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Albrecht Müller weist nach, wie die Medien Meinungen beeinflussen.
Der Publizist
Die Alten leben auf Kosten der Jungen.» Diese Aussage über die Zukunft der Altersvorsorge ist laut Autor Albrecht Müller falsch. Denn die Sicherung der Renten hänge nicht von den absoluten Zahlen ab, sondern von der Ausbildung und den Beschäftigungsmöglichkeiten der Jungen. Dennoch wiederholen die Medien immer wieder die Geschichte von der überalterten Bevölkerung, die sich die Altersvorsorge nicht mehr leisten kann.
Ist das ein Beispiel aus der aktuellen Rentendebatte in der Schweiz? Nein, genau gleich läuft die Diskussion in Deutschland. Der 71-jährige Müller war in jungen Jahren ein Vertrauter des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, heute hat Müller mit der SPD gebrochen und unterstützt die Linke. Kernstück seines Bu-ches sind 76 falsche Behauptungen, die sich in den Medien immer wieder finden, ohne dass sie dadurch wahrer werden. Das Spektrum ist weit: Es reicht über die «saubere Kernenergie» die «irakischen Massenvernichtungswaffen», «Studiengebühren als Leistungsanreiz» bis zum schöngeredeten Image einzelner Politiker.
In einem Kapitel über den Bertelsmann-Konzern behandelt das Buch schliesslich, wie stark ein «Oligopolist» die veröffentlichte Meinung im Land beeinflusst. Bertelsmann besitzt RTL-Radio- und TV-Sender, die Zeitschriften «Stern», «Geo», «Capital» und eine Sperrminorität beim «Spiegel». Albrecht Müller ist in seiner Darstellung politisch einseitig. Streckenweise sind seine langatmigen Abrechnungen mit der SPD-Führung für Schweizer bemühend. Trotzdem lohnt sich die Lektüre: Denn dieses Buch macht deutlich, dass die Entscheidungsprozesse in einer parlamentarischen Demokratie sehr ähnlich verlaufen wie in einem direktdemokratischen Staat.
Albrecht Müller, «Meinungsmache», Droemer, ca. Fr. 37.–
Es hätte schlimmer kommen können
Dem grossen Glück hinterherzuhecheln, überfordert die meisten Menschen, schreibt «Zeit»-Autor Christian Ankowitsch. Sein Motto: Schon für das moderate Unglück muss man dankbar sein. Dazu serviert er überraschende Tipps. So soll man für Freunde auch Geld ausgeben; Geschenke oder Einladungen verbessern das eigene Wohlbefinden. Zudem solle man sich selbst gelegentlich wie seinen besten Freund behandeln. Das fördere die Distanz zu sich selbst. Im Kapitel «Eine Beziehung führen» rät Ankowitsch, auch mal fies zu sein. Ein kleiner Rachefeldzug entlaste und schaffe den nötigen Abstand zum Partner nach einer Kränkung. Wie ernst er das meint, bleibt offen. Geschickt flicht Ankowitsch Erkenntnisse aus der Glücksforschung ein.
Christian Ankowitsch, «Dr. Ankowitschs Kleiner Seelenklempner», Rowohlt, ca. Fr. 35.–
Mit der Baumwolle auf Weltreise
Zwei Jahre lang waren der Schweizer Fotograf Hans Peter Jost und die Autorin Christina Kleineidam unterwegs auf den Spuren der globalen Baumwollindustrie. In ihrem Buch zeichnen sie die sozialen und ökologischen Schäden nach, welche die arbeitsintensive Pflanze anrichtet. In Usbekistan forcieren die Plantagen die Verwüstung des Bodens. In Indien haben Schulden Tausende Bauern in den Selbstmord getrieben. Viele von ihnen hatten auf genmodifiziertes Saatgut von Monsanto umgestellt, ohne zu wissen, dass sie dieses nun Jahr für Jahr neu kaufen mussten. Das Buch enthält 220 einfühlsame Schwarzweissfotos und Reporte aus sieben Ländern. Sie zeigen eindrücklich, wie diejenigen leben, die den Rohstoff produzieren, den andere Leute auf dem Leib tragen.
Hans Peter Jost/Christina Kleineidam,«Baumwolle weltweit», Lars Müller Publishers, ca. Fr. 65.–
Rezepte aus acht Jahrhunderten
Ein kleiner Austernauflauf von Auguste Escoffier, ein Parmesansoufflé von Paul Bocuse, eine Herbstsuppe von Antonin Carême oder Bittermandelmakronen von Antoine Beauvilliers zum Dessert: Das Werk des Zürcher Historikers Rudolf Trefzer ist zwar in erster Linie ein Buch über die Geschichte der europäischen Kochkunst. Aber es ist auch ein Kochbuch, das zahlreiche, recht einfache Rezepte der grossen Meister enthält. Trefzer stellt die wichtigsten fünfzehn Kochbücher aus acht Jahrhunderten vor – aus dem gesamten europäischen Raum. Dabei erfährt man mehr über das Leben der Menschen als in manchem Geschichtsbuch – zum Beispiel, dass sich Meisterkoch Auguste Escoffier schon 1903 beklagte, die Menschen hätten fürs Essen immer weniger Zeit und seien gehetzt.
Rudolf Trefzer, «Klassiker der Kochkunst», Chronos, ca. Fr. 48.–
29. November 2009 | Rolf Hürzeler, ask, eb, fis
