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Die Pensionskassen wollen die Renten senken. Und viele Politiker stimmenin diesen Chor ein. Sie würden besser einmal einen Blick auf die horrenden Kosten der Kassen werfen.
Ein «Komitee für eine sichere 2. Säule» fordert in Zeitungsinseraten, man müsse ein angebliches «Rentenloch» verhindern. Die Anzeigen propagieren tiefere Renten. «Wir müssen unsere 2. Säule langfristig sichern. Heute wird aber mehr ausgegeben als eingenommen. Das muss aufhören», heisst es wörtlich neben dem Porträtbild von Lena Schneller, der Präsidentin der Jungfreisinnigen der Schweiz (siehe Bild im pdf-Artikel). saldo wollte von ihr Genaueres wissen: Wie viel wird heute eingenommen? Wie viel wird ausgegeben? Wie sieht ihre Rechnung genau aus? Doch das Mitglied des Parteivorstandes der FDP konnte oder wollte sich trotz mehrfacher Anfragen dazu nicht äussern.
Milliarden von Franken versickern als Verwaltungskosten
Tatsache ist: Die Pensionskassen nehmen sehr viel mehr ein, als sie ausgeben. Und sie leben prächtig vom Geld der Versicherten. Denn längst nicht alles Geld wird für das Alterskapital oder die Versicherungsprämie verwendet. Ein stattlicher Teil versickert unter dem Titel Verwaltungskosten. Konkret: Je nach Alter werden den Angestellten in der Schweiz 3,5 bis 9 Prozent des versicherten Lohnes monatlich für die obligatorische Pensionskasse vom Salär abgezogen. Noch einmal so viel zahlt der Betrieb. Gezahlt werden daraus die Kosten für ein Alterskapital oder eine Altersrente. Und falls jemand vor der Pensionierung invalid wird, hat er allenfalls Anspruch auf eine Invalidenrente. Versichert ist also grundsätzlich das Gleiche wie bei der AHV und der IV.
Doch aufgepasst: Nicht der ganze eingezahlte Betrag wird auf die hohe Kante gelegt. saldo hat die Pensionskassenrechnung eines Modellunternehmens unter die Lupe genommen. Angestellt sind vier Frauen und vier Männer im Alter von 24 bis 54 Jahren mit Löhnen zwischen 50’000 und 80’000 Franken. An die Pensionskasse zahlen diese acht Angestellten im Jahr 32’000 Franken ein, noch einmal so viel zahlt der Betrieb.
Von diesen insgesamt 64’000 Franken Einnahmen werden den Angestellten 44’000 Franken für das Alter gutgeschrieben. Weitere 14 000 Franken kostet die Versicherungsprämie für den Invaliditätsfall. Satte 6000 Franken behält die Pensionskasse als Verwaltungskosten für sich. Beim Top-Verdiener mit 80 000 Franken Gehalt fressen diese Kosten im Jahr deutlich über 1000 Franken weg, beim jungen Angestellten ist der Betrag geringer.
Auch die offizielle Gesamtrechnung der Pensionskassen für das Jahr 2007 des Bundesamts für Statistik zeigt, dass Lena Schneller und die Jungfreisinnigen mit ihren Behauptungen auf dem Holzweg sind. 3,5 Millionen Angestellte und Arbeitgeber haben 2007 gut 43 Milliarden Franken an Prämien eingezahlt. Dazu kommen Arbeitnehmereinlagen etwa beim Eintritt in eine neue Kasse von rund 26 Milliarden, macht zusammen rund 69 Milliarden.
Höhere Einnahmen pro Jahr als die Eidgenossenschaft
Doch das sind noch längst nicht alle Einnahmen der Kassen. Sie können das erhaltene Geld für viele Jahrzehnte anlegen. Daraus resultieren erhebliche Anlagegewinne: Im Jahr 2007 erwirtschafteten sie unter dem Strich einen Vermögensertrag von 13 Milliarden Franken – die Vermögensverwaltungskosten und die Anlageverluste sind dabei bereits berücksichtigt. Zusammen mit den Einlagen ergibt das ein Einkommen von 82 Milliarden Franken. Zum Vergleich die gesamten Jahreseinnahmen der Eidgenossenschaft: 2007 flossen 58,1 Milliarden Franken in die Bundeskasse von Hans-Rudolf Merz.
