Umstrittene Heuschnupfen-Pille

saldo 07/2008 vom

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Seit Anfang März bezahlen Krankenkassen die Pille Grazax gegen Heuschnupfen. Doch sie ist sehr teuer und die Wirkung nur wenig besser als bei einem Scheinmedikament.

Die Pille hat einen eigenwilligen Wirkstoff: Pollen des Wiesenliesch-Grases. Patienten, die unter Heuschnupfen leiden, sollen sie laut dem Hersteller unter die Zunge legen. Über die Mundschleimhaut nimmt der Körper die Pollenstoffe auf und soll sich so an die fremde Substanz gewöhnen. Das Verfahren ist neu: Bis anhin mussten sich Patienten beim Arzt eine Spritze in den Bauch geben lassen, um sich gegen die Pollen zu impfen.

Auch Anleger fanden die Idee der Impfpille innovativ: Als die dänische Firma Alk-Abello das Medikament auf den EU-Markt brachte, verdoppelte sich der Kurs ihrer Aktie. Seit dem 1. März bezahlt in der Schweiz die Grundversicherung die Pille.


Teure Therapie: 580 Franken für hundert Tabletten

Doch viele Fachleute sind ernüchtert. Bereits Ende 2006 schrieb das deutsche «Arznei-Telegramm», die Bilanz der Impfpille sei «negativ». Auch heute kommt die Pille nicht besser weg, sagen Fachleute im Februarheft des englischen «Drug and Therapeutics Bulletin». Alle drei bisherigen Studien würden aufzeigen, dass Grazax nur wenig besser wirke als ein Scheinmedikament. Eine direkter Vergleich mit der erprobten Impfspritze fehlt zudem bis heute. Die Autoren kommen zum Schluss: «Es gibt keine überzeugenden Resultate für Grazax.»

Zudem klagt jeder zweite Patient über Juckreiz im Mund. Andere Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Engegefühl in der Speiseröhre oder Kribbeln in Armen und Beinen.

Auch ist die Impfpille sehr teuer. Eine Therapie mit hundert Tabletten kostet über 580 Franken – etwa doppelt so viel wie die Impfspritze und rund zehnmal so viel wie das Medikament Loratidin Helvepharm, das Beschwerden bei Allergien lindert.

Auch für den Arzt Peter Schmid-Grendelmeier, Leiter der Allergiestation am Universitätsspital Zürich, ist klar: «Grazax ist kein Wundermittel.» Es sei noch «fraglich», wie viel die Pille den Patienten bringe.

Für Peter Fischer, Geschäftsführer der Alk-Abello, ist die Kritik unbegründet. Fischer schreibt saldo, dass die Pille in der EU und in der Schweiz zugelassen sei, weil sie wirke und sicher sei. Die Wirkung von Grazax könne man mit der Behandlung durch die Spritze vergleichen, auch wenn eine direkte Gegenüberstellung nicht vorliege: «Eine solche Studie würde etwa 50 Millionen Franken kosten und ist praktisch undurchführbar.» Grazax sei aber sicherer als die Spritze, weil schwere Reaktionen des Immunsystems bis jetzt nicht vorgekommen sind.


Vertrauen in Hersteller hat stark nachgelassen

Die Firma empfiehlt Patienten, Grazax drei Jahre lang zu nehmen. Fischer rechnet vor, dass man in dieser Zeit mit der Grazax-Therapie im Vergleich zur Spritze rund 1000 Franken sparen könne: «Ein simpler Vergleich der Packungspreise ist unzureichend.»

Bei den Anlegern ist allerdings die Euphorie verflogen. Der Kurs der Aktie von Alk-Abello ist Anfang Jahr völlig eingebrochen. Kommentar des Medikamentenherstellers dazu: In einer US-Studie sei die Wirkung von Grazax zum Teil statistisch nicht aussagekräftig gewesen. Man wolle die Studie deshalb wiederholen.
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