Fragwürdige Schnüffeleien im Privatleben von Unfallopfern

saldo 7/2007 vom

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saldo-Recherchen zeigen: Die Schweizer Versicherungen lassen pro Jahr Hunderte von Unfallopfern bespitzeln.

Allein die Z?rich l?sst nach eigenen Angaben rund 60 Unfallopfer pro Jahr zeitweise von Detektiven beobachten, um sie je nach Ergebnis als Versicherungsbetr?ger entlarven zu k?nnen. Tendenz: steigend. Bei der Mobiliar sind es bis zu 20 Beobachtungen. Die anderen grossen Versicherungen geben keine Zahlen heraus.

Insgesamt veranlassen die Schweizer Versicherungen gem?ss Sch?tzungen von Insidern bis zu 500 ?berwachungen pro Jahr. Sie engagieren Detektive vor allem in F?llen, in denen sie nach einem Unfall f?r Taggelder und Renten aufkommen m?ssten. Viele betroffene Unfallopfer erfahren auch nachtr?glich von der Bespitzelung nichts. Der Leiter der Missbrauchsabteilung der Z?rich, Werner Kaderli, behauptet jedoch: «In den meisten F?llen orientiert die Z?rich die Observierten oder ihren Anwalt.»


Winterthur: Aufwendige ?berwachungen

Ex-Mitarbeiter von Versicherungen kritisieren diese Praxis. Ein ehemaliger Schadenleiter, der anonym bleiben will, sagt: «Schon bei der Anordnung der ?berwachung herrscht oft Willk?r.» Die wenigsten Versicherungen h?tten daf?r verbindliche Kriterien. Manchmal w?rden Sachbearbeiter auch gef?hlsm?ssig entscheiden.

Beispiel Daniel H?rtenstein. Der 30-j?hrige EDV-Fachmann aus Tann ZH erlitt ohne Verschulden zwei Autounf?lle. Seine Arbeitsunf?higkeit wurde von ?rztlichen Gutachtern best?tigt. Doch die Winterthur wollte keine Unfalltaggelder zahlen und liess ihn von Detektiven beobachten. Sogar einen Lockvogel bot die Versicherung auf, um ihn als Betreiber eines Internet-Begleitservices zu ?berf?hren. Ergebnis der aufwendigen Ermittlungen: Videoaufnahmen und Bericht belegen, dass H?rtenstein kurze Strecken Auto f?hrt und einen Migros-Sack mit Salat tragen kann. Sonst nichts. Vielmehr entlastet ein Video H?rtenstein sogar, da man sieht, wie sein Schwiegervater, ein ?lterer Mann, einen Tisch alleine schleppt und H?rtenstein nebenherl?uft.

H?rtenstein sieht sich zu Unrecht verd?chtigt und Rechtskonsulent Rolf Hofmann h?lt die ?berwachung f?r eine Farce: «Da kam nichts dabei heraus.» Die Winterthur will sich zu dem Fall nicht ?ussern, da er noch pendent sei. Der Leiter der Missbrauchsbek?mpfungs-Abteilung, Roberto Franzi, betont aber, dass bei jeder ?berwachung ein «begr?ndeter Anfangsverdacht» vorliege: «Die Observierung ist unser letztes Mittel, um F?lle abzukl?ren.» Auch werde jede ?berwachung intern von Vorgesetzten abgesegnet.


Per Zufall GPS-Sender unter dem Auto entdeckt

Es gibt Anhaltspunkte, dass Detektive nicht korrekt vorgehen. So entdeckte eine Winterthurerin an der Unterseite ihres Wagens einen GPS-Sender Marke Microtracker. Dieser sendet automatisch Positionsdaten an eine Telefonnummer. Die Polizei fand den Besitzer des Ger?ts heraus: Es war eine Ermittlungsfirma, die ?fter f?r die Winterthur-Versicherungen arbeitet.

Der Anwalt der Betroffenen, Herbert Schober, h?lt es f?r gut m?glich, dass eine Versicherung seine Mandantin ?berwachen l?sst, um nicht zahlen zu m?ssen. Schliesslich streitet die Frau zurzeit mit den Versicherungen ?ber die H?he der Rente, die ihr nach zwei Unf?llen zusteht. «Egal, wer das veranlasst hat, das ist eine klare Pers?nlichkeitsverletzung», sagt Schober. Die Versicherungsvertreter betonen, dass sie bei den ?berwachungen peinlich genau auf die Gesetze achten. Werner Kaderli von der Z?rich sagt:
«Wir verwerten nur legales Material.»

Ronald Pedergnana, Anwalt in St. Gallen, kritisiert die Detektivberichte: «Bei vielen ?berwachungen werden Fakten aufgebauscht, Unwahrheiten behauptet, falsche Schl?sse gezogen.» Das deckt sich mit der Erfahrung des Ex-Schadenleiters: «Versicherungen erhalten von ?berwachern selten unbefangene Informationen. Der Erfolgsdruck f?hrt zu tendenzi?sen Berichten.» Immerhin kassiert ein Detektiv pro Auftrag 10 000 bis 15 000 Franken.

