Autoindustrie hält Dieselfilter zurück

saldo 10/2002 vom

Feinstaubpartikel von Autoabgasen dringen tief in die Lunge ein und lösen Krebs aus. Die Gefahr nimmt künftig noch zu, weil wirksame Filter nicht serienmässig eingebaut werden.

Das Bild ist jedem Velofahrer oder Fussgänger vertraut: Der Motor startet, mit einer Rauchwolke fährt der Lastwagen weg. Millionen Partikelchen, so genannter Feinstaub, werden von Auto- und Lastwagenaus- puffen in die Luft geblasen.

Als besonders gefährlich gilt Feinstaub, der kleiner ist als 10 Mikrometer (10 µm). Diese kleinsten Partikel, so genanntes PM10, gelangen beim Einatmen tief in Lunge und Bronchien. Mit gefährlichen Folgen für den Menschen: Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Luftverschmutzung durch PM10 mittlerweile als Hauptproblem der europäischen Umweltbelastung ein.


Die Grenzwerte werden laufend überschritten

Diese Einschätzung bestätigten die Resultate einer Studie von Ende März: Die US-Ärztevereinigung verfolgte über 16 Jahre lang den Gesundheitszustand von 500 000 Erwachsenen. Fazit der Studie: «Feinstaub verursacht Herzrhythmusfehler, Krebs und vorzeitigen Tod. Jeder Anstieg um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter (10 µg/m3) führt zu 8 Prozent mehr Todesfällen infolge Lungenkrebs.»

Die Schweiz hat erst vor vier Jahren Grenzwerte eingeführt: Seit 1998 darf die Luft im Jahresdurchschnitt mit nicht mehr als 20 µg/m3 verschmutzt sein. Dieser Wert wird aber laut Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) an stark befahrenen Strassen, in Agglomerationen und in Städten überschritten. Laut dem international renommierten Forscher Nino Künzli vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Regionen, die zu stark mit Feinstaub verschmutzt sind.


Mehr Tote durch Feinstaub als durch Verkehrsunfälle

Bei städtischen Strassen stammen 45 bis 65 Prozent der PM10-Immissionen von Autos und Lastwagen. Dies haben Messungen der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa) gezeigt. Der Rest entfällt auf Baumaschinen, Reifenabrieb oder Luft- und Bahnverkehr. Harald Jenk vom Buwal bestätigt: «Die Abgasbelastung durch Feinstaub ist grösstenteils ein Abbild des Strassenverkehrs.»

Künzli hat die gesundheitlichen Schäden für den Bund berechnet, die zu Lasten der Luftverschmutzung gehen. Sein erschreckender Befund: «Jährlich sterben in der Schweiz rund 3300 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung - wichtig ist dabei vor allem der Feinstaub. Das sind mehr als die Opfer von tödlichen Verkehrsunfällen.» Künzli rechnet aufgrund der PM10-Abgase zudem mit 87 000 Asthma-Anfällen jährlich.

Die Folgen sieht Arzt Bernhard Aufdereggen in seiner Praxis in Visp VS. «Asthma und chronische Bronchitis haben unter Älteren und Kindern dramatisch zugenommen. Mit Feinstaub verdreckte Luft verschlimmert die Situation: Die Betroffenen brauchen mehr Medikamente gegen Asthmaanfälle, ihre Atemorgane entzünden sich.»


Peugeot-Filter hält 99,9 Prozent des Feinstaubes zurück

Fachleute gehen davon aus, dass das Problem künftig noch zunimmt. Der Grund: Automobilverbände wie der TCS oder die Vereinigung Schweizer Automobil-Importeure (Auto-Schweiz) pro- pagieren den Kauf von Dieselautos. Denn die Importeure haben mit dem Bund vereinbart, dass bis 2008 der Durchschnittsverbrauch von 8,4 auf 6,4 Liter pro 100 Kilometer sinken muss. Tony Wohlgensinger, Präsident Auto-Schweiz: «Um die Treibstoffvereinbarung einzuhalten, muss der Dieselanteil bei Neuwagen von 4 auf 25 Prozent ansteigen.»

Zwar verbrauchen moderne Dieselautos bis 30 Prozent weniger «Most» als Benziner, doch sind sie Dreckschleudern: Laut Forscher Künzli verpesten sie die Luft mit bis 1000-mal mehr Feinstaub als Benzinfahrzeuge.

Das Buwal hat für saldo die Konsequenzen für den Fall errechnet, dass auf den Strassen statt wie heute jedes zwanzigste im Jahr 2010 jedes vierte Auto Dieselantrieb hätte. «Die PM10-Abgase würden um etwa 50 Prozent auf 450 Tonnen ansteigen, anstatt auf die prognostizierten 155 Tonnen zu sinken.»

