Erst Depression, dann tote Hose

Gesundheitstipp 02/2010 vom

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Medikamente wie Cipralex und Citalopram können das Sexleben nachhaltig stören. Oft bleibt die Lust auch weg, nachdem Patienten das Mittel abgesetzt haben. Doch Hinweise auf den Beipackzetteln fehlen.

Martin Vollmer (Name geändert) war 21 Jahre alt, als ihm die Psychiaterin Citalopram gegen seine Depressionen verschrieb. Citalopram gehört zu den sogenannten SSRI-Medikamenten – den Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Doch schon kurze Zeit später spürte Vollmer, wie seine Lust auf Sex abnahm. Zudem bekam der junge Mann Erektionsprobleme. Nach neun Monaten hatte Vollmer genug. Er setzte das Antidepressivum langsam ab. Doch die Sexualstörungen verschwanden nicht. Und nicht nur das: «Auch emotional blieb ich abgestumpft», sagt Vollmer.


Lebensqualität auf dem Tiefpunkt

Die Lebensqualität von Martin Vollmer war kurz vor dem Nullpunkt, sein Selbstbewusstsein am Boden: «Ich weiche jeder Beziehung aus. Mein Leben erscheint mir langweilig und lustlos.» Ihn ärgert auch, dass seine Ärztin ihn vor der Behandlung nicht über diese Risiken aufgeklärt hatte. Martin Vollmer ist kein Einzelfall. Vor allem in Deutschland und England haben sich Betroffene in Gruppen zusammengeschlossen.

Das Phänomen nennt sich PSSD, oder übersetzt: Sexualstörungen nach SSRI-Medikamenten. Zu den SSRI-Medikamenten gehören neben Citalopram auch Deroxat, Floxyfral oder Cipralex. Wissenschaftliche Untersuchungen über die Störung gibt es allerdings nur wenige. Die Pharmakologin und Professorin Alexandra Delini-Stula aus Basel bestätigt: «PSSD ist schlecht erforscht.» Die Störung sei aber eher selten. Patienten hätten zudem eine Veranlagung: «Die Medikamente sind vermutlich Auslöser.»

Tierversuche haben allerdings bereits bestätigt, dass SSRI-Medikamente gegen Depressionen zu dauerhaften Sexualstörungen führen können. Für Delini-Stula ist deshalb klar: «Ein Hinweis im Beipackzettel der Medikamente auf mögliche PSSD wäre angebracht.» Dies fordert auch Peter Bäurle, Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Aadorf TG: «Das ist nötig, weil Patienten dadurch erheblich beeinträchtigt sind.» Denn Therapien gibt es für Betroffene kaum.


Starke Medikamente nur bei schweren Depressionen

Bäurle warnt deshalb vor zu schnellem Einsatz der SSRI-Medikamente: «Sie sind in erster Linie schweren Depressionen vorbehalten.» In diesen Fällen können sie Suizide verhindern, aber auch dies nur in Kombination mit einer Psychotherapie. Bei leichten und mittelstarken Depressionen genüge hingegen eine Psychotherapie ohne die starken Medikamente. Bäurle: «Johanniskraut-Präparate und Omega-3-Fettsäuren können in solchen Fällen die Therapie unterstützen.»

SSRI-Medikamente sind in der Vergangenheit auch wegen anderer Nebenwirkungen in die Schlagzeilen geraten: Appetitlosigkeit, Erbrechen, Blutungen im Magen-Darm-Trakt. Für depressive Jugendliche sind SSRI-Medikamente nicht mehr zugelassen. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass sie – von wenigen Ausnahmen abgesehen – das Suizid-Risiko gar erhöhen.


Pharma-Hersteller wollen keine Stellung nehmen

Sandoz Pharmazeuticals, Herstellerin von Citalopram, wollte gegenüber dem Gesundheitstipp keine Stellungnahme abgeben. Auch die Solvay Pharma nicht, Herstellerin von Floxyfral. Die Firma Lundbeck, Herstellerin von Cipralex, schreibt: «PSSD ist kaum untersucht und beruht auf Fallberichten.» Man könne deshalb nicht beurteilen, ob tatsächlich das Medikament dafür verantwortlich sei. Die Firma räumt aber ein: «Zukünftige Antidepressiva ohne sexuelle Nebenwirkungen sind gefragt.»


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Kommentare

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von Dulox am
14.07.2013, 14:31

AD ohne sexuelle Dysfunktion

Der Wirkstoff Moclobemid ist ein Antidepressivum, das keine sexuellen Nebenwirkungen hat. Ich habe es selbst einmal eingenommen. Die anderen Wirkstoffe, die ich selbst aus eigener Erfahrung kenne, wie Citalopram (SSRI), Clomipramin (Trizyklisches AD) und Duloxetin (SNRI), haben alle drei bei mir sexuelle Nebenwirkungen gehabt, am allermeisten Citalopram. SSRI haben wenn ich mich nicht irre, aber da bin ich mir fast ganz sicher, die stärksten sexuellen Nebenwirkungen. Allerdings hatte Moclobemid bei mir eine zu schwache antriebssteigernde Wirkung gehabt und eine Kombination mit anderen AD mit diesem Wirkstoff ist kontaindiziert. Die sexuelle Nebenwirkung bei Clomipramin ist meiner Erfahrung nach weniger ausgeprägt als bei Duloxetin.

von Cynthia am
12.08.2011, 23:04

Floxyfral gehörte verboten

In den USA, Japan... ist es bereits zurückgezogen, nur in einigen wenigen Ländern, darunter die Schweiz, ist es noch zugelassen. Ich selbst bin vor einigen Monaten fast daran gestorben. Da half nur noch ein Anruf auf Tel. 144 (es war Sonntag), und dann am Dienstag ein Besuch bei meinem Hausarzt (auch unter anderen SSRI-Medikamenten hatte ich 8 Jahre gelitten : Blutungen, Paresie...). Jetzt habe ich Citalopram, nur 20mg pro Tag, und es geht mir gut. Da die Halbwertszeit bei zwischen 19-45 Stunden liegt, überlege ich mir, ob ich vielleicht einmal pro Woche nur eine halbe Tablette nehmen sollte, ich werde das mit meinem Hausarzt besprechen.

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