Ausgezahlt haben die Pensionskassen im gleichen Jahr 16 Milliarden Franken für Altersrenten, 5,5 Milliarden für Hinterlassenen- und Invalidenrenten. Nochmals 5,5 Milliarden zahlten die Kassen an Pensionierte, die statt einer Rente eine Auszahlung des angesparten Kapitals vorzogen. 25 Milliarden gaben die Pensionskassen den Austretenden als Freizügigkeitsgelder mit. Macht zusammen Ausgaben von 52 Milliarden. 27 Milliarden werden dafür verwendet, Vorsorgekapital für aktive Versicherte zu bilden.
Pro Versicherten satte 700 Franken in die eigene Kasse
Aus der Rechnung wird weiter ersichtlich, dass die Pensionskassen 2,5 Milliarden an Verwaltungskosten einstecken. Pro Versicherten macht das im Schnitt über 700 Franken. Zum Vergleich: Die Verwaltungskosten der AHV betragen gemäss AHV-Rechnung für das Jahr 2007 151 Millionen Franken – bei 4,1 Millionen Versicherten ergibt das bloss 36 Franken pro Kopf und Jahr. Was auffällt: Besonders viel Geld versickert bei den Versicherungsgesellschaften, die 2,1 der insgesamt 3,5 Millionen Angestellten in der Schweiz betreuen.
Swiss Life, Zürich, Axa Winterthur und Co. investieren über 130 Milliarden in Aktien, Obligationen, Immobilien und andere Anlagen. Für die Bewirtschaftung dieser Posten schreiben sie sich 310 Millionen Franken gut. Für die gesamte Verwaltung samt EDV und Bearbeitungsgebühren garnieren die Versicherer pro Jahr gar eine Milliarde Franken. Fazit: Bevor Politiker einmal mehr die Versicherungsleistungen der – trotz Finanzkrise soliden – Pensionskassen kürzen, tun sie gut daran, zuerst einmal das Preis-Leistungs-Verhältnis der Kassen unter die Lupe zu nehmen.
Überschüsse der Pensionskassen: Rudolf Rechsteiner: «Das ist ein gewaltiger Rentenklau»
«Das System ist total korrupt», regt sich SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner auf. Der Bundesrat sei von den Versicherungen unterwandert. In Rage bringt den Basler SP-Politi-ker die Verteilung der Überschüsse, die die Versicherungen im Pensionskassenbereich erwirtschaften. Dabei geht es nicht um einen Pappenstiel, sondern um gewaltige Summen. Bei den Versicherungen Swiss Life, Zürich, Axa Winterthur und Co. sind 2,1 Millionen Menschen über ihre Pensionskassen und Freizügigkeitspolicen versichert. Das Problem, so Rechsteiner: «Im Gesetz steht, dass 90 Prozent der Überschüsse an die Versicherten gehen müssen und die Gesellschaften 10 Prozent erhalten.»
Doch was genau ist ein Überschuss? Für die Linke ist klar, dass es sich dabei um die Gewinne handelt. Anderer Ansicht ist Finanzminister Merz: Er interpretiert Überschüsse als Gesamteinnahmen. Deshalb erlaubte er auf dem Verordnungsweg den Versicherungen, 10 Prozent des Umsatzes an die Aktionäre weiterzugeben. Auf diese Weise entgingen den Versicherten im Jahr 2007 rund 540 Millionen Franken.
Im schlimmsten Fall entgehen ihnen laut Rechsteiner gar 1,8 Milliarden Franken. Der Grund: Ein Teil der Überschüsse landet nicht direkt auf den individuellen Konten der Pensionskassen, sondern in einem Fonds. Und aus diesem können sich die Versicherer bedienen, um später allfällige Verluste zu decken. Für Rechsteiner ist klar: «Das ist ein gewaltiger Rentenklau!» Er hat deshalb eine Motion eingereicht, die dieser Praxis ein Ende bereiten will.
Übrigens: Auch die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats kam in einer Untersuchung zum Schluss, dass der Bundesrat zwar nicht illegal handle, den gesetzlichen Spielraum aber «bis zum Rand» zugunsten der Lebensversicherer auslege.
23. Mai 2009 | Werner Fischer
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