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Artikel | saldo 18/2009

Pharmakonzerne: Werbung durch die Hintertür

Die Patientenorganisation Osteoswiss wirbt für Medikamente gegen brüchige Knochen bei Männern. Dahinter stehen grosse Pharmakonzerne.

Osteoporose geht auch Männer etwas an», lautet der Titel einer Beilage in der NZZ vom 15. Oktober. Die 24-seitige Broschüre stammt von Osteoswiss, die sich als «Die Schweizer Patientenorganisation» bezeichnet. Das Heft soll laut Editorial zeigen, dass «die Krankheit der brüchigen Knochen» bei Männern «recht häufig» vorkommt und zu verfrühtem Tod führen kann.

Das Editorial behauptet gar, dass «jeder fünfte Mann ab 50 einen osteoporosebedingten Knochenbruch erleidet». Erstaunlich, denn laut einer Studie des Bundesamtes für Gesundheit von 2006 erkranken nur 5 bis 8 Prozent aller Männer ab 50 je an Osteoporose. Im Hauptartikel des Heftes erklärt der Berner Mediziner Kurt Lippuner, welche Medikamente dagegen zur Verfügung stehen.


Mit Sponsoring das Werbeverbot für Medikamente umgehen

Für den Berner Gesundheitsökonomen Gerhard Kocher ist klar: «Hinter dem Heft steckt die Pharmaindustrie.» Eine Selbsthilfegruppe von Patienten könne diese Broschüre kaum finanzieren. Seit Jahren versuchen nämlich Pharmahersteller durch Sponsoring der Öffentlichkeitsarbeit angeblich unabhängiger Patientenorganisationen die Nachfrage nach ihren Präparaten anzukurbeln. So umgehen sie laut Kocher das Verbot, beim Laienpublikum für Medikamente zu werben. Letztlich täuschen sie so die Patienten.


Finanzierung der Werbebroschüre bleibt unklar

«Eine versteckte PR-Kampagne», vermutet auch Markus Fritz, Leiter der unabhängigen Schweizerischen Medikamentenstelle: «Mit der NZZ als Werbeträger erreichen die Pharmafirmen viele Ärzte und ein begütertes, gebildetes, männliches Publikum, das beim Arzt die neuen Mittel einfordert.» In seinen Augen fungiert die Patientenorganisation nur als verlängerter Arm der Industrie. Das bestreitet Osteoswiss-Präsident Emil Mahnig: «Wir sind unabhängig.» Die Broschüre diene der Aufklärung über eine wenig bekannte Krankheit, die auch Männer betreffe. Zudem wolle man neue Mitglieder gewinnen. Themen und Inhalte des Heftes habe Osteoswiss seit zwei Jahren geplant und in Eigenregie entwickelt.

Unklar bleibt, woher Osteoswiss das Geld für die Broschüre hernimmt: Laut offiziellem Tarif kostet es allein 108‘000 Franken, einen solchen Prospekt der gesamten NZZ-Auflage beizulegen. Mahnig gibt an, Rabatte bekommen zu haben. Er versichert: «Die Broschüre haben wir grösstenteils durch Spenden, Zuwendungen von Stiftungen und Mitgliederbeiträge finanziert.» Die Pharmafirmen deckten «nur einen Drittel der Kosten». Deren Namen sind auf der Rückseite der Broschüre aufgeführt.

Die Leser erfahren sonst nichts über die engen Beziehungen von Osteoswiss zur Pharmabranche. So finanzierte Novartis die Osteoswiss-Website mit (saldo 15/05). Zur heutigen Finanzierung der Organisation äussert sich Präsident Mahnig vage: «Ausser für Projekte bekommen wir keine Zuwendungen.» saldo-Recherchen zeigen jedoch, dass die Pharmabranche nach wie vor einen grossen Batzen zum Budget beisteuert. So unterstützte der Pharmahersteller Amgen Schweiz Osteoswiss im Jahr 2008 mit 30'000 Franken für Werbematerial, Merck zahlte knapp 37'000 Franken und Glaxo-Smith-Kline 3000 Franken. Novartis steuerte ebenfalls Geld bei, verschweigt aber die Höhe der Summe. Auf der Osteoswiss-Website steht von alldem nichts.

Zudem haben Patienten in dieser angeblichen «Patientenorganisation» nicht das Sagen. Weder Präsident Mahnig noch die anderen fünf Vorstandsmitglieder leiden an Osteoporose. Wer die auf der Homepage angegebenen Zahlen der kantonalen Selbsthilfegruppen addiert, zählt lediglich 129 Aktive. Mahnig spricht von 2800 Mitgliedern in der Schweiz.


Alle Sponsoren haben entsprechende Medikamente im Sortiment

Die Broschüre schweigt auch über die Motive der Sponsoren. Folgende Pharmafirmen sind namentlich erwähnt: Amgen, Merck, Novartis und Nycomed. Eine Merck-Sprecherin erklärt, dass ihre Firma durch Sponsoring Patienten aufklären und unterstützen wolle. Drei der Sponsoren bieten Medikamente gegen Osteoporose bei Männern an, eine hat ein neues Produkt in Vorbereitung.

Das neuste Medikament Aclasta ist von Novartis und erst seit kurzem in der Schweiz als Mittel für den Mann zugelassen. Zuvor wurde es in zwei grossen Studien getestet. Mitautor einer der Studien war jener Kurt Lippuner, der nun für Osteoswiss den Artikel über Osteoporose-Medikamente verfasste. Auftraggeber der Studie war Novartis. Lippuner wollte sich auf Anfrage von saldo nicht zum Thema äussern.

01. November 2009 | Eric Breitinger, Redaktion saldo


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