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Zehn Tage nach der Mandeloperation blutete Arlinda plötzlich stark aus dem Mund. Auf der Notfallstation dauerte es eine Ewigkeit, bis der richtige Arzt zur Stelle war.
Es war Samstag, der 25. Oktober, spät abends in Dübendorf ZH. Die 12-jährige Arlinda Cacaj spürte plötzlich Blut im Mund, einen metallischen, warmen Geschmack. Arlinda würgte und stürzte ins Badezimmer. Das Mädchen spuckte blutige Schleimfetzen ins Lavabo. Zehn Tage zuvor hatte sich die 12-Jährige im Spital Uster die Mandeln entfernen lassen. Die Operation war gut verlaufen. Doch jetzt kam es bei Arlinda zur gefürchteten Komplikation: Die Operationswunde ging wieder auf und blutete stark. Bei rund einem von zwanzig operierten Kindern passiert das. «Im schlimmsten Fall endet das Nachbluten tödlich», warnt David Holzmann, Leitender Arzt am Unispital Zürich. Dies kann wegen des starken Blutverlusts passieren oder weil das Kind Blut einatmet und erstickt. Arlindas Mutter wusste: Jetzt mussten sie schnell handeln. Die Familie informierte per Telefon das Spital. Dann fuhren sie auf dem schnellsten Weg nach Uster in die Notfallstation. Unterwegs floss immer noch Blut aus Arlindas Mund. Zwischendurch bekam sie kaum noch Luft. «Ich hatte Angst, dass mein Kind stirbt», sagt die Mutter Ryve Cacaj.
Um Mitternacht kamen sie zur Notfallstation. Doch bereits bei der Rezeption dauerte es lange: «Es schien keinen zu beeindrucken, dass Arlinda so viel Blut verloren hatte», erzählt die Mutter. Ohne Eile habe die Empfangsdame Personalien und Krankenkassendaten aufgenommen. Ein Mitarbeiter wies ihnen schliesslich eine Liege hinter einer Trennwand zu. Sie bekamen kühlende Eisbeutel und Nierenschalen, um das Blut aufzufangen. Und dann passierte lange Zeit gar nichts mehr. Ryve Cacaj und ihre Tochter warteten und warteten. Noch immer floss Blut aus Arlindas Mund. Es füllte mehrere Nierenschalen. Die verzweifelte Mutter versuchte, auf sich aufmerksam zu machen: «Ich bat immer wieder um Hilfe für meine Tochter. Doch niemand sagte uns, wie es um mein Mädchen stand und wieso wir so lange warten mussten.» Dabei sei gar nicht viel los gewesen auf der Notfallstation: «Da war nur noch ein Betrunkener», erinnert sich die Mutter. Doch sie hörte im Hintergrund die aufgeregten Stimmen des Notfall-Personals. Das verunsicherte Ryve Cacaj noch mehr: «Sie telefonierten immer wieder, sagten, es solle endlich jemand kommen. Einmal hiess es, der Oberarzt soll kommen, dann wieder, derjenige, der Arlinda operiert hat.» Das Notfallteam schien sich nicht einig zu sein, wer das Mädchen versorgen sollte. Irgendwann hörte Ryve Cacaj, wie jemand ins Telefon schrie: «Verdammt nochmal, es geht hier nicht um Zentiliter, sondern fast um Liter. Es muss jetzt endlich jemand kommen.»
«Bei Nachbluten darf man keine Zeit verlieren»
Familie Cacaj hatte bereits eineinhalb Stunden gewartet, als der Arzt Thomas Kaufmann um 1.30 Uhr im Notfall eintraf. Kaufmann ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit einer eigenen Praxis in Dübendorf. Zusätzlich führt er im Spital Uster Operationen durch. Er ist sogenannter Belegarzt. Er hatte auch Arlinda operiert. Gegenüber dem Gesundheitstipp sagt Kaufmann: «Das Spital rief mich erst um 1.10 Uhr an. Ich hatte bereits geschlafen, machte mich aber sofort auf den Weg. Denn bei Nachbluten nach einer Mandeloperation darf man keine Zeit verlieren.» Wie schlimm es um das betroffene Kind stehe, wisse man erst, wenn man die Ergebnisse des klinischen Untersuchs und der Laboranalyse habe. Dazu gehören zum Beispiel Blutdruck, Puls und Hämoglobinwert. Er habe damals nicht gewusst, wie lange Familie Cacaj bereits gewartet hatte. Arlinda hatte Glück: Kaufmann konnte die Blutung mit einer Operation stillen. Familie Cacaj ist froh, dass es ihrer Tochter heute wieder gut geht. Doch das Erlebnis auf dem Notfall war für sie traumatisch. «Diese Unsicherheit und die lange Wartezeit: So etwas darf nicht mehr vorkommen», ist sich die Familie einig. «Bei einem anderen Kind geht es vielleicht nicht so glimpflich aus.»
