Vera Isler, 69 «Ich habe keine Brüste mehr»

Gesundheitstipp 12/2000 vom

Die Fotografin über Migräne, Selbstmordgedanken und ihre Tattoos auf der Brust

Eigentlich wollte sie sich nur die Brüste verkleinern lassen. Als die Ärzte einen Tumor fanden, liess Vera Isler beide Brüste amputieren. Auf den Narben prangen heute tätowierte Blumenmuster.

Frau Isler, Sie haben vor zwei Jahren beide Brüste amputieren lassen. Weshalb?

Ich wollte meine Brüste verkleinern lassen. Sie waren sehr gross, und ich hatte Ekzeme und Rückenschmerzen. Der Arzt machte eine Mammographie und entdeckte einen Krebsknoten.


Nur eine Brust war betroffen. Warum haben Sie sich beide Brüste amputieren lassen?

Ich gehöre zu den 20 Prozent Frauen mit aggressiverem Brustkrebs. Es wäre eine Frage der Zeit gewesen, bis sich eventuell auch in der anderen Brust Knoten gebildet hätten. Ich wollte nicht zittern und bangen. Und ich wollte nicht einseitig herumlaufen.


Wie fühlen Sie sich heute?

Eigentlich sehr gut. Ich habe immer unter meinem grossen Busen gelitten. Die meisten merken gar nicht, dass da kein Busen mehr ist. Viele sagen, ich sähe plötzlich jugendlich aus. Mein Mann ist kein Busenfetischist, ich gefalle ihm auch so. Sexuell haben wir dadurch keine Probleme.


Weshalb haben Sie sich Blumen auf die Narben tätowieren lassen?

Durch ein Missverständnis. Die Ärzte schlugen vor, nach einer Rekonstruktion der Brust den Warzenvorhof tätowieren zu lassen. Mit künstlichen Nippeln hätte das wie echte Brüste ausgesehen. Ich aber sah beim Wort Tattoo nicht Mammahöfe, sondern Ornamente. Die Vorstellung gefiel mir so sehr, dass ich ein Blumenmuster entwarf und es sechs Monate später auf die Stelle tätowieren liess, wo früher der Busen war.


War das schmerzhaft?

Ja, weil die Narben noch sehr frisch waren. Ich kann Frauen, die mutig und selbstbewusst sind und wegen Brustkrebs ihre Brüste verloren haben, ein Tattoo nur empfehlen. Nach der Operation würde ich aber mindestens ein Jahr warten, das Tätowieren schmerzt dann weniger. Brustkrebs kann bei ihnen immer noch ausbrechen.


Haben Sie Massnahmen zur Sterbehilfe getroffen?

Ja. Ich bin bei Exit.


Treiben Sie Sport?

Ich schwimme und mache im Fitnesscenter Spinning, intensives Velofahren zu Musik. Beides entlastet den Rücken und hält fit. Längere Gehstrecken lege ich mit dem Trottinett zurück.


Rauchen Sie?

Ich habe vor 15 Jahren aufgehört. Ich rauchte zwei Päckchen am Tag. Aufgehört habe ich, weil ich darin die letzte Chance sah, meinen schlimmen Migräneanfällen Herr zu werden. Die Migräne wurde ich nicht los, aber ich blieb Nichtraucherin.


Wann bekamen Sie Migräne?

Mit 25 Jahren ging das richtig los. Die Anfälle kamen schubweise, alle zwei, drei Tage, und waren unbeschreiblich heftig.


Und heute..?

... sind die Anfälle praktisch weg! Nach der Menopause bekam ich Östrogen. Die Migräneanfälle wurden etwas seltener, dafür so heftig, dass ich sogar an Selbstmord dachte. Ich setzte das Östrogen ab - und war drei Monate später meine Migräne praktisch los. Ich habe immer wieder eigenartige Sachen.


Zum Beispiel?

Ich verlor plötzlich meine Stimme, als ich von heute auf morgen mit dem Rauchen aufhörte. Die Ärzte standen vor einem Rätsel. Ich musste deshalb zur Krebsabklärung. Nach drei Monaten kam die Stimme genauso plötzlich zurück. Wahrscheinlich waren die Stimmbänder durchs Rauchen geschwollen; diese Schwellung bildete sich so schnell zurück, dass sie sich vorübergehend nicht mehr berührten.


Sie sprachen von Suizid. Haben Sie je einen Versuch gemacht?

Nein, aber ich war nah daran. Vor allem in meiner Depressionsphase.


Erzählen Sie.

Ich hatte früher nie Depressionen, obwohl ich Anlass dazu gehabt hätte: Als kleines Mädchen verlor ich meine Eltern im Konzentrationslager, ich hatte eine schwere Kindheit und eine extrem miese erste Ehe. Später hatte ich massive Magen-Darm-Beschwerden. Ich wurde auf Krebs untersucht. Das Resultat verzögerte sich - und ich schloss mit dem Leben ab. Erst nach Wochen erfuhr ich, dass ich gar keinen Krebs hatte. So absurd es klingt: Ich wollte trotzdem nicht mehr weiterleben und sank in eine schwere Depression.


Und wie sind Sie die Depression losgeworden?

Nach vier Jahren waren die Depressionen plötzlich weg, von einem Tag auf den anderen. Zuvor konnte kein Psychiater helfen; ich lief sowieso jedem nach zwei Sitzungen davon. Auch Psychopharmaka hatten nichts genützt.


Nehmen Sie andere Medikamente?

Ja, gegen Bluthochdruck. Der sauste wegen Ärger und Stress einmal so in die Höhe, dass das Messgerät des Arztes versagte. Die Skala genügte nicht, um den effektiven Wert anzuzeigen! Andere wären gestorben. Es dauerte zwei Wochen, bis mein Körper sich davon erholt hatte.

Interview: Caroline Doka
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