Ein Beispiel f?r Verf?lschungen: Im Wallis belauerte ein Detektiv f?r eine grosse Versicherung eine Frau, die einen Auffahrunfall erlitten hatte. Nach dem Tod ihres Vaters traf sich die Trauerfamilie schwarz gekleidet um 12 Uhr zum Essen in einem Restaurant. Das Leidmahl wird vom Detektiv als gesellige Zusammenkunft interpretiert: «Dort hat die Frau begleitet von anderen Personen das Mittagessen eingenommen.» Nachmittags beobachtet er, wie die Frau ihr Kind in die Schule bringt. Er schreibt: «Danach wurde an diesem Tag in der Schule Fasnacht gefeiert.» Eine kuriose Fehleinsch?tzung, findet die Beobachtete, die sich «an ihre schwarz verschmierten Augen» an diesem Tag erinnert. Hinweise, dass sie ihre Leiden simulierte, fanden die ?berwacher nicht.

Die Z?rich bestreitet, dass einseitig ermittelt wird. Werner Kaderli: «Wir wollen nur erfahren, ob sich der Verdacht best?tigt oder nicht.» Und die Winterthur breche, so Franzi, die ?berwachung sofort ab, wenn sich ein Verdacht nicht erh?rte. «Wenn wir die Forderung der Versicherten ablehnen, haben unsere Observationen auch stichhaltige Beweise erbracht.»


«Nur einer von zehn F?llen war ein Betrugsfall»

Das bezweifeln Kritiker wie der Anwalt Pedergnana. Klar gebe es Betrugsf?lle: «Oft kommt bei ?berwachungen aber nichts Eindeutiges heraus. Ich habe noch nie erlebt, dass das eine Versicherung zugibt.» Dass viele ?berwachungen nichts ergeben, war auch die Erfahrung des Ex-Schadenleiters: «Unter zehn F?llen von Bespitzelung war nur ein einziger Betrugsfall.»

Gleichwohl behaupten Mobiliar und Z?rich, dass ?berwachungen in «bis zu 80 Prozent der F?lle» Hinweise f?r ein betr?gerisches Verhalten des Observierten liefern. Die Winterthur hat nach eigenen Angaben in den «allermeisten F?llen» Erfolg, Generali spricht gar «von einer Erfolgsquote von nahezu 100 Prozent».

Hinter den Erfolgsmeldungen vermuten Kritiker Kalk?l. «Die Versicherungen wollen mit Medienberichten ?ber ihre Erfolge potenzielle Betr?ger abschrecken. Zudem wollen sie Anw?lte und Gesch?digte einsch?chtern, um bei Verhandlungen die Leistungen besser dr?cken zu k?nnen», bilanziert Anwalt Herbert Schober.



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“Ich habe nie mehr einen Wagen gespenglert”

Die Winterthur Versicherungen liessen Stephen D. tagelang ?berwachen. Ergebnis: Unterschlagene Fakten und ?bertriebene Schlussfolgerungen.

Gleich zweimal, im Juni und Oktober 2004, liess die Winterthur Stephen D. von Detektiven observieren. Sie verd?chtigte ihn, er habe weiter als selbst?ndiger Spengler und Mechaniker gearbeitet, obwohl die Suva ihn als 100 Prozent arbeitsunf?hig einstufte. Zwischen 1991 und 1998 war er ohne eigene Schuld in vier Autounf?lle verwickelt. Seitdem ist sein linker Arm kaputt, er leidet an chronischen Schmerzen, Schwindel, Kopfweh, Konzentrationsschwierigkeiten. F?r zwei der Unf?lle m?sste die Winterthur geradestehen.

An insgesamt zehn Tagen sah ein Detektiv im Auftrag der Winterthur Stephen D. seine Garage in der N?he von Z?rich betreten und erst Stunden sp?ter wieder herauskommen. Sie r?umen im Bericht ein: «Es ist von aussen nicht einsehbar, was die Zielperson im Innern der Garage t?tigt.»

Konkret auf Video und Papier festgehalten haben die Detektive, wie D. im Freien Kontrollschilder wechselt, Auto f?hrt, sich ?ber offene Motorhauben beugt. Mehr nicht. «Ich habe nie mehr einen Wagen gespenglert oder repariert, weil ich das nicht mehr kann», sagt D. «Die ?berwachungsberichte und -videos sind v?llig ?berinterpretiert, belegen aber nichts», sagt D.s Anwalt Ronald Pedergnana.
Entlastendes haben die Detektive weggelassen: So zeigt ein Video, wie D. die Fahrert?r eines Smart ?ffnet, und zwar h?chst umst?ndlich mit der rechten Hand statt der l?dierten linken. Im Bericht steht davon nichts.

Dennoch verweigert die Winterthur die Leistungen. Begr?ndung: Es bestehe kein Zusammenhang zwischen «ihren» beiden Unf?llen und Stephen D.s k?rperlicher Beeintr?chtigung.

Stephen D., Schaffhausen
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