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Artikel | Gesundheits-Tipp 01/2010

Patchwork – Zerreissprobe für Familien

In immer mehr Familien leben Partner mit Kindern aus früheren Beziehungen. Im Alltag kämpfen Patchwork-Familien mit Schwierigkeiten, auf die sie kaum vorbereitet sind. Das kann zu grossen Belastungen führen.

Vor neun Jahren zog Sandra Gansner Lienau mit ihren beiden Kindern bei ihrem neuen Partner Wolfram Lienau in Häuslenen TG ein. Sie hatte sich immer eine grosse Familie gewünscht – die hat sie jetzt: Im gleichen Haushalt leben Wolfram Lie-naus drei Töchter. Eine klassische Patchwork-Familie also. Wolfram Lienau: «Wir mussten das Haus umbauen, damit alle fünf Kinder Platz hatten.»

Das Zusammenleben war schwieriger als erwartet. «Wir waren vielleicht zu blauäugig», meint Lienau. Die romantischen Gefühle, die die beiden Erwachsenen für einander hegten, teilten die Kinder nicht – im Gegenteil. Lienau: «Meine Töchter hatten Angst, dass meine Partnerin ihnen den Papi wegnimmt.

Sie fühlten sich zurückgesetzt zugunsten meiner Frau und deren Kinder.» Die Mädchen gaben ihrer Stiefmutter deutlich zu verstehen, dass sie sie als unerwünschten Eindringling betrachten. Wolfram Lienau machte ähnliche Erfahrungen mit der Tochter seiner Frau: «Sandras Tochter lehnt mich seit einiger Zeit ab. Sie kritisiert alles an mir. Ihr Sohn hingegen akzeptiert mich voll und ganz.»


«Nach zwei Jahren waren wir nahe daran, uns zu trennen»

Wolfram Lienau berichtet, das Familienleben gebe immer wieder Anlass zu Zerreissproben: «Ich bin schon öfters am frühen Morgen mit einem schlechten Gefühl ins Büro gefahren. Ich hatte Bedenken, dass es wieder Streit gibt.» Nach zwei Jahren hielten beide Ehepartner die Spannungen nicht mehr aus: «Wir waren nahe daran, uns zu trennen.» Doch die Liebe war stärker. Sandra Gansner Lienau sagt: «Ich bin eine Kämpfernatur. Ich sagte mir, die nächste Frau hätte es auch nicht einfacher. Und ich will keinen anderen Mann.» Das Paar war sich einig: «Wir wollen unserer Beziehung eine zweite Chance geben.»

Eine Familientherapeutin empfahl den Patchwork-Eltern, regelmässig Familienkonferenzen abzuhalten. Sandra Gansner Lienau erklärt: «Dank der Familienkonferenzen konnten unsere Kinder ihre Anliegen auf den Tisch bringen. Das zeigte ihnen, dass wir Erwachsenen sie ernst nehmen.» Sie fügt an: «Wir konnten unsere Probleme aber nie ganz lösen. Dennoch sind wir überzeugt, dass unsere jetzige Familienstruktur für alle die bessere Lösung ist als die frühere. Damals haben wir noch nicht zusammengelebt.»

Viele Patchwork-Familien erleben ähnliche Nervenproben. Das weiss Henri Guttmann, Paar- und Familientherapeut in Winterthur ZH: «Für die Erwachsenen ist die neue Beziehung ein Gewinn. Doch aus der Perspektive der Kinder ist eine Patchwork-Familie am Anfang vor allem ein Verlust», sagt Guttmann. «Kinder sehen zuerst nur, was sie verlieren: Der neue Partner schläft im Bett der Mutter.

Die Kinder haben das Gefühl, er nehme ihnen den Platz weg.» Deshalb sei es normal, sagt Henri Guttmann, wenn Kinder in Patchwork-Familien zuerst vorsichtig oder gar feindselig auf den neuen Partner oder die neue Partnerin reagieren. Der Familientherapeut sagt: «Es braucht mindestens zwei Jahre, bis eine Patchwork-Familie zusammenwächst.»


Die Probleme begannen, als der Bub in die Pubertät kam

Bei Phyllis und Andreas Mark aus Besenbüren AG verlief das Zusammenwachsen zuerst problemlos. Phyllis Mark berichtet: «Mein Sohn Severin sagte zu Andreas nach etwa zwei Jahren Papa.» Severin war zwei, als die Patchwork-Familie eine gemeinsame Wohnung bezog. Erst als Severin in die Pubertät kam, war es aus mit der Harmonie.

Andreas Mark erinnert sich: «Severin liess sich von mir plötzlich nichts mehr sagen.» In den Ferien habe es «gefetzt», wenn sie zu dritt waren. Phyllis Mark sagt: «Severin betrachtete seinen Stiefvater als Konkurrenten. Er drängte sich zwischen mich und Andreas – bis ich motzte und sagte: Wir sind eine Familie. Ich will, dass wir miteinander auskommen.»

Dank regelmässiger Familienkonferenzen bekam Familie Mark die Situation in den Griff. Phyllis Mark: «Ich übernahm bei gewichtigen Themen wie Ausgang oder Schule die alleinige Verantwortung für Severins Erziehung. Seither ist die Stimmung in unserer Familie sehr gut.» Phyllis und Andreas Mark haben mittlerweile noch zwei gemeinsame Kinder.

Paartherapeut Guttmann empfiehlt, dass der neue Partner in einer Patchwork-Familie zu den Kindern, die nicht seine eigenen sind, eine freundschaftliche Beziehung aufbaut: «Das geht am besten, wenn man miteinander spielt oder etwas unternimmt.» Guttmann stellt klar: «Der neue Partner soll in den ersten zwei Jahren keine erzieherischen Aufgaben übernehmen. Die Kinder brauchen keinen Ersatzvater beziehungsweise eine Ersatzmutter.»

Wenn Kinder neue Partner längere Zeit als Konkurrenz sehen und feindselig behandeln, dürfe sich die Mutter nicht vor ihre Kinder stellen, so Guttmann: Sie müsse sich mit ihrem Partner solidarisieren. Der Familientherapeut erklärt: «In einer Patchwork-Familie gilt: Die gesunde Paarbeziehung kommt vor der Kinderbeziehung.» Andernfalls könnte sich der von den Kindern angefeindete Partner zurückziehen – und die Beziehung scheitert.

Silvana und Andreas Berger aus Elsau ZH leben mit fünf Teenagern unter einem Dach: Zwei davon stammen aus Silvana Bergers erster Ehe, drei sind Andreas Bergers Kinder aus seiner früheren Beziehung. Je ein weiteres Kind wohnt zudem beim anderen Elternteil. Silvana Berger sagt: «Wir haben es gut miteinander.» Auch bei den Bergers waren aber viele Verhandlungen nötig, um die beiden Familienteile «auf  einen Nenner zu bringen», wie sich Silvana Berger ausdrückt: «Alle Mitglieder müssen kompromissbereit und tolerant sein. Man kann seine eigenen Wertvorstellungen nicht stur durchsetzen.»

Unterschiedliche Meinungen gab es etwa beim TV-Konsum: «Meine Kinder durften nur mit meiner Erlaubnis fernsehen», sagt Silvana Berger. «Die Kinder meines Partners hatten mehr Freiheit.» Damit sich alle Kinder gerecht behandelt fühlten, räumte Silvana Berger ihren Kindern die gleichen TV-Freiheiten ein.

Wie viele Patchwork-Familien in der Schweiz leben, weiss niemand. Fachleute schätzen, dass etwa jede siebte Familie zusammengewürfelt ist. Wegen der damit verbundenen Herausforderungen ist die Trennungsrate hoch: Henri Guttmann schätzt, dass sich rund 60 Prozent der Partner, die als Patchwork-Familie zusammenleben, wieder trennen.

Dennoch ermutigt er alleinerziehende Eltern zu Patchwork: «Den Kindern geht es besser, wenn die Eltern wieder glücklich sind, weil sie eine Beziehung führen können.» Der Therapeut rät, mit dem Eingehen einer neuen Beziehung nicht zu warten, bis Kinder in die Pubertät kommen: «Je jünger sie sind, umso einfacher ist es, eine Patchwork-Familie zu gründen. Denn Kinder sind toleranter als Jugendliche.»


Tipps: Patchwork-Familie: So klappt das Zusammenleben besser

  • Stellen Sie Ihre neue Liebe Ihren Kindern erst dann vor, wenn Sie sicher sind, dass Sie langfristig zusammenbleiben wollen.
  • Ihr Kind sollte regelmässig Kontakt mit Ihrem Expartner haben. Gehen Sie zum Paartherapeuten, wenn Streit dies erschwert.
  • Übernehmen Sie in den ersten zwei Jahren keine erzieherischen Aufgaben für Kinder, die nicht Ihre eigenen sind.
  • Bauen Sie ein freundschaftliches Verhältnis zu den Kindern Ihrer Partnerin/Ihres Partners auf. Die Kinder haben in der Regel einen Vater oder eine Mutter – sie brauchen keinen Ersatz.
  • Haben Sie Geduld: Es dauert mindestens zwei Jahre, bis die Teile einer Patchwork-Familie sich als Einheit verstehen.
  • Eltern in einer Patchwork-Familie brauchen regelmässig Zeit zu zweit: Verreisen Sie jedes Jahr eine Woche ohne Kinder.
  • Bei Problemen: Holen Sie Rat bei einem Familientherapeuten.



Infos, Adressen

  • Selbsthilfegruppen: Kanton Zürich, Tel. 043 288 88 88, Kanton Thurgau Tel. 071 620 10 00.
  • Sie können sich mit anderen Patchwork-Familien austauschen unter www.patchwork-familie.ch.

17. Januar 2010 | Andreas Gossweiler, Redaktion Gesundheitstipp


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