Krebsgift im Klassenzimmer

Gesundheitstipp 03/2009 vom | aktualisiert am

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Lehrkräfte und Kinder im Schulhaus Hellwies in Volketswil leiden an Bronchitis, Asthma und Krebs. Nun zeigen Messungen: Das Schulhaus ist stark durch giftiges Formaldehyd belastet. Doch der Unterricht geht weiter.

Sechs Jahre lang besuchte Thomas Widmer (Name geändert) die Primarschule Hellwies in Volketswil ZH. In dieser Zeit bekam er immer wieder Atemweginfektionen und hatte Asthma. «Es verging kein Monat, ohne dass Thomas krank war», erinnert sich seine Mutter. «Das war für die ganze Familie sehr belastend.»

Im Schulhaus Hellwies leiden nicht nur Schüler, sondern auch viele Lehrerinnen und Lehrer an Atemweg-Krankheiten. Zum Beispiel die Handarbeitslehrerin Beatrice Cornu, die seit 15 Jahren im Hellwies arbeitet. «Seit ich hier unterrichte, habe ich oft Bronchitis und Reizhusten», sagt sie. «Seit zwei Jahren sind zudem meine Nasennebenhöhlen immer wieder entzündet.» Auch Primarlehrerin Eveline Scherler geht es mies: «Ich leide im Winter oft an Bronchitis», sagt sie. In den Ferien klingen ihre Beschwerden ab: «Aber sobald ich wieder Schule gebe, beginnt alles wieder von vorn.»

Erst seit Kurzem wissen die Lehrerinnen: Ihr Schulhaus ist massiv mit Formaldehyd belastet. Formaldehyd ist ein Gas, das Schleimhäute und Atemwege angreifen kann. An solchen Beschwerden litt auch Catrina Würtenberg. Die Lehrerin lag mehrmals mit Lungenentzündung und entzündeten Kieferhöhlen im Bett. Die Kieferhöhlenentzündungen zerstörten den Nasenknorpel. Würtenberg musste die Nase zweimal operieren lassen. «Es wurde immer schlimmer», erinnert sie sich. «Als mich mein Arzt ein halbes Jahr zur Kur in die Alpen schickte, verschwanden die Schmerzen schlagartig.»


«Die Schulpflege wollte keine Messungen machen lassen»

Wenig später erkrankte Würtenberg an Lymphdrüsenkrebs. Zur gleichen Zeit litten vier weitere Lehrpersonen an Krebs. Eine von ihnen starb. Die Lehrer wurden unruhig. «So viele Krebsfälle in einem kleinen Schulhaus sind ungewöhnlich», sagt Catrina Würtenberg. «Wir wollten wissen, was los ist.» Die Lehrer verlangten von der Volketswiler Schulpflege, dass sie die Raumluft im Schulhaus Hellwies untersuchen lässt. «Aber die Schulpflege weigerte sich», erinnert sich Würtenberg. In ihrer Verzweiflung legten die Lehrerinnen und Lehrer mehrere Tausend Franken zusammen, um die Luft messen zu lassen.

Erst jetzt lenkte die Volketswiler Schulpflege ein: Sie liess den Baubiologen Guido Huwiler kommen. Er äusserte den Verdacht, die Luft könnte mit Formaldehyd belastet sein. Formaldehyd ist vor allem in Möbeln und in Spanplatten enthalten. Es kann auch Krebs im Nasen-Rachen-Raum verursachen. Ob Formaldehyd auch für Tumore in anderen Körperteilen verantwortlich ist, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Die Schulpflege wollte die Lehrer zunächst nicht über das Resultat der baubiologischen Untersuchung informieren. «Wir erhielten den Bericht erst, nachdem wir ihn mehrmals verlangt hatten», erinnert sich eine Lehrperson.


Doppelt so viel Formaldehyd wie Bundesamt empfiehlt

Im Herbst 2008 beauftragte die Schulpflege endlich eine Spezialfirma damit, den Formaldehyd-Gehalt im Schulhaus zu messen. Wieder hielt die Schulpflege den Bericht unter Verschluss. Auch der Gesundheitstipp erhielt die Messergebnisse nicht. Den Lehrern und den Eltern gab die Schulpflege im Dezember eine kurze Zusammenfassung des Berichts ab. Das Resultat der Messung ist alarmierend: Im Schulhaus Hellwies betragen die Formaldehyd-Konzentrationen bis zu 250 Mikrogramm pro Kubikmeter. Das ist doppelt so viel wie die Maximalbelastung, die das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt.

Hellwies ist nicht die einzige Schule, die mit giftigen Stoffen belastet ist. Vor ein paar Jahren zeigte eine Stichprobe des Gesundheitstipp, dass in vielen Schulhäusern giftiger Fugenkitt mit polychlorierten Biphenylen (PCB) eingebaut ist. In einigen Schulen wurde auch Asbest entdeckt. Zudem gibt es zahlreiche andere Schulhäuser, in denen der Formaldehyd-Gehalt den Richtwert übersteigt.

