Jedem seinen Tresor

K-Geld 04/2012 vom

Juan Crespillo erschreckt das Wort Krise nicht. Er lebt von ihr. Der kleine, freundliche Mann verkauft in seinem Geschäft in Madrid Wandsafes. «Vor allem die kleinen für 160 bis 400 Euro verkaufen sich so gut wie noch nie», erzählt er. Ein neuer Kundenkreis habe sein Geschäft entdeckt: die typische Mittelklassefamilie. Crespillo hat eine simple Erklärung dafür: «Die Menschen trauen den Banken immer weniger und verstecken ihr Erspartes lieber zu Hause.»

Täglich wird in der Presse spekuliert, ob das hochverschuldete Spanien zur Pesete zurückkehren muss. Das Angstwort bei diesem Szenario heisst «Corralito». Es kommt aus Argentinien und steht für die Kontosperre in den Jahren 2001/2002. Die von der Regierung damals verfügten Massnahmen sollten das Plündern von Sparkonten und die Kapitalflucht ins Ausland verhindern. Der Sperre ging die Abwertung des argentinischen Pesos voraus. Die Planspiele zum ­Euroausstieg sehen Ähnliches vor.

Der Safe zu Hause ist für viele Spanier der letzte Ausweg. Wer kann, verschiebt sein Geld ins Ausland oder versucht ein Bankschliessfach zu mieten. Doch die Wartelisten bei den wenigen, als solid geltenden Banken werden immer länger.

Auch bei den professionellen Anlegern geht die Angst um. Laut der spanischen ­Zentralbank entzogen sie der Wirtschaft allein in der Zeit von Mai 2011 bis Mai 2012 volle 296 Milliarden Euro. Diese Summe entspricht rund einem Drittel des spanischen Bruttoinlandproduktes des Jahres 2011.

Grosse Tresore für 4000 bis 9000 Euro bieten Feuerschutz und Doppelwand. Gemäss Crespillo verkaufen sie sich schon länger recht gut, allerdings an einen anderen Kundenkreis: In den Jahren des Immobilienbooms wurde manches Geschäft schwarz abgewickelt. Ein ganzes Land spielte Monopoly, kaufte Wohnungen und hoffte auf schnellen Reichtum. Immobilienmakler, Bauherren und Grundstücksbesitzer verdienten Millionen und lagerten das Schwarzgeld in Safes.

Folge: In keinem europäischen Land gibts so viele 500-Euro-Scheine wie in Spanien. Knapp ein Drittel aller 500er-Noten befindet sich in Spanien. Bis zum Ausbruch der Krise  Ende 2007 mussten Monat für Monat Scheine nachgedruckt werden. Kaum waren sie im Umlauf, verschwanden sie schon wieder in irgendeinem Tresor.

Leute, die zu Hause ein grosses Vermögen aufbewahren, kaufen gerne zwei Safes, so Crespillo: «Einen kleinen, der auffällig angebracht wird, und einen grossen, der gut versteckt ist.» Der Grund: «Beim Knacken des ersten Tresors machen die Diebe so viel Lärm, dass die Nachbarn aufmerksam werden. Die Polizei rückt dann meist an, bevor die Diebe merken, dass da nur wenig zu holen ist.»

0

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Artikel verwalten

Dieser Artikel ist folgenden Themen zugeordnet

Weitere Artikel zum Thema

Film: Abschied vom Bargeld

Bargeld? Nein danke!

Zur Geldwäsche geeignet