Jugendlichen sexuelle Erfahrungen machen, die ihnen bei der Entscheidung helfen. Zudem stigmatisiere man die Kinder sehr früh. Zwar ist Transsexualität meist angeboren. Doch Erziehung und Umwelt können ihren Teil dazu beitragen. So haben beispielsweise Kinder, deren Eltern sich ein Baby mit anderem Geschlecht gewünscht hatten, ein höheres Risiko, transsexuell zu werden. Mit Hilfe einer Psychotherapie lässt sich dieser Konflikt häufig lösen. Günter Karl Stalla vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München (D) hält dem entgegen: «Bei Transsexuellen ist der Wunsch, das Geschlecht zu wechseln, meist sehr stark ausgeprägt, häufig kompromisslos.» In der Tat: Bart, Stimmbruch und grosser Adamsapfel sind für einen Jungen, der sich als Mädchen fühlt, eine Katastrophe. Stalla: «Schlimmstenfalls kommt es zu Selbstverstümmelungen, Depressionen oder Suizidversuchen.» Auch Sabrina Kühni sagt rückblickend: «Ich hätte bestimmt von den Medikamenten profitiert, die meine Pubertät unterdrückt hätten.»
Schweizer Ärzte: Keine Hormone für Kinder unter 16
Ärzte in Deutschland, Holland, den USA und Australien haben bereits vor einiger Zeit begonnen, transsexuelle Kinder mit Hormonen zu behandeln, um die Pubertät hinauszuschieben. In Deutschland lebt auch die jüngste Transsexuelle weltweit: die 16-jährige Kim Petras. Mit zwölf bekam der damalige Tim weibliche Hormone, mit 16 Jahren folgte die Geschlechtsumwandlung im Operationssaal. Der Junge, die Eltern und Fachleute hielten das für den besten Weg. In der Schweiz setzen Ärzte bei Kindern unter 16 keine Hormone ein. Krämer: «Für einen früheren Einsatz fehlen Untersuchungen.» Krämer weiter: «Selbst mit 16 Jahren sind die Jugendlichen noch keine ausgewachsenen Menschen.» Deshalb könne man sich auch noch in diesem Alter mit einer Operation und Medikamenten zum anderen Geschlecht entwickeln. In der Schweiz sind pro 100 000 Einwohner zwischen fünf und zehn Erwachsene transsexuell. Bei Kindern gibt es keine Daten, geschätzt wird aber, dass in der Pubertät jedes zehnte Kind Probleme mit seinem Geschlecht bekommt. Krämer: «Bis anhin hat sich die Medizin diesen Kindern nicht gross gewidmet.» Viele Fachleute beobachten jedoch, dass sich immer mehr Kinder und Jugendliche über Transsexualität informieren wollen. Dagmar Pauli vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD) Zürich: «Kinder nehmen ihr Problem heute besser wahr, weil sie einfach an Informationen kommen. Und sie sprechen über ihre Probleme, weil auch Eltern und Gesellschaft offener sind als früher.» Und Psychiater Krämer hat neu am KJPD für betroffene Kinder, Jugendliche und deren Eltern die erste Sprechstunde in der Schweiz eingerichtet.
Tipps: Adressen und Infos
14. Februar 2009 | Andreas Grote