Andere Gemeinden reagierten rasch: Im thurgauischen Felben-Wellhausen liessen die Behörden ein Schulhaus sofort räumen, als die Messung einen erhöhten Formaldehyd-Gehalt zeigte. Auch im Schulhaus im Gut in Zürich quartierten die Behörden zehn Klassen aus, obwohl dort weniger Formaldehyd als in Volketswil festgestellt wurde, nämlich 193 Mikrogramm. Markus Dietschi von der Fachstelle für Luftreinhaltung der Stadt Zürich sagt: «Für die Gesundheit der Schüler und Lehrer ist es unerlässlich, dass sie in giftfreie Räume ausweichen können.»

Doch die Volketswiler Schulpflege will die Hellwies-Schule nicht räumen. Der Schulbetrieb geht weiter. Schulpflegepräsidentin Rosmarie Quadranti behauptet: «Die Gesundheit der Schüler und Lehrpersonen ist im Normalbetrieb nicht gefährdet.» Quadranti bestreitet, dass die Krankheiten der Schüler und Lehrer vom Formaldehyd verursacht wurden. Sie schrieb dem Gesundheitstipp auch, sie habe Lehrer und Eltern genügend über das Formaldehyd-Problem informiert. Doch gleichzeitig setzte Rosmarie Quadranti Lehrerinnen unter Druck, die dem Gesundheitstipp von ihren Beschwerden erzählt hatten: Sie zitierte die Lehrerinnen zu einem Gespräch.


Der Rat der Schulpflege: Lüftet die Schulzimmer!

Statt die Schüler in giftfreie Räume umzuquartieren, empfiehlt die Schulpflege Volketswil dem Lehrpersonal, die Klassenzimmer regelmässig zu lüften: So könne man den Formaldehyd-Gehalt um die Hälfte reduzieren und den Richtwert des Bundesamts für Gesundheit (BAG) einhalten.

Fachleute kritisieren aber, der Richtwert des BAG sei viel zu hoch angesetzt. Markus Dietschi erklärt: «Auch bei Formaldehyd-Konzentrationen, die unter dem BAG-Wert liegen, können gesundheitliche Beschwerden auftreten.» Der Verein Deutscher Ingenieure, die grösste Vereinigung von Technikern und Wissenschaftlern in Deutschland, empfiehlt eine Formaldehyd-Konzentration unter 30 Mikrogramm.

Die Volketswiler Schulpflege weiss noch immer nicht, aus welchen Bauteilen das Formaldehyd austritt. Der Verdacht, dass das Gift aus Deckenelementen stammt, die vor einigen Jahren im Hellwies eingebaut wurden, hat sich nicht bestätigt. Fachleute vermuten, dass das giftige Gas aus Schränken entweicht. Diese waren beim Bau des Schulhauses im Jahr 1968 montiert worden. Schulpflegepräsidentin Quadranti sagt: «Wir eruieren jetzt die Formaldehyd-Quelle. Sobald sie festgestellt ist, wird sie im ganzen Schulhaus entfernt.»

Fachleute vermuten, dass auch andere Volketswiler Schulhäuser mit Formaldehyd belastet sein könnten. Denn die Schulhäuser Feldhof und Lindenbüel wurden zur gleichen Zeit erbaut wie die Hellwies-Schule. Catrina Würtenberg arbeitete fast 20 Jahre lang im Feldhof-Schulhaus, bevor sie ins Hellwies wechselte. «Als ich im Feldhof unterrichtete, litt ich ebenfalls an Atemwegkrankheiten», erinnert sie sich. Seit einem Jahr ist sie pensioniert – und wieder gesund. Atemwegbeschwerden hat sie keine mehr, der Krebs verschwand dank einer Therapie. «Mir geht es heute blendend», sagt sie.


Tipps: Gift in der Schule – So schützen Sie Ihr Kind

  • Sprechen Sie mit Lehrkräften und Schulleitung, wenn Sie den begründeten Verdacht haben, dass die Schule Ihres Kindes mit Giftstoffen belastet ist.
  • Wenn das Gespräch nichts bringt: Verlangen Sie von der Schulpflege, dass sie das Schulhaus untersuchen lässt und die Mängel behebt. Dies per Einschreibebrief und mit beigelegtem Arztzeugnis.
  • Schliessen Sie sich mit anderen Eltern zusammen. Die Forderung nach Sanierungsmassnahmen hat mehr Gewicht, wenn viele Eltern sie verlangen.
  • Lassen Sie sich beraten bei einer kantonalen oder städtischen Fachstelle für Lufthygiene oder bei einem Kantonslabor.



Weitere Informationen

Merkblatt «Formaldehyd in der Innenraumluft»: Sie können es herunterladen unter www.bagchem.ch

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