Doch bereits heute gäbe es für Dieselfahrzeuge eine Alternative: Bisher setzt der PSA-Konzern (Peugeot und Citroën) als Einziger einen marktreifen Partikelfilter serienmässig in verschiedenen Modellen ein. Beim Fahrtest des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs mit dem Peugeot 607 Hdi über 80 000 Kilometer hielt der Filter 99,9 Prozent der Feinstaubpartikel zurück. Die Herstellungskosten belaufen sich auf nur 850 Franken. Zudem stellen solche Filter laut Mathias Tellenbach, Sektionschef Industrie- und Gewerbeabfälle beim Buwal, kein Entsorgungsproblem dar. Sie könnten in speziellen Verbrennungsanlagen problemlos entsorgt werden. Die Industrie wehrt sich jedoch gegen die Einführung der Filtersysteme - angeblich wegen zu hoher Entwicklungskosten.

Dieses Argument gegen den breiten Einsatz von Partikelfiltern lässt Professor Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes, nicht gelten: «Die Mehrkosten für den Filter sind bei serienmässigem Einbau für den Käufer praktisch nicht spürbar. Die Industrie sollte neue Dieselautos endlich mit Partikelfiltern ausrüsten. Das würde die Diskussion über Gesundheitsgefahren endlich beenden.»

Denn die Zeit drängt. Die Basler Forscherin und Präsidentin der Eidgenössischen Lufthygienekommission, Ursula Ackermann-Liebrich, warnt: «Bis dank strengeren Abgasvorschriften die Feinstaubkonzentration abnimmt, wird es schätzungsweise 2015. So lange können wir nicht warten.»

Marc Meschenmoser, Max Fischer



Luftverschmutzung - "Erste Schritte sind gemacht"

saldo: Die Automobilindustrie will mit einem Vorstoss im Parlament erreichen, dass Dieselbenzin um 25 Rappen pro Liter billiger wird und Benzin teurer. Was versprechen Sie sich davon?

Hans-Peter Schick: Das würde einen Anreiz für Konsumenten schaffen, künftig Dieselautos zu kaufen. Diese verbrauchen weniger Treibstoff als Benzinfahrzeuge. Zudem ist das eine Massnahme, um den Ausstoss von Kohlendioxid (CO2) zu reduzieren. Doch das ist nur möglich, wenn der Anteil von Dieselfahrzeugen an neu gekauften Autos auf 25 Prozent ansteigt.


Dieselfahrzeuge stossen jedoch bis zu 1000-mal mehr gesundheitsschädigende Feinstaubpartikel aus als Benziner. Mit dem rasanten Anstieg von Dieselfahrzeugen nimmt die Autoindustrie Hunderte von Tonnen Feinstaub zusätzlich in Kauf.

Es stimmt, dass Dieselautos mehr Partikel und Russ ausstossen als andere. Deshalb wird ab Anfang 2004 schwefelarmer Diesel und ebensolches Benzin an den Tankstellen eingeführt. Die strengere Abgasvorschrift Euro 4 reduziert den Partikelausstoss der neuen Diesel-PWs auf Anfang 2006 um die Hälfte.


Umweltfachleute werfen der Autoindustrie vor, sie verzögere die Entwicklung sauberer Dieselautos mit Partikelfiltern.

Das stimmt nicht. Erste Schritte sind gemacht: Beispielsweise hat Peugeot bereits sehr effiziente Partikelfilter, Ford arbeitet ebenfalls daran, andere entwickeln neue, sauberere Motoren, um künftige Abgasvorschriften einzuhalten. Es geht also etwas.


Laut Klimafachleuten vergehen mindestens 10 Jahre, bis die von Ihnen genannten Massnahmen voll wirken. Berechnungen des Bundes zeigen aber, dass bereits heute jährlich 3300 Menschen infolge der Luftverschmutzung sterben. Haben wir noch so viel Zeit?

Die Massnahmen wirken meiner Ansicht nach rascher. Wenn das mit den 3300 Toten stimmen würde, hätten unsere Nachbarländer mit höherem Dieselanteil schon lange reagiert.

MM



Vergünstigungen - Geld sparen mit sparsamen Autos

Vier Kantone gehen voran und fördern Autos mit weniger Treibstoffverbrauch und besseren Abgaswerten. In Luzern und Basel-Stadt zahlen umweltbewusste Autofahrer weniger Motorfahrzeugsteuern, in Genf gar keine (Verbrauch unter 5,4 Liter/100 km). Bedingung: Das Fahrzeug muss die strengere Abgasnorm Euro 4 einhalten. Am fortschrittlichsten ist der Kanton Tessin: Käufer erhalten einen Preisnachlass. Die Fahrzeuge dürfen zudem die Luft mit nicht mehr als 120 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro Kilometer verschmutzen. Verbilligungen zwischen 1400 und 2800 Franken gibt es bei: Suzuki Alto, Toyota Prius Hybrid, Opel Astra und Corsa Eco, VW Lupo FSI und TDI, Smart 800 Diesel und Audi A2 Diesel. Elektromobile unterstützt der Kanton mit 17 000 Franken. Projektleiter Raffaele Domeniconi: «Ziel ist, dass die Tessiner bestehende Fahrzeuge durch sauberere ersetzen.»
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