Hormone - "Wundermittelchen" Testosteron

saldo 18/2000 vom

Alternde Männer versuchen immer häufiger, dank Hormonmedikamenten jung zu bleiben. Aber Vorsicht: Zu viel Testosteron gefährdet die Gesundheit.

Spritze, Pille und Pflaster: Neue Testosteronprodukte kommen auf den Markt, die Anwendung wird einfacher und bequemer. In den USA gibts bereits ein Testosterongel zu kaufen, das als Körperlotion auf Arme und Bauch verteilt wird - und schon darf Mann davon träumen, auf lange Zeit muskulös, lebenslustig und sexy zu bleiben. "Die Nachfrage ist seit zwei, drei Jahren eindeutig gestiegen", bestätigt der Zürcher Androloge Dr. Christian Sigg. "Nicht nur ältere Männer erkundigen sich, sondern auch viele Frauen, die dann ihre Männer vorbeischicken."

Testosteron ist das wichtigste männliche Hormon. Es wird in den Hoden gebildet und macht - so die Legende - den Mann zum wirklichen Mann. Daran ist vieles wahr: Wenn der Testosteronspiegel in der Pubertät steigt, beginnen Penis und Hoden zu wachsen, die sekundären Geschlechtsmerkmale (Behaarung, Stimmbruch) prägen sich aus. Die Muskulatur wird kräftiger, der Körperbau männlich. Auch das Verhalten ändert sich: Junge Männer werden selbstbewusster, risikofreudiger, aggressiver.

Nach 40 sinkt die Testosteronproduktion jedes Jahr um ein Prozent. Dieser Abbau führt schleichend zur medizinisch umstrittenen Andropause - dem männlichen Pendant zu den Wechseljahren der Frau. Als typische Symptome gelten: Libido- und Potenzverlust, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Leistungsschwäche.

Kann ein Hormonmedikament diesen Abbau stoppen? Dr. Christian Sigg warnt vor unrealistischen Erwartungen: "Testosteron ist kein Zaubermittel, das man schlucken kann, und alle Altersprobleme sind gelöst." Ab 40 sinkt nicht nur der Testosteronspiegel, auch die Produktion von Wachstumshormon und Melatonin geht zurück. Im Gegenzug treten chronische Krankheiten wie Arterienverkalkung oder Diabetes auf - diese dämpfen das Leistungsvermögen zusätzlich.


Überdosierung gefährdet die Gesundheit

Zudem bleibt vorläufig offen, wie hoch Testosteron dosiert werden muss. Es fehlen wissenschaftlich abgesicherte Normwerte für ältere Männer. Ungeklärt ist auch, warum einige Männer mit sehr tiefem Testosteronwert trotzdem voller Saft und Kraft sind. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Patienten, die trotz sehr hohen Werten an schwacher Libido, Antriebslosigkeit und Depressionen leiden.

Nur eines ist klar: "Am höchsten ist nicht am besten!", warnt Dr. Sigg. "Wer übertreibt und viel Testosteron schluckt, wird trotzdem kein Supermann." Grosse Dosen gefährden zudem die Gesundheit. Ein zu hoher Testosteronspiegel könnte Prostatakrebs fördern, das Risiko für Thrombosen und Herzinfarkt steigern und Leberschäden verursachen.

Trotzdem ist Dr. Sigg zuversichtlich. "Sobald wir mehr wissen über die richtige, individuelle Dosierung, wird Testosteron die körperliche, geistige und sexuelle Leistungsfähigkeit steigern", ist er überzeugt. "Die Männer werden mit einer Testosterontherapie zwar nicht länger leben - aber bestimmt besser!"

Konrad Wepfer
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