«Eineinhalb Stunden zu warten, bis der Arzt da ist, ist entschieden zu lange, solange die Wunde noch blutet», sagt Hals-Nasen-Ohren-Spezialist David Holzmann vom Unispital Zürich. Nachblutungen müsse man auf der Notfallstation prioritär behandeln, bis man wisse, wie gross der Blutverlust sei. Im Unispital und im Kinderspital Zürich werde deshalb immer sofort ein Venenzugang gelegt, der Blutdruck kontrolliert und Blut entnommen. «Gleichzeitig ruft das Personal sofort den Dienstarzt, der fähig ist, eine solche Blutung zu stillen.» Bei Arlinda wurden erst nach vierzig Minuten Blutdruck und andere Werte gemessen. Der Anruf bei Arzt Thomas Kaufmann erfolgte gar erst nach über einer Stunde. Das Spital Uster bestreitet, Fehler gemacht zu haben: «Es wurde nicht aus Unsicherheit Zeit vertrödelt, sondern zielgerichtet gehandelt und organisiert», sagt der stellvertretende Chefarzt der Chirurgie Horst Büchel. Arlinda sei zu keinem Zeitpunkt in einer lebensbedrohlichen Lage gewesen. Die Notfallärztin habe versucht, die Mutter «so gut wie möglich zu beruhigen», schreibt Büchel. Dass die «psychologische Betreuung als ungenügend empfunden» wurde, bedaure er. Welche Gespräche und Telefonate bei den Angehörigen den Eindruck erweckt hätten, das Notfallteam sei sich unsicher, könne er heute nicht mehr eruieren. «Die Zuständigkeiten sind klar geregelt.» Es bedürfe eben manchmal einiger Telefonate, so Büchel.
Fachleute kritisieren die Koordination mit Belegärzten
Tatsächlich erscheint die Organisation im Spital Uster nicht besonders einfach: Die erste Untersuchung mache die Notfallärztin, erklärt Büchel. «Natürlich ist es sehr wohl möglich, dass diese auch den diensthabenden Oberarzt in das Notfallmanagement miteinbezieht.» Dies ändere aber nichts daran, dass der diensthabende Hals-Nasen-Ohrenarzt zuständig sei. In besagter Nacht sei dies nicht Thomas Kaufmann gewesen, sondern ein anderer Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Dieser habe geraten, trotzdem Thomas Kaufmann anzurufen, da es sich um dessen Patientin handelte. Es habe «weniger als eine Stunde gedauert, bis der zuständige Belegarzt Dr. Kaufmann telefonisch anvisiert wurde», schreibt Büchel. Er bestreitet auch, dass Familie Cacaj schon um Mitternacht im Spital angekommen sei. «Die Patientenaufnahme ist um 0.17 Uhr dokumentiert.»
Fachleute kritisieren, dass es in Spitälern mit externen Belegärzten immer wieder zu solchen Problemen kommt. Erika Ziltener vom Dachverband der Schweizerischen Patientenstelle: «Wenn nach einer Operation von einem Belegarzt Komplikationen auftreten, weiss das Team im Spital bisweilen nicht, welcher Arzt zuständig ist. Dadurch werden dringende Behandlungen und Operationen verzögert. Für die Patienten kann dies fatale Folgen haben.» Auch Yvonne Blöchliger von der Patientenstelle Aargau-Solothurn kennt solche Fälle: «Manchmal kann das Spital den Belegarzt im Notfall nicht in nützlicher Frist kontaktieren. So kann wertvolle Zeit verloren gehen.» Für Hanne Sieber vom Verein «Kind & Spital» ist klar: «Der operierende Belegarzt muss die Familie rechtzeitig informieren, wohin sie sich bei Komplikationen nach der Operation wenden kann. Und zwar am besten schriftlich. So kann man unnötige Umwege im Notfall vermeiden.» Arzt Thomas Kaufmann hat aus dem Vorfall Konsequenzen gezogen: «Ab sofort erhält jeder Patient von mir eine Notfallkarte, auf der auch meine private Handynummer steht.» So können seine Patienten ihn jederzeit erreichen, damit es keine unnötigen Verspätungen mehr gebe, sagt Kaufmann.
14. Februar 2009 | Sonja Marti, Redaktion Gesundheitstipp
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