Gummibärchen & Co. sind bunt - und schädlich

Gesundheitstipp 11/2004 vom

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Künstliche Zusatzstoffe in Lebensmitteln stehen schon länger unter Verdacht, krank zu machen. Nun bestätigt eine Studie: Sie machen Kinder aggressiv und überaktiv.

Wenn Pascale Häni einkaufen geht, hat sie ihren E-Nummern-Führer stets dabei. Vor dem Regal prüft sie, was in den Einkaufswagen darf. Seit zwei Jahren kontrolliert Häni ihre Einkäufe peinlich genau. Zuvor hatte ihr 10-jähriger Sohn während sechs Jahren täglich mehrere Stunden Schreianfälle. Weder Therapien noch das Medikament Ritalin hatten daran etwas geändert. Bis Pascale Häni die Ernährung umstellte: Sie verbannte jeden künstlichen Zusatzstoff und alle Nahrungsmittel, die beim Sohn Reaktionen auslösen könnten, aus der Küche. «Seither geht es der ganzen Familie besser. Auch ich bin viel weniger nervös», stellt sie fest.

Häni ist nicht allein mit ihren Erfahrungen. Denn erneut hat eine Studie gezeigt: Konservierungsmittel und künstliche Farbstoffe können Kleinkinder aggressiv und hyperaktiv machen. In ihrer Untersuchung gaben die britischen Wissenschaftler 300 dreijährigen Kindern eine Woche lang nur Nahrungsmittel ohne Lebensmittelfarben und Konservierungsstoffe. Danach erhielt ein Teil der Kinder Getränke mit einem Cocktail aus 20 mg künstlichen Farbstoffen:
- gelbes Tartrazin (E 102)
- rotes Azorubin (E 122) und
- Cochenillerot (E124).
In den Getränken waren zudem 45 mg des Konservierungsmittels Natriumbenzoat (E 211). Weder Kinder noch Eltern wussten, ob ihr Getränk diese Zusätze enthielt.
Während vier Wochen beobachteten die Eltern ihre Kinder. Das Resultat: Wenn sie keine Zusatzstoffe erhalten hatten, waren sie wesentlich ruhiger. Wenn die Kleinen hingegen die Getränke mit den Farb- und Konservierungsstoffen getrunken hatten, waren sie vermehrt überaktiv und aggressiv.

Für Professor Kurt Baerlocher, sind die Resultate der Studie aussagekräftig, weil man «das Verhalten der Kinder im alltäglichen Umfeld beurteilt». Der Kinderarzt und Ernährungsspezialist: «Bei einem wissenschaftlichen Test machen Kleinkinder meist interessiert und aufmerksam mit.»

Auch für den Kinderneurologen Joseph Egger gibt es keine Zweifel, dass Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln das Verhalten von Kindern beeinflussen können.

Der Professor lehrt im italienischen Meran und hat in seinen Untersuchungen festgestellt: «Synthetische Nahrungsmittelzusätze wie Farb- und Konservierungsstoffe sind der häufigste Grund für Verhaltensprobleme.» Meistens seien aber auch noch Nahrungsmittel wie Kuhmilch, Schokolade, Käse, Getreide, Eier, Zitrusfrüchte zusätzlich beteiligt.

Eggers Studien ergaben: Bei 50 bis 80 Prozent der hyperaktiven Kinder ändert sich das Verhalten mit entsprechender Ernährung positiv. Wie die Stoffe auf das Gehirn wirken, darüber sind sich die Fachleute nicht im Klaren. Sie vermuten eine Art «allergische» Reaktion des Gehirns.

Uneinig sind sich die Experten über die nötigen Massnahmen. Der Arbeitskreis Ernährung und Verhalten AEV empfiehlt Eltern von hyperaktiven Kindern, zuerst vier Wochen lang strikte die Ernährung umzustellen. Sie darf keine künstlichen Zusatzstoffe enthalten. Auch Milch, Zucker und Weizen müssen in diesem Zeitraum aus dem Menüplan gestrichen werden. Danach sucht eine Kinesiologin mithilfe von Tests nach den individuellen Unverträglichkeiten des Kindes. Fachleute des AEV stellen aufgrund dieser Ergebnisse eine entsprechende Ernährung für das hyperaktive Kind zusammen. «Wenn eine Familie diesen Ernährungsplan strikte befolgt, ist der Erfolg gleich gross wie bei Medikamenten», betont Sonja Hutter vom AEV.

Für Kurt Baerlocher hingegen sind solche strengen Diäten nicht angebracht. Denn sie können für Kinder «gesundheitliche und psychische Folgen haben». Er empfiehlt deshalb den Eltern, ein Ernährungsprotokoll zu führen und das Verhalten des Kindes zu beobachten. «Meistens wird dann klar, ob das Kind auf ein Nahrungsmittel reagiert oder nicht.» Ein Arzt kann daraufhin eine weniger rigorose, dem Kind angepasste Diät zusammenstellen.



E-Nummern: Vorsicht mit Tartrazin

Bei Lebensmitteln stehen E-Nummern in der Zutatenliste. Doch längst nicht jeder E-Zusatz ist ungesund. Es gibt auch harmlose und natürliche Stoffe - etwa den Curry-Bestandteil Curcumin (E100) und Randensaft (E162).

Bedenklich sind unter anderem folgende Farbstoffe, weil sie Reaktionen auslösen können:
- E 102 Tartrazin (gelb)
- E 110 Gelb-orange
- E 122 Azorubin (rot)
- E 124 Cochenillerot
Diese Farbstoffe kommen häufig in Süssigkeiten und in bunt gefärbten Kindergetränken vor. Meiden sollten Kinder auch die Konservierungsstoffe E 210 bis E 283.
Diese Zusätze sind häufig in Konserven, Wurstwaren und haltbaren Backwaren enthalten, aber auch in einigen Getränken.

Bücher
- Pulstipp-Ratgeber: «E-Nummern», zu bestellen auf S. 13 oder unter www.pulstipp.ch
- Margrit Sulzberger, Sonja Hutter: «Kochen für hyperaktive Kinder», Fr. 24.90, AT-Verlag

Informationen
- Arbeitskreis Ernährung und Verhalten AEV, Tel. 062 212 00 51, www.aev-schweiz.ch
- Elternvereinigung Elpos, www.elpos.ch
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