Als rundum zufriedener und gesunder, aber neugieriger Mensch, besuchte ich kürzlich eine Gesundheits & Esoterik-Messe. Um es vorweg zu nehmen, ich bin alles andere als ein Esoterik-Fan. Ich glaube an die „exakten Wissenschaften“. Mit anderen Worten: Wunder gibt es nicht. Für heute Unerklärliches, gibt es in einigen Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten so sicher wie das Amen in der Kirche eine fundierte wissenschaftliche Erklärung. Also auf in die Welt des Übersinnlichen: Ob es ihre Augen sind? Ihr Hang zu bunten Kleidern? Das astral anmutende Lächeln? Irgendwie sehen sie jedenfalls ein geheimnisvolles bisschen anders aus als Besucher herkömmlicher Messen -- die Gäste der Gesundheits- und Esoterikmesse. Harmonisch wird durch die Messehalle gewandelt, nirgendwo wird man von Esoterik-Rowdys angerempelt, es herrscht eine wohlig ausbalancierte Ambiance. Und ich staune. Anlässlich eines Vortrages nimmt ein Medium Namens „Anna“ im Trance Kontakt auf mit einem gewissen Engel „Lailah„. Als der Kontakt steht, dürfen Fragen gestellt werden. Der Engel antwortet derart lieb, dass einige der Anwesenden in ein Schluchzen ausbrechen. Ich ergreife die Flucht und stehe plötzlich vor einem etwas spartanisch eingerichteten Messestand. Auf einem Stuhl sitzt eine Frau mit geschlossenen Augen. Vor ihr steht ein Mann, konzentriert damit beschäftigt, der Frau mit beiden Händen etwas aus ihrem Bauch zu entfernen. Ohne sie zu berühren entnimmt er dem Bauch in kurzen Abständen irgend ein unsichtbares „Etwas“ und wirft es auf den Boden. Geschockt will ich den Mann darauf aufmerksam machen, die unsichtbaren Innereien wenigstens in einem Plastikbecken zu entsorgen und diese unangenehme Arbeit nicht dem abendlichen Reinigungspersonal zu überlassen. Nur Dank Intervention meiner Frau habe ich mich zurückgehalten und geschwiegen. Schließlich bin ich ein lieber Mensch und will niemanden beleidigen. Munter geht es weiter zu einem funkelnden güldenen Pyramidengerüst, in dessen Inneren eine bequeme Liegegelegenheit eingerichtet worden ist. Eine Frau mit verklärtem Blick äußert den Wunsch, von ihrer „Stufe“ abgeholt zu werden und schon verschwindet sie unter dem Messegestell und verfällt nullkommaplötzlich in einen Dämmerzustand. Den ehrfürchtig staunenden Zuschauern wird erklärt, dass die Frau nun unter der Obhut Abrahams stehe und sich das in der Pyramidenspitze befestigte Fläschchen in ihre Aura einschwingen würde. Ich bekunde etwas Mühe, das alles zu verstehen und wende mich interessiert den unzähligen vollbeschäftigten Hand- und Kartenlesern zu. Zwangsläufig werde ich Zeuge von Entscheidungsfragen wie: <was kommt auf mich zu, finde ich einen neuen Job, wie wird sich mein Leben entwickeln, warum hat mich mein Mann/Freund/Frau/Freundin verlassen, etc.>. Und dann die obligaten Antworten: <es sieht nicht schlecht aus, aber weitere Sitzungen ...!!> Als ich auch das einigermaßen verdaut habe, verschlägt es mich noch an den Vortrag einer russischen Kundalinmeisterin. Obwohl „Galina“ so nennt sich die nicht mehr ganz taufrische Russin, der russischen Tradition der Schamanen und Geistheiler entstammt, verstehe ich nur noch Bahnhof. Meine grauen Hirnzellen verweigern ihren Dienst und streiken! So wie es aussieht, ist mein niedriges „Selbst“ noch meilenweit von meinem höheren „Selbst“ entfernt. Zerknirscht verlasse ich den Raum und konsultiere noch einmal das Messeprogramm. Und ich werde fündig. Ein Vortrag über „Spuk“ weckt meine Neugier. Auch der Referent, ein ex. Nationalrat, immerhin diplomierter ETH Ingenieur-Agronom, interessiert mich. Während rund 30 Minuten schwafelt der gute Mann von irgendwelchen unerklärlichen Phänomenen -- Alltagsgegenständen die in Häusern durch die Luft fliegen, komischen Geräuschen wie klopfen, dröhnen, knallen, flackernde Lichter, Türen die sich ohne Fremdeinwirkung unvermittelt öffnen und noch vieles mehr. Anschließend an den Vortrag sind Fragen erlaubt. Schüchtern melde ich mich zu Wort und frage den netten Herrn: <ob ich ihn nicht einmal begleiten dürfte bei seinen Besuchen in spukenden Häusern?>. Ich hege so meine leichten Zweifel an den kurligen Vorkommnissen. Sollte sich jedoch die Möglichkeit ergeben, im besten Fall sogar ein aufschlussreiches Gespräch mit einem Poltergeist zu führen, bin ich zu allem bereit. Sichtlich erfreut ob soviel Interesse bittet mich der ex. Nationalrat um meine Telefonnummer. Er werde sich melden! Jetzt warten wir mal ab und hoffe, dass ich die Geister mit meinen Zweifeln nicht zu sehr erzürnt habe. Auf einen Besuch bei den Aura Fotografen verzichte ich aus Zeitgründen, obwohl ein Blick in meine Seele und eine persönliche Analyse meiner Aura vielleicht erstaunliches an den Tag gebracht hätte. Kurz entschlossen peile ich deshalb eine ebenfalls im Programm erwähnte nicht ganz unwichtige Wirkungsstätte an und erhole mich von den Eindrücken und dem Erlebten gemeinsam mit dem römischen Weingott „Bacchus“ und dem Weingeist „Ethanol“ bei einer absolut irdischen Flasche Wein aus dem Wallis im Messebistro! Derweilen füllen sich die Kassen der Aussteller kontinuierlich -- 50 Franken für eine Viertelstunde Kartenlegen, 90 Franken für eine Klangschalen-Kurztherapie, 20 Franken für eine Computer- Handlese-Analyse. Und nicht ganz unwesentlich, die vielen Anmeldungen von Messebesuchern zu mehrtägigen Seminaren und Wokshops für tausende von Franken. Esoterik kostet. Glück und Unbeschwertheit wollen verdient sein! Leider tummeln sich in der Esoterikszene und an solchen Messen immer wieder Scharlatane. Für viele bedauernswerte psychisch und physisch Kranke sind sogenannte Heiler manchmal der letzte Strohhalm an den sie sich klammern und das wird von gewissenlosen Betrügern schamlos ausgenutzt. Unter diesem Gesichtspunkt verstehe ich meinen, zugegeben etwas sarkastischen Beitrag in diesem